Mechenice – Hrachov (#3wegsam23)

Der Morgen ist laut. Ja, ich schlafe neben der Fernverkehrsstraße, auf der ich gestern die letzten und heute die ersten Kilometer zurücklege. Erstaunlich, dass ich dies nachts nicht hörte.
Der Morgen ist neblig. Nichts zieht mich aus dem Zelt. Die Strecke wird bergig, und auch wenn der Wirt (und die Natur, der Blick auf die Karte ja auch) mir sagen, dass es „dort oben“ wieder „romantisch“ wird, fehlt mir der Antrieb, den heutigen Tag zu beginnen.

Schnellstraße also. Bevor die Steigung beginnt, fotografiere ich den Fluss, ich werde ihn für eine Weile verlassen. Länger verweilen aber ist nicht schön, wegen des Autolärms.
Weg geht es von der Moldau, durch ein Gebirgsbachtal, zunächst auf bequemem Asphaltweg hinauf, rechts und links liegen verstreute Häuschen.
Durch eine Furt ist der Bach zu überqueren, zum Hindurchfahren ist es mir zu glitschig, zum Laufen ist das Wasser für meine Schuhe zu hoch. Also barfuß schieben. Hinterher die Füße in der Sonne trocknen lassen.
Von hier ab wird es steil. Der Asphaltweg ist zerbröselt, die 200 Höhenmeter sind auf kaum zwei Kilometer verteilt, ich passe. Das heißt, ich steige ab. Radwandern, so nennt man diese Tätigkeit dann wohl, der ich keuchend nachgehe.
Das fängt ja gut an mit den unbekannten Etappen. Klar, ich hatte davon gelesen, dass es ein bergiger Weg ist. Aber doch nicht so? Wenn das so bleibt, werde ich nicht am Sonntag in Südtschechien sein können. Oder aber auf Straßen ausweichen müssen, die Route neu legen … Anfänge solcher Gedanken sind da im Kopf, während der sehr langen zwei Kilometer. Aber die zwei Kilometer gehen vorbei, die Gedanken auch. Denn im Moment bin ich hier. Was an den nächsten Steigungen wird, weiß ich nicht. Wie weit ich kommen werde, auch nicht. Alles wird sich finden.

Es wird noch den ganzen Tag auf und ab gehen. Doch niemals mehr so heftig wie am Anfang. Die meisten Anstiege schaffe ich ohne abzusteigen, langsam, ganz wie ich kann, aber ich fahre. Es ist das eigene Tempo, was einem die Kraft verleiht hinaufzukommen.
Oben schenken sich unglaubliche Blicke in die Weite der Berge. Immer hoffe ich, da unten irgendwo die Moldau zu entdecken, nein ich bleibe flussfern, ohne Blickkontakt zum Wasser. Aber ein Traum sind die Blicke von hier oben auch so. Wie immer in den Bergen: Der Schweiß lohnt sich.
Ich wundere mich allerdings, wie oft ich von der Landschaft abschweife, ins Denken hinein gerate, wie weit und ob und ob nicht, solche Planungsüberlegungen. Meine sonstige Bergruhe ist nicht bei mir. Vielleicht weil ich nicht absehen kann, wie hoch und weit es noch wird, weil ich die Steigungen immer wieder unterschätze, weil ich der Straßenkarte so gut wie nichts an Informationen entnehmen kann. (Ja, ich weiß, ich könnte das alles elektronisch herausfinden. Doch dazu ist mir die Zeit in der Landschaft zu schade. Ich habe mich in den letzten Tagen an Reisen nach Papier, Schildern und Sonnenstand gewöhnt, das fühlt sich befreit an und soll auch so bleiben:))

Im Laufe des Tages werde ich müde und setze mich immer wieder an den Straßenrand, dort wo es einladend aussieht. Ein Eis, mitten in einem verlassenen Dorf, eine Treppe mit Blick, für mein Mittagspicknick, eine Bank mitten am Berghang, eine Wiese an einem Teich, so Luftholorte.
Nach 40 Kilometern und 600 Höhenmetern sehe ich erstmals wieder den Fluss, bin unten, fahre rüber. Unglaublich, wie weit und still er ist. Ein See quasi.
Drüben schraube ich mich wieder hoch. Nachmittags fällt mir das leichter, nachmittags erst komme ich richtig in Form.

