Lübben – Burg/Spreewald (#3wegsam15)

Schlecht schlafe ich, lange her, dass ich so etwas von mir sagte. Das viermalige Rausmüssen vom Bier ist erst der Anfang. Dann liege ich lange wach, der Körper fühlt sich anders an, ich kann nicht sagen, was es ist, aber es ist unbehaglich und seltsam unruhig in allen Enden. Es gibt keine für mich spürbare Quelle, nur ein Andersfühlen. Später denke ich, dass dieses Gefühl so schwach, so unscheinbar ist, dass ich es im Alltag überhören würde. Da würde mein Körper einfach funktionieren, da hätte ein zartes Gefühl wie dieses keinen Raum, erst hier kommt es zu seinem Recht. Noch später am Tag merke ich im Kopf eine Migräne aufziehen, wenn auch schwach, und denke Aha. Vielleicht deswegen. So zeigt der Körper dies vorher an. Ob das immer so ist? Und nie nie nie habe ich Raum dafür. Immer übergehe ich dies. Ich müsste mir selbst besser zuhören.

Der Morgen ist unausgeschlafen, glücklicherweise wache ich noch vor den lauten Nachbarn auf. Beginne leise zu packen, koche nebenher Kaffee, setze mich, vom Rad verdeckt, mit Blick auf die Sträucher, und sinniere, warum ich mich so beengt fühle. Dabei sehe ich Blüten und Insekten, höre diese summen, dahinter rauscht Wasser, eigentlich ist alles richtig. Nur diese Nachbarn kann ich ich nicht aus dem Kopf bekommen, warum eigentlich nicht?
Als mich beim Zusammenpacken der eine anspricht, ob es schon weitergehe, woher wohin und so, er ist ein alleinzeltender Angler, und als ich dann noch einen Smalltalk mit der Familie beginne und sie mir ihre geplante Kanutour nach Berlin erzählen, da wird mir klar, dass das Engegefühl in mir selbst steckt. Natürlich ist es hier nicht wie ich es wünsche, man quetscht sich zwischen die Autozeltler, muss sehen, wo man bleibt. Aber was ich daraus mache, ist meine Verantwortung. Ich hätte einfach gestern schon in ein Gespräch finden sollen. Dann wäre all die Unruhe annehmbarer gewesen.
Ich fahre ab mit einem leichten Abschiedsgruß auf den Lippen und bin froh um diese Wendung, vor allem um die in meinem Innern.

Es ist trotzdem gut, so früh abzureisen. Ich bin mit der Morgensonne allein auf dem Gurkenradweg, fahre zwischen Spreewaldkanälchen und Schafen durch die stille Landschaft. Hach.
Gegen zehn wird es voll. Ab zehn scheint man zu radeln. Die meisten sind Tagesausflügler, ein paar mit kleinen Packtaschen, niemand mit Zeltgepäck. Auch auf dem Zeltplatz war ich ja ganz allein unter Autos. Immer noch hoffe ich, dass der heutige Platz ruhiger wird, er liegt abgeschieden, hat eine Wasserwandererwiese, es gibt sicherlich noch andere Unterwegsmenschen dort. Aber bloß nicht zuviel hoffen, sonst ist wieder zu früh gefreut.
Zunächst sitze ich mal in Lübbenau, im Zentrum des Spreewaldtourismus. Hier treffen sich Hektik und Unruhe aller derjenigen, die heute noch Kahnfahren oder Paddeln wollen. An den Nachbartischen beim Bäcker werden schon erbitterte innerfamiliäre Diskussionen über die Sitzordnung im Boot und die richtige Kleiderordnung geführt.
Und während ich dies schreibe, wird mir bewusst, dass ja auch ich genau das will. Paddeln. Nur über die Sitzordnung im Einer brauche ich allein nicht zu streiten. Aber ansonsten unterscheidet mich nichts von ihnen. Auch sie suchen die Abgeschiedenheit, sind vielleicht von mir genervt, weil ich mit meinem Riesenrad seit Stunden den bequemen Ecktisch blockiere, da ich so ewig schreibe und lese. Schwer, sich über Menschen zu erregen, die – in andere Form verpackt – das gleiche suchen wie man selbst.

Ich fahre weiter mit nachdenklichem Blick auf all die Menschen, mit denen ich die Radwege teile. Der Spreewald, das ist eine sehr urtümliche Landschaft, immer noch. Lübbenau muss man hinter sich lassen, dann beginnt die Stille. Trotz der vielen radfahrenden und paddelnden Menschen. Sie alle verhalten sich hier viel ruhiger, die Natur gebietet es. Zwischen Fluss- und Kanalärmchen geht es hindurch, rechts und links fließt ständig Wasser, Schotterwege strahlen den ihnen eigenen Klang ab.
Viel zu schnell bin ich am Zeltplatz, ich hätte noch ewig so weiterfahren mögen. Doch dann sage ich einfach nur Oh. Dass es das in einer Welt voller Trubel gibt. Eine Wiese ist es, mehr nicht, direkt an einem Fließ. Eine Handvoll kleiner Zelte steht verstreut. Autos müssen draußen bleiben. Im Gebäude ist alles, was man braucht, in klein und alt und heimelig. Ich suche mir einen Platz mit Wasserblick, weit ab von allen anderen – dies ist einfach. Hier ist gut bleiben.

