Pistany – Veltrusy (#3wegsam21)

Die Morgensonne und ich sind ganz allein, wir spazieren am Strand entlang und zwinkern uns über den Berg hinweg zu, so ein Erwachen ist das.
Später kommen andere Menschen hinzu, in der Ferne nur, am anderen Ende des Platzes – huch, ich meinte, hier die Einzige zu sein. Offenbar kann man im Haus am Ende des Hanges übernachten, oder aber wohnen, das erschließt sich mir nicht.
Der alte Mann und seine so kranke Frau, die wohnen sicher hier, vielleicht gehören sie zum Zeltplatz, immer schon. Er, der neugierig ist, der mit wachen Augen mein Tun beobachtet, kommt zu mir gehumpelt. Fragt mich, woher ich sei. Und dann erzählt er. Ich verstehe nicht wirklich, wovon er redet. Nur die zentralen Wörter sind nicht zu überhören, Kommunismus, Prag, Moskau, Faschismus, Berlin, die prallen immer wieder aus dem Monolog heraus. Ich weiß nicht, was seine Gedankengänge sind, er hat viel erlebt in seinen Jahren, ich kann nur erahnen, worum es ihm geht. Und er lächelt dabei. Am Ende fragt er mich, wie ich heiße, nennt mir seinen Namen (Heiner? kann ich das richtig verstanden haben?) und schüttelt mir die Hand. Eine Friedensbegegnung. Er lächelt und schaut so offen. Später, als ich abfahre, kommt er nochmals. Um mir zu erzählen, dass er jetzt ins Dorf Bier trinken geht. Ich sage, dass ich abends auch Bier trinken werde:)
Der Morgen ist, während meine Zeltsachen in der Sonne trocknen und ich meinen Kaffee trinke, voller Ruhe. Ich genieße es, jeden Handgriff ganz bewusst zu tun, mich nicht zu beeilen, alle Dinge vor dem Einpacken in der Hand zu haben, sie und die Taschen allmählich in ihre Reiseform zu bringen, während parallel der Blogtext wächst, ich mir noch eine Tasse Kaffee koche, und dann noch eine … so beginnt der Tag richtig. Mit vielen Stunden voller Ruhe.
(Wie lässt sich das in den Alltag übertragen? Mir tut es unendlich gut, morgens so viel Zeit zu haben. Ich würde das gern mit nach Hause nehmen …)

Der Weg dann ist ebenso: Voller Stille. Zunächst eine Stadt, Litomerice, eigentlich mag ich keine Städte auf meinem Weg, aber diese hier ist klein und übersichtlich, und mir gefällt das Eintauchen in die Alltagsgeschäftigkeit ihres Marktplatzes, auf dem eingekauft, geschwätzt, Kaffee getrunken und gelächelt wird. Immer wieder diese Freundlichkeit hier, das fällt mir auf. Das war nicht an allen Abschnitten meines Weges so.
Ein Bankomat spuckt mir endlich tschechiches Geld aus – in druckfrischen, riesigen Scheinen, wer weiß, wo ich die loswerde, und an allen Ecken gibt es Zmrzlina – Eis. Ich fühle mich verlockt. Allerdings würde ich gern das alte, echte Softeis haben, mit dem Karamellgeschmack von damals, ich würde es an der Farbe erkennen, und nicht diese neuen Sorten. Wie alt(modisch) ich doch bin, dass ich Eis von vor 30 Jahren herbeiwünsche, das gibt es sicherlich in ganz Tschechien nicht mehr, und ich werde eisfrei durch meine Tage hier driften …

Der Weg also. Still. An der Elbe entlang. Ihre bisher hügelige Nachbarschaft wird allmählich flacher. Später wird man umgeleitet, wegen Bauarbeiten, auf eine Straße. Auch diese lässt sich gut fahren, die Automengen halten sich in Grenzen. Und im Gegensatz zum eigentlichen Elberadweg, der sehr konsequent autofrei gehalten wird – lieber lässt man die Radler vier Treppen überwinden, als 500 Meter Straße einzubauen – komme ich hier durch ein paar Dörfer. Sie sind still ohne so unlebendig zu wirken, wie ich es etwa in Brandenburg oft erlebt habe.
In einem Lebensmittelgeschäft beschaffe ich mir mein Mittagspicknick. Mit Entziffern der Aufschriften, mit polnisch-russischen Wortfetzen und mit viel Geduld der Verkäuferin habe ich irgendwann, was ich will. Zwei Hörnchen, Joghurt, Obst und eine Minipackung Oblaten. Nur die süße Kondensmilch gibt es nicht, naja, es kommen weitere Geschäfte und Tage.

