Burg/Spreewald- Schleife (#3wegsam16)

Es regnet die ganze Nacht. Abends mit dicken lauten Tropfen, manche tun im Ohr richtig weh, morgens nieselartig tröpfelnd. Ich mag gar nicht raus. Doch es muss ja sein, manchmal:)
Was für eine Nebelwelt empfängt mich, der Morgen hat sich in weißzarte Watte gekleidet, hach. Und der Regen ist auch keiner, sondern es tröpfelt von den Bäumen. Den Himmel sieht man nicht, aber es soll trocken bleiben heute. Nur im Moment ist alles, wirklich alles feucht. Draußen kann man nirgends sitzen, ich koche Kaffee drin im Haus, warum nicht mal so. Und packe dann lauter nasse Sachen ein. Bzw. versuche sie so auf dem Gepäckträger zu drapieren, dass sie tagsüber ein wenig trocknen können.

Es wird ein Tag ohne festes Ziel, zunächst. Als sie mich am Zeltplatz fragen, wohin es heute gehe, sage ich, dass ich das noch nicht wisse. Eine junge radelnde Familie empfiehlt mir eine einsame Route und einen Traumzeltplatz, doch der ist mir zu nah, es sind nur 20 Kilometer. Mit dem Spreeradweg will ich es zunächst versuchen, irgendwie weiter südlich kommen. Kurz hinter Burg wird der auch leer, die befürchteten Radlermengen bleiben aus, vielleicht weil hier der Spreewald endet. Der Spreedeich gibt sich verschiedene Gesichter. Mal schaut es aus wie an Elbe, Oder, Po und all den weit größeren Flüssen, die Spree ist dagegen ja eher ein Rinnsal. Mal kleidet er sich in sommerfarbige Wiesen, ich nehme die Farben des Spätsommers wahr, erste verfärbte Baumränder. Mal wellt er über Wiesen neben einer renaturierten Spree.

Renaturierung: das am meisten gebrauchte Wort auf den Schautafeln. Hier ist Braunkohlentagebaugegend. Die Karte zeigt Flächenstücke erschreckenden Ausmaßes, ganze Landkreise, die aufgegraben worden sind. Morgen werde ich an einigen offenen Löchern vorbeifahren. Erst einmal im Leben habe ich einen Tagebau in echt gesehen. Die Dimensionen erschrecken.
Und die Seen, die oft so idyllisch daher kommen, sind größtenteils auch ehemalige Löcher. Immerhin, hier lebt es wieder. Aber wieweit das funktioniert, diese Renaturierung – kann man der Natur wirklich alles zurückgeben? So wie ja auch den Menschen, deren Dörfer ihr Leben beenden mussten, weil sie mitten in der zu nutzenden Fläche lagenP Irgendwo fahre ich durch ein niegelnagelneues Dorf, mit Ortskern, mit Infrastruktur, mit allem Leben, was ein Dorf braucht. Nur: die Häuser sind höchstens zehn Jahre alt. Alle. Der Ort ist auf meiner Karte nicht verzeichnet. Ob das ein umgesiedeltes Dorf ist? Ein hier neugeschaffenes, sozusagen verschobenes? Ich weiß es nicht, habe keine Ahnung, ob es das gibt. Denke auch nicht daran, jemanden auf der Straße zu fragen.

Versunken in solche Gedanken, radle ich auf dem einsamen Schotterweg durch Wälder und sonstige Enden der Welt. Ab und zu halte ich an und wende das feuchte Zeug auf dem Gepäckträger, fotografiere, lausche den Wiesen. Meditativ ist es hier, sehr.
Dabei bin ich wohl so vertieft, dass ich plötzlich – ich weiß wirklich nicht, wann die Stadt begann – in einer Einkaufsvorstadt von Cottbus stehe. Hoppla, plötzlich ist es grell und bunt. Ich habe komplett die Orientierung verloren, kein Radwegeschild, nur Vorstadt über Vorstadt, alles in Plattenbau.
Dazwischen ein kleiner Radladen in einer Flachbaubaracke, DDR-Stil, regenbogenfarbig angemalt. Eine freundliche kleine Oase. Der kommt mir wie gerufen, mein Tretlager oder eine Pedale fiept nämlich seit ein paar Tagen. Ich frage, was dies sein könnte. Der gute Mann nimmt sich viel Zeit, radelt selbst ein paar Runden mit meinem beladenen Rappen, um das Geräusch zu hören, und gibt ihn mir dann beruhigt zurück: Das sei nicht aus dem Tretlager, meint er, dieses laufe einwandfrei rund, ich solle mir mal keine Sorgen machen. Und das Geräusch komme vielleicht aus einer Pedale, die könne er jetzt ausbauen, aber ob ich das wolle. Nein, sage ich, ich werde mich dran gewöhnen. Ist ja auch nur eine Frage des Alters, bis ich diese Frequenz nicht mehr hören werde:)

