Veltrusy – Mechenice (#3wegsam22)

Ein Schleppkahn fährt mitten durch mein Zelt, so scheint es mir, als ich die Luke öffne. Kurz darauf ein Flusskreuzfahrtschiff. Fehlt nur noch die Aida. Nein nein, die ist zu hoch, Brücken sei Dank. Aber sonst ist hier was los, so früh am Morgen. Hauptwasserstraße. Einen Fluss aufwärts radeln hat was: es wird stiller. Mal schauen, ob hinter Prag auch noch so viel Schiffsverkehr herrscht.
Schiffe machen glücklicherweise keinen Lärm, so bleibt der Morgen trotzdem ruhig. Ich sitze und fühle mich gut in und bei mir. Selbst mit dem Gedanken, dass es heute durch Prag geht, freunde ich mich allmählich an. Ich werde dort am Fluss bleiben, nur einmal zum Markt abbiegen, einmal die Karlsbrücke betreten, mehr nicht, wir waren ja erst vor Kurzem hier. Und dann hoffentlich am Abend den Stadtmoloch hinter mir gelassen haben. Ein paar Kilometer hinter Prag gibt es Zeltplätze, bis dorthin sollte es zu schaffen sein.

Schon vor 10 Uhr bin ich auf dem Weg, dem immer noch, für ein letztes Mal, altbekannten, an dem ich jede Wendung erkenne. Bis kurz vor Klecany, wo wir uns damals den Berg hochschraubten, da wage ich diesmal den Uferweg. Der ist ausdrücklich nicht empfohlen, er sei steil und geradezu gefährlich. Aber scharenweise kommen sie dort heraus, ich frage. Doch, der sei machbar, ab und zu müsse man halt schieben. Und so wage ich es.
Es stellt sich als Trampelpfad heraus. Wurzeln, Steine, Sand, alles. Wenn der Pfad weniger als einen Meter von der Uferkante entfernt verläuft, steige ich ab. Wenn die Uferkante mehr als drei Meter über dem Wasser liegt, steige ich ab. Ich steige eigentlich die ganze Zeit ab. Könnte ja sein, dass das Rad sich auf einer der zahlreichen Wurzeln verhoppelt, bei aller Konzentration: Es ist nicht ganz ungefährlich. Zu Fuß fühle ich mich besser. (Wahrscheinlich wäre es oben lang letztlich schneller gegangen. Hinterher ist man schlauer.)
Mit Kindern, übrigens, empfehle ich ausdrücklich, diesen Abschnitt am Ufer keinesfalls zu fahren. Bloß gut, dass wir dies vor zwei Jahren nicht taten.

Und plötzlich tauchen die ersten Häuser auf, ich bin auf den bequemen Asphaltwegen nach Prag hineingerollt, ohne es gemerkt zu haben. Links der Zoo und Schloss Troia, rechts die Kajaktrainingsstrecke auf dem Fluss. Schnell nochmal ins Gebüsch, bevor die Gelegenheiten vorbei sind. Ich stelle mir baldige Häuserschluchten und heftiges Autogedrängel vor.
Doch der Weg hält mich vom wilden Stadtleben fern. Bis kurz vor der Karlsbrücke fahre ich von Autos unbehelligt direkt am Wasser. Erst im unmittelbaren Zentrum ist kein Platz mehr für eine Radspur, deswegen soll man die Straße benutzen, sagt das Schild. Nein danke, die fahren dort dicht an dicht im Schritttempo, ich schiebe lieber auf dem Gehweg.
Schieben wird ohnehin meine Fortbewegungsart über Karlsbrücke und Altstadtmarkt sein. Nur darauf möchte ich einen kurzen Blick werfen, nachdem wir vor zwei Jahren für länger hier waren.

Karlsbrücke und Altstadtmarkt also. Menschendichte wie auf einer Kirmes. Ein volles Fahrrad über einen Weihnachtsmarkt schieben, so etwa ist das. Diese Menschenmassen, was wollen die alle hier? (Andererseits: Was will ich hier?)
Der Touristikbetrieb hat nochmal an Fahrt aufgenommen in diesen zwei Jahren. Was einem da alles angeboten wird. Eis im trdlinek (Schreibung ohne Gewähr) scheint eine neue Mode, alle stehen danach an, alle essen es. Bauchladenverkäufer aller Couleur. Lebendige Werbung für Thai-Massage. Sich mit einer Schlange fotografieren lassen. Magnettäfelchen sind zu erwerben, dazu wird lautstark aufgefordert. Zettel werden einem von allen Seiten in die Hand gedrückt. Es möge bloß nicht langweilig werden.
Fluchtreflexe. Das war mir vorher klar. Noch schnell das Schlagen der Aposteluhr abwarten, dann wühle ich mich hinaus. Bin froh, als ich heil und mit vollständigem Gepäck wieder am Fluss bin.
Von dort muss ich noch wenige Meter Straße schaffen, schon beginnt wieder der separate flussnahe Radweg. Ich atme auf.

