Hrachov – Stedronin (#3wegsam24)

Im noch kühlen Morgenwind zu radeln tut mir gut. Auch wenn es sofort bergauf geht.Warum das heute anders ist als gestern, geht mir durch den Kopf. Ich verausgabe mich nicht, und fahre doch einen Weg, den ich mir selbst kaum zugetraut hätte, vor kurzer Zeit noch. Weil ich ihn im eigenen Tempo gehe, wird es ein guter Weg.
An frühere Zeiten erinnere ich mich, als ich in den Bergen immer die langsamste und letzte war, so hat es sich in meinem Kopf eingeprägt. Schon als Kind, später zu Studienzeiten mit den Freunden, immer genügte ich nicht dem Tempo. Oder konnte dieses nur mithalten, wenn ich keuchte und schnaufte und am Abend restlos erledigt war. Aus dieser Zeit muss der Reflex stammen: Wenn es in die Berge geht, sei vorher bitte angespannt. Dies hat seinen guten Grund.
So war es ja gestern. Mein Uraltmuster hatte leichtes Spiel, mal wieder. Gefangen im Respekt vor den Anstiegen, innerlich angespannt habe ich mich selbst der Strecke in den Weg gestellt. Erst im Laufe des Tretens, des Schiebens auch, konnte ich mich von den Uraltängsten freimachen.
Heute hilft mir das Gestern. Heute weiß ich schon, dass ich auch gestern hochgekommen bin. Dass ich – wie jetzt schon so oft mit dem Rad – einfach Tritt für Tritt fahre, kaum müde werde, alles langsam mache, absteige wenn es passt, so dass ich all die Zeit im gleichen Rhythmus bin. Dass ich dann, egal wie lange es bergauf geht, oben ankomme.

Ja, wenn ich innerlich ruhig bleibe, ist es ein überwältigendes Gefühl, auf die Berge hinaufzufahren. Während des Aufstiegs wird es ganz still in mir. Manchmal begleite ich mich selbst durch ein rhythmisches Klavierspielen der Finger, oder ich lausche meinem Atem, stelle diesen auf die Trittfrequenz ein. Oft aber ist Zeit nach rechts und links zu schauen. Da ist so viel zu sehen und zu hören, wenn ich nur langsam bin. Geschenke des Aufstiegs.
Obensein belohnt durch Abgeschiedenheit, zumeist, durch stille Dörfchen, durch die ich andächtig rolle, und durch den weiten Blick. Atemberaubend, immer wieder. Auf Fotos lässt sich das nicht zeigen. Ein ums andere Mal bin ich enttäuscht, wenn ich auf den Auslöser gedrückt habe.
Die Abfahrt belohnt durch den kühlenden Wind und das Gefühl zu fliegen. Oft bremse ich, um dieses Gefühl länger für mich zu bewahren.
Später am Tag treffe ich auf eine Hochebene, so ähnlich könnte man die nur noch leicht auf und ab schwingende Landschaft nennen. Ganz ungewohnt plötzlich, durch Treten in eine hohe Geschwindigkeit zu kommen und kurvige Landstraßen entlangzuschwingen. Seit zwei Tagen hatte ich das nicht. Auch mal wieder schön:)
Heute ist Glücksgefühlstag, irgendwie. Bei allen Anstrengungen, die der Weg fordert, nicht weniger als gestern sind das, bleibe ich viel mehr in mir und atme die Strecke ein …

Essen, übrigens, Essen finde ich auch. Ich weiß nun schon, dass es in den Dörfern oben oft schlecht aussieht mit Einkaufsmöglichkeiten. Gestern hatte ich nichts mehr gefunden, konnte nur aus den Langzeitvorräten – Nudeln mit rot – kochen und morgens ein trockenes Hörnchen mit den letzten Partnerortkeksen frühstücken.
Jetzt am Fluss, ein Laden, ich kaufe einen Korb voller Essen. Joghurt, Käse, Obst, neue Hörnchen, Waffeln. Bis zur Ankunft am Abend ist das nahezu alles weg. An den besten Picknickplätzen der Welt: unter einer riesigen Kastanie mit Weitblick, an einem Dorfteich in der Mittagsstille, an einem See, der auch in der Berliner Umgebung hätte liegen können.
Und wieder finde ich am Abend keinen Laden, um die Vorräte fürs nächste Frühstück aufzufüllen. Obwohl die Ortschaft recht groß und mit einigen Gasthäusern versehen ist – ein Lebensmittelgeschäft ist nicht dabei. Immerhin habe ich diesmal noch zwei Hörnchen, ein Stück Käse und eine Nektarine übrig. Geradezu fürstlich:)

Im Laden übrigens bin ich – trotz Selbstbedienung – in der Lage, den gesamten Laden aufzuhalten. Als ich nämlich an der Kasse frage, wo die alten Batterien zu entsorgen seien. Sie zeigt auf eine Kiste, ich bin kurz davor, die Batterien hineinzuwerfen, als sie „(a)no“ sagt. Ich verstehe natürlich „no“ und ziehe reflexhaft meine Hand zurück. Weise auf die anderen Kisten, sie redet und redet, die scheinen alle falsch zu sein, ich tue wiederum meine Hand an jene Kiste, sie wiederum „(a)no“, ich zucke wiederum zurück. Letztlich kommt sie um ihren Tisch herum, wirft die Batterien selbst dort hinein, wir lachen, und ich erinner mich: „ano“ heißt „ja“.
(Warum eigentlich klingt „nein“ in allen Sprachen so ähnlich, beginnt jedenfalls immer mit n, und „ja“ hat so unterschiedliche Namen – yes, oui, si, tak, da, ano … wie kommt das?)