Der Cottbuser Altmarkt ist ein stiller Picknickplatz, die Stadt strahlt Ruhe aus. Auf der Karte ist die Spremberger Talsperre, wo ich bleiben will, schon sehr nah, ich lasse mir unendlich Zeit zum Sitzen, einfach nur Sitzen.
Und treibe dann nach Himmelsrichtung und Gefühl aus der Stadt, zwar verschlägt es mich dabei ein Stück weit auf den Radweg einer Bundesstraße, aber dafür komme ich durch einen Ort mit dem niedlichen Namen Gallinchen:)

Südwärts zur Talsperre ist es wirklich nicht weit. Aber erstmals seit Tagen wird es hügelig, ich war schon ganz entwöhnt, uff. Mein Gedanke, auf dem Staudamm mit traumhaftem Seeblick entlangradeln zu können – die Karte lässt diese Möglichkeit vermuten -, zerschlägt sich. Der Damm ist natürlich Betriebsgelände, und unterhalb mag ich auch nicht fahren. Also bleibe ich an der Westseite des Sees. Ruhige Feriensiedlungen, auch solche aus alter Zeit, Kiefernwald, ein geschaffener Sandstrand, sonst nichts. Der See ist glatt und irgendwie gesichtslos. Es ist auch erst fünf Uhr, und weil es mir hier nicht so richtig gefällt, fahre ich weiter. Auf der Karte habe ich einen weiteren Zeltplatz entdeckt, ein Stück weiter. Dorthin hangele ich mich, über Dörfer, hügelige Landschaften, nun schon in der Abendstille, kaum eine Seele begegnet mir, dafür lauter uralte Dörfer.

Kurz vor dem Zeltplatz bin ich plötzlich in Sachsen, huch. Das siebte – und letzte – Bundesland. Das Ortseingangsschild zeigt an: Landkreis Görlitz. Nochmals huch. Dass der Kreis so groß ist, soweit in den Norden reicht? Görlitz ist meine Geburtsstadt. Bin also quasi zu Hause hier:)
Der Zeltplatz ist groß, der See, an dem er liegt, klein. Alles gut. Ich finde ein Plätzchen neben einer Holzsitzgruppe, in meinem Alter darf man das:) Koche, baue das Zelt auf, schaue auf den See, spaziere ein Stück an ihm entlang. Ich bin sehr beschenkt worden an diesem Tag, denke ich beim Einschlafen.

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3 Kommentare

  1. „Ist ja auch nur eine Frage des Alters, bis ich diese Frequenz nicht mehr hören werde:)“

    Ein Mensch (und nebenbei auch eine Lehrerin), die mit einem liebevoll-ironischen Blick auf die eigenen Unvollkommenheiten und das eigene Älterwerden schauen kann, ist sehr kostbar für sein Umfeld. Und zu wissen, dass es quer durch die Republik verteilt, an vielen Orten solchen Lehrenden gibt, ist für mich sehr, sehr ermutigend.

    Ganz viel #Hach und vielen Dank fürs Teilhabenlassen an deinem Innen- und Außenleben.

    P.S.: Diese Antwort ist wohl auch davon geprägt, dass ich gerade mit verschiedenen Klassen die Bedeutung von positivem Feedback und seine Anwendungsmöglichkeiten bespreche. :) Das lässt in den nächsten Wochen wahrscheinlich auch wieder nach. Ich hoffe, mein Entzücken ist bis dahin aushaltbar.

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    1. chon ganz lang her, Dein Kommentar, trotzdem noch danke dafür. Ja, man sollte mit einem Lächeln auf sich schauen können, die Pubertierenden merken es und reagieren gnadenlos, wenn man dies nicht kann …
      Ich wünsche Dir noch ein schönes Restwochenende mit den Kindern, sei herzlich gegrüßt.

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