Unglaublich: Am Abend bin ich 30 KIlometer durch eine riesige Großstadt gefahren, und davon höchstens 3 Kilometer auf der Straße. Der Rest war separat geführt. Das Gefährlichste waren noch die touristischen Gruppen, die ihre ausgeliehenen Segways, Tandems oder auch nur einfache Fahrräder nicht im Griff hatten.
Anstrengend war allerdings mein Hunger. Ich hatte nur noch trocken Brot im Gepäck. Dort auf den zirkusartigen Plätzen wollte ich einfach nichts essen. Normale Lebensmittelgeschäfte gab es nicht. Die vielen Imbisse am Flussufer, wie sie bis kurz vor der Stadt im dichten Abstand folgten, sind in der Stadt durch Bars ersetzt. Rum, Brandy, Gin, das macht nicht satt:)
So stand ich zitternd vor Unterzuckerung schließlich wieder an der Moldau und rettete mich mit ein paar Keksen aus der Partnergemeinde (noch habe ich reichlich:)) und Traubenzucker.
Später kehrte ich für eine Malinovka, eine Himbeerlimonade, doch noch in einen Imbiss am Fluss ein, als diese wieder „normale“ Gestalt eingenommen hatten.

Am frühen Abend also bin ich durch die Stadt durch, viel besser, als ich zu hoffen gewagt hatte. Das Flusstal ist wieder grün, aber es bleibt laut. Denn es ist eng, Bahn und Fernverkehrsstraße haben nur diesen einen Weg. Der Radweg liegt leider mitten auf dieser Straße, es gibt keine andere Möglichkeit, wenn man alpine Steigungen meiden möchte.
Fernverkehrsstraße mit Feierabendverkehr dröhnt an meinem Ohr. Nicht in, sondern hinter Prag wird der Verkehr anstrengend, wer hätte das gedacht.
Das Tal zieht sich, später wird der Radweg hinaufführen in ruhigere Gegenden. Doch das schaffe ich heute nicht mehr. Meinen Zeltplatz suche ich mir hier an der Strecke, hier an der Straße. Naja, sage ich mir, Zelten in Prag direkt wäre auch nicht stiller gewesen.

Der Ort ist überschaubar, ein winziger Lebensmittelladen verkauft mir mein Frühstück, wiederum agiere ich mit Händen und Füßen, so schnell lerne ich die wichtigen Wörter nun doch nicht. Auf dem Zeltplatz bin ich die einzige. Klar, hier so stadtnah, so laut im engen Tal, das ist keine Ferienlage.
Der Wirt erzählt mir später am Abend, als ich bei ihm ein Bier trinke, dass sie vor allem für Fußballtrainingscamps da sind, dass hier kaum „normale“ Touristen herfinden.
Macht ja nichts. Ist nur ein wenig schwierig, auf der riesigen freien Wiese einen Platz für das Zelt auszusuchen. Wirklich jetzt: wenn so gar nichts dasteht, wenn ich riesige freie Wahl habe, woran orientiere ich mich dann?


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4 Kommentare

  1. Ja, das mit der Auswahl kenn ich auch. Auf Zeltplätzen ebenso wie beim Wildzelten: Vor allem, wenn es überall gut wäre. Dann kommen so Gedanken auf wie: Wo soll der Eingang idealerweise sein, wo bin ich am besten windgeschützt. Und natürlich: Wo fühlt es sich am besten an?
    Eigentlich eine gute Parabel, dieses Auswählen-Können-Ding.

    Prag klingt sowohl sympathisch als auch anstrengend. Gut, dass es so glimpflich gelaufen ist.

    Gefällt 1 Person

    1. Vor allem: Wo scheint mir am Morgen die Sonne ins Zelt? Das versuche ich immer am Abend herauszufinden …
      Prag sollte man vielleicht im nebligen November besuchen. Ob es dann leerer ist? Das dachten wir in Venedig auch schon einmal, und dann war es trotzdem voll …

      Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Auswahl

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