Gegen sechs Uhr laufe ich einen kleinen Campingplatz an, so schön liegt er, direkt am Fluss. Doch: er ist zu. Einfach zu. Ein Mann auf der Straße sagt mir, seit Ende Juli sei er geschlossen. Eine niegelnagelneue Campinganlage steht mit Sicherheitszaun verschlossen in der Landschaft. Sieht aus wie ein Bankrott, als hätten sich all die neuen Einrichtungsteile nicht abbezahlen lassen?
Wo ich denn schlafen könne, frage ich den Mann. Er weiß auch nicht. Orlik, sagt er. Mensch, denke ich, das sind 20 hügelige Kilometer, es ist schon sechs, das schaffe ich im Leben nicht.
Im nächsten Ort sei ein Hotel. Oh je, bloß das nicht. Aber ich fahre hin, hilft ja nichts. Und sehe auf dem Weg an einem See, einer Moldaubucht, ein paar Hütten stehen, das sieht aus wie eine Ferienanlage. Ich spreche einen Mann an, der an seinem Boot werkelt. Ja, dort könne ich fragen, der Weg dorthin führe hinten über den Wald. Und oben in Hrachov gäbe es zwei Privatpersonen, bei denen könne man Zelte aufstellen. Er habe leider die Telefonnummern nicht, sonst würde er für mich anrufen. Trotzdem danke, sage ich, und schlängele mich zur Ferienanlage durch.
Und schon stehe ich an einem Biertisch voller lustiger Menschen. Ja, klar, das ginge. Sie zeigen mir alles, nennen den Preis (wie auf allen Zeltplätzen, immer sind es 200 Kronen), ich trinke vor Erleichterung und Ankommensfreude erstmal ein Bier, und dann bin ich da. Ein riesiger Wald für mich, außer mir zeltet hier niemand, alle anderen wohnen in Hütten.

Als ich aufgebaut und gekocht habe, gehe ich für ein weiteres Bier nach vorn. Gemütlich hier. Viele scheinen sich zu kennen. Das Sprechen ist schwierig, sie können nur wenig deutsch und englisch, sind trotzdem sehr zugewandt. Ich trinke mein Bier mit Blick auf den See, schreibe, sitze, bin in Gedanken noch im Tag. Und in den nächsten. Noch vier, dann werde ich in der südtschechischen Stadt meine Kinder treffen. Noch viermal schlafen. Allmählich freue ich mich aufs zweite Ankommen.
Vorher aber liegen vier weitere Radeltage mit Aufs und Abs. Darauf einen Becherovka. Der wird mir hier gerade ausgegeben, ich sage nicht nein.

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2 Kommentare

  1. Ach, deshalb der Zeitdruck! Lass dich bloß nicht aus deinem Flow bringen. (Schlimmstenfall ein Stück Zugfahren?).

    Die Nacht klingt nun ja fast ein bisschen nach Wildzelten. Dass du nicht mehr im Voraus die Plätze planst, finde ich klasse.
    Radelt ihr ab Südtschechien zu dritt weiter?

    Gefällt 1 Person

    1. Eigentlich war ja kein Zeitdruck, ich hatte die Etappen ab jetzt so ungefähr an der Grenzradtour letztes Jahr und an meiner Langsamkeit orientiert, mir war schon klar, dass ich nicht hetzen möchte. Überraschend war nur die erste Steigung, bis zum Abend kam ich wieder in mein gutes Gefühl, glaube ich. Für heute bin ich zuversichtlich.
      Ich könnte auch abkürzen, nicht den ganzen Moldaubogen ausfahren. Das wäre eine Option, dann wäre es auf jeden Fall gut zu schaffen. Nur bin ich eben so neugierig auf Tyn und Hluboka und Budweis und Trebon, dass ich überall durchmöchte – ha, und das verlängert den Weg:) Aber ich werde ihn finden, meinen Weg.
      Nein, von Jindrichuv aus fahren die Kinder für die letzte Ferienwoche nach Berlin, und ich mache den Heimweg, so weit ich ihn schaffe, per Rad. Wieder allein.
      Und dann beginnt die Schule …

      Gefällt 2 Personen

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