Heute habe ich meinen Radweg Nr. 7 wiederbekommen. Warum auch immer – so lange ich im mitteltschechichen Kraj unterwegs war vielleicht? – hatte der andere Nummern. Durch Prag hindurch war es die A2, nach einem kurzen namenlosen Stück wurde die 301 daraus, dann die 111. Erst hier heißt er wieder 7 und hat den dreieckigen blauen Moldau-Aufkleber. Man findet sich wieder ohne langes Kartenstudium zurecht.
So straßenfern wie damals ist er allerdings nicht mehr. Im Gegenteil, man fährt zumeist auf kleinen Autostraßen. Die sind zu 95% unbelebt. Nur die 5% Fernstraße, über die ich am Abend muss, die sind äußerst unangenehm. Ab und zu rasen Autos in beängstigender Nähe vorbei.
Irgendwo auf einer Straßenkreuzung treffe ich eine herumsuchende Alleinradlerin. Sie fragt mich auf englisch nach dem Weg, ich kann helfen, wir reden so über das Radfahren und dies und das, ganz leicht komme ich mit ihr ins Gespräch, als plötzlich – wir stehen ja mitten auf einer Dorfkreuzung – doch mal ein Auto kommt. Es könnte locker hinter uns vorbeifahren, der Rest der Welt hat ihm Platz gemacht, doch es hupt. Klar, wir stehen auf seiner Spur.
„She must be a teacher“, sagt die Frau. Bestimmt hätte sie jetzt schon zu lange Ferien gehabt und hätte es ganz dringend gebraucht, einmal wieder Recht gehabt zu haben. Ich sage, dass ich auch eine Lehrerin bin. Oh, sagt sie, ich auch. Wir lachen gemeinsam, offenbar über genau das Gleiche. Es scheint keine großen Unterschiede zu geben zwischen hier und dort …

Am Abend will ich an den letzten Ausläufern des Orlik-Stausees bleiben. Den Damm hatte ich mir nicht angeschaut, auch sonst bin ich vorher nicht zum See hinuntergefahren. Erst hier muss ich den See ohnehin queren. Eine Brücke mit spektakulärem Blick auf die felsigen steilen Ufer. Ich kann mich kaum sattsehen …
Aber ich bin noch nicht angekommen. Der auf der Karte und im Netz angegebene Campingplatz existiert wieder nicht, das scheint hier öfter vorzukommen.
Aber wieder gibt es keinen Grund für einen längeren Schreck, denn auch hier findet sich in wenigen Kilometern Entfernung eine andere Möglichkeit. Es ist sogar fast ohne Höhenmeter zu erreichen. Erstmals seit Tagen habe ich ein Kemp nicht für mich, hier ist alles voller Jugendgruppen, das scheinen pfadfinderartige Lager zu sein.
Aber: Diese Art von Belebtheit stört mich überhaupt nicht. Die Mädchen in der Dusche, die Kleinen bei ihrer Abendrallye, die Lagerdisko in der Ferne, das Lachen beim Uno-Spiel in großer Runde – das alles tut mir sogar gut. Vielleicht doch ein wenig Sehnsucht nach der Arbeit?
Obwohl ich gerade heute feststelle, dass ich schon fast vier Wochen unterwegs bin und mir ein ewiges Unterwegssein vorstellen könnte. Vielleicht kann ich es mir ja nur deswegen vorstellen, weil ich weiß, dass es unweigerlich enden wird?

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5 Kommentare

  1. Ganz am Schluss deines wieder sehr lebendigen Berichts komme ich ins grübeln und überprüfe wie es eigentlich bei mir ist, kann ich mir gewisse nur deswegen gut vorstellen, weil das Ende in Sicht ist oder weil etwas anderes doch noch im Hintergrund ist? Spannend, dem lausche ich jetzt noch ein Weilchen. Danke auch dafür und herzliche Grüsse
    Ulli

    Gefällt 1 Person

    1. Das Ende und der Hintergrund … ich glaube, das spielt immer mit, wenn wir Dingen eine (persönliche) Bedeutung verleihen. Manches wird erst im Kontrast wertvoll, glaube ich, für mich jedenfalls. Dieses sehr einfache Leben hier, mit nur dem Nötigsten, wie wäre das wohl, wenn ich keine andere Wahl hätte? Wenn ich nicht privilegiert wäre, hinterher, zumal wenn der Winter kommt, wieder in ein warmes Heim einziehen zu können, mit einer gut ausgestatteten Küche, mit einem Dach über dem Kopf in jeder Hinsicht … Ich glaube, das Reisen, auch in andere Lebenssituationen, hat gerade deswegen seinen Wert, weil man hinterher dankbar und sehenden Auges sozusagen auf das Eigene schaut. Und natürlich, weil sich ein wenig des Überflüssigen möglicherweise wegwerfen lassen, hoffe ich, so wie jedes Mal.
      Aber wie ein „Landstreicher“-Leben, ein nomadisches Dasein für immer wäre

      Gefällt 1 Person

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