Übrigens muss ich die hiesige Radwegeführung mal laut loben. Der Weg – entlang der Elbe war es die Nr. 2, jetzt an der Moldau wird es die Nr. 7 – ist so gut ausgeschildert, auf kleinen gelben Täfelchen, an jeder Ecke mit Pfeilen versehen, selbst da, wo man gar nicht falsch fahren kann, an schwierigen Stellen durch Pfeile mit gemalten Rädern auf der Straße ergänzt, dass sich so manche Radwegeführung daran ein Beispiel nehmen kann. Wenn das an der Moldau so bleibt, komme ich sicher und wohlbehalten bis Südtschechien. Und falls ich die Strecke ändern möchte – das geht jederzeit. An allen Abzweigungen stehen gelbe Wegweiser mit Nah- und Fernzielen, und jeder Weg hat eine Nummer. Kleine Zahlen gehören zu den Hauptrouten, vermute ich, große Zahlen, bis in die Tausender geht es, führen auf Nebenstrecken entlang. Überall aber, scheint es, sind die Wege für Fahrräder ausgeschildert. Da hat man sich offenbar wirklich Gedanken gemacht und es gut mit Radfahrenden gemeint.
Die Strecke, auf der ich jetzt fahre, gehört übrigens – so erklärt mir eine Schautafel – zum europäischen Fernradwegenetz, nämlich zur „Sonnenroute“ 7 von Malta bis zum Nordkap. Hört hört. Falls ich vergesse abzubiegen, lande ich am Mittelmeer:)
Dann hoffe ich nur noch, dass solche Stücke, wie sie an der Elbe in kurzen Abschnitten vorkamen, unfahrbares Rumpelgelände nämlich, nun überhaupt wegbleiben. Oder aber geschickt zu umschiffen sind. So wie die Treppenbrücke, über die wir vor zwei Jahren die Räder und das Gepäck schleppten. Heute nutze ich die benachbarte Fähre, die ein Privatmensch als Alternative eingerichtet hat. Man muss an seinem Haus klingeln, dann kommt er runter zum Fluss und bringt einen rüber. Das berührt mich richtig, weil es mir ein Gefühl von alten Zeiten vermittelt.
Insgesamt, ich bin schwer begeistert, bekommt der Radweg bisher von mir eine glatte Eins.

Wieder bin ich heute in weiten Strecken auf unserer Prag-Ostsee-Route von damals unterwegs. Nur Terezin-Theresienstadt lasse ich diesmal aus und bleibe dafür nördlich der Elbe. Damals sind wir durchgefahren. Und dann standen wir in diesem Ort, gingen umher, ich erzählte dem Sohn einiges, wir fuhren zu Gedenksteinen und Mahnmalen im Ort, besuchten aber nicht die Gedenkstätte und nicht das Museum, dafür war er zu jung und ich zu unbeholfen, gemeinsam mit ihm einen solchen Ort zu betreten, zumal „einfach so“ unterwegs auf der Reise. Auch heute also lasse ich es aus. Wie ginge das, einen solchen Ort im Durchfahren zu integrieren, mit einem schnellen, kurzen Besuch, ich kann das nicht. Es müsste ein eigenes Ziel werden. Nicht für heute.

Am Ende des Tages verlasse ich die Elbe, nachdem ich den Zusammenfluss von Moldau und Elbe auf ein Foto gebannt habe. Von nun ab ist das „V“ mit der Route Nr. 7 mein Reisesymbol. Moldau heißt nämlich Vltava. Woher auch immer der deutsche Name kommt, eine Lautverschiebung – wie bei Elbe und Labe – kann es kaum sein. Ich vermute eine semantische Entsprechung, habe aber einfach keine Ahnung, welche Bedeutung dahinter stecken könnte.
Hinter dem Zusammenfluss folgt umgehend die erste Schleuse, sie ist mit „Nr. 1 Kilometer 1,0“ markiert. Ich bin gespannt, welche Zahlen in Budweis, wo ich die Moldau (zunächst) verlassen werde, dort stehen werden.

Kurz vor Prag – 30 km zeigen die Schilder noch an – biege ich auf einen Campingplatz am Fluss ab. Wieder bin ich mit meinem Zelt fast allein. Zwei weitere Zelte finde ich in dem riesigen Areal noch, ein paar der Hütten sind bewohnt. Die Abendröte schenkt mir einen malerischen Fluss, so sollte man immer abendessen dürfen.
Als es dunkel wird, kann ich dem Bier in der Zeltplatzbar nicht widerstehen. Wozu sollte ich auch …

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8 Kommentare

    1. Ja, der Regen war nur bis vorgestern. Gestern, heute und hoffentlich auch die nächsten Tage soll es trocken sein. Und immer wärmer werden. Richtiger Sommer nochmal, sagen sie. Das tut mir gut.
      Jetzt nur die Stadt schaffen. Prag. Riesig. Bis abends will ich durch sein, drüben wieder raus und nen Zeltplatz gefunden haben.

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        1. Wir waren vor zwei Jahren hier, will gar nichts sehen, nur bisschen Blicke werfen. Werde brav am Fluss weiterradeln, der Radweg ist dort weiterhin gut geführt. Einmal abbiegen zum Markt, einmal auf die Karlsbrücke, dann gleich weiter. Sind nur eben trotzdem ca. 30 Stadtkilometer. Metropole halt.

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