Und tatsächlich reicht die Zeit noch, um zum Bootshaus zu radeln und zu tun, was mir vor Tagen als Idee kam, was ich als Erinnerung aus Kindertagen und von einem einmaligen Ausflug, schwanger mit dem Sohn war ich damals, in mir trage: Ich leihe mir ein Boot und paddle los. Zuerst kreuz und quer mit meinen Versuchen, nicht anzustoßen, nicht im Zickzack zu fahren. Die linke Schulter tut bald weh, der rechte Fuß verspannt. Was der Körper so tut.
Irgendwann erinnert dieser sich an die Bewegungen, von damals noch, oder aus Instinkt, und es geht leichter. Die Schulter lockert sich, die Bewegungen werden rund, die Arme tun es von allein.
Hier bin ich nun also, wo es so ist, wie ich es noch von damals vor mir sehe. Schmale grünüberwucherte Wasserarme abseits vom sonstigen Menschenleben, zum inneren Wegdriften, zum Hindurchgleiten. Meist bin ich allein, ab und zu treffe ich ein anderes Boot. Man grüßt sich, erzählt kurz beim Nebeneinanderherfahren, Verirrte bekommen von Menschen mit Karten den Weg erklärt, Überholmanöver enden manchmal im Randgestrüpp, wir lachen. An der einen Schleuse stehen zwei Jungs und bedienen sie für uns drei Boote, an der anderen trage ich das Boot herum, weil ich allein an einer Selbstbedienungsschleuse nur das leere Boot hätte schleusen können, wer weiß, was das gegeben hätte. Beim Aussteigen falle ich fast ins Wasser, na wenn schon. Einsteigen ist leichter.
Die zwei Stunden verfliegen. Wobei, nein, eigentlich sind sie reich und gefüllt. Mit nichts anderem als paddeln und atmen. Mit dem Geräusch des Wassers, mit Vögeln, Libellen, Blätterrauschen und Lichtspielen. Auf den stillen Seitenfließen, deren Strömung gering ist, spiegeln sich in der glatten Wasserfläche die Bäume und der Himmel. Wenn ich nach vorn auf den Bug schaue, sieht es aus, als fliege ich immer weiter nach oben.
Es sind nur zwei Stunden. Zwei Stunden, was zu Hause im Alltag alles in diese kurze Zeitspanne hineingepresst wird. Hier verbringe ich diese zwei Stunden mit so viel mehr. Bei viel weniger Bewegung.
Nachdenklich.

Beim Aussteigen komme ich mit dem Bootshauseigner ins Gespräch, er ist auch Fährmann, stochert einen großen Kahn. Über die Menschen, die hierherkommen, reden wir. Über das, was alle suchen. Und ob es das hier gibt. Wie er hier lebt, schon immer. Was früher anders war als heute. Wie sich die Zeiten ändern, und auch wieder nicht.
Eine Spreewaldgurke esse ich keine. Die gibt es hier als Snack zum Bier. Aber ich will kein Bier. Sondern ein Minzeis.
Radle mit diesem in der Hand zum Zeltplatz zurück. Es sind kaum Zelte dazugekommen. Ein paar Wasserwanderer entladen ihre Boote. (Dass man in einem kleinen Boot den halben Haushalt mit sich führen kann, wusste ich ja nicht. Das junge Paar neben mir: großes Zelt, Stühle, Grill, Bierkiste, ein Berg Packsäcke. Alles in einem schmalen Paddelboot. Raumwunder:))

Der Rest ist kochen, sitzen, aufs Wasser schauen, lesen, schreiben. Bis es beginnt zu regnen. Ich schreibe auf der überdachten Terrasse weiter, einige sitzen hier, bis uns der Gewitterwind auch von dort vertreibt. Drinnen im warmen Aufenthaltsraum sind nun alle, Menschen aus einem Dutzend Zelten. Eigentlich ist es eng. Und doch: so anders. So ruhig, so rücksichtsvoll, so behutsam. So kann es also auch sein auf einem Zeltplatz.

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7 Kommentare

  1. Die Natur gebietet Ruhe – ein ganz großer weiser Satz. Zum Glück hören manche dieses Gebot noch.
    Ein Boot schleppen, alleine? Ist das ein Kanu? Wie muss ich mir das vorstellen? (Ich bin schon oft Ruderboot gefahren, aber das meinst du bestimmt nicht, weil zu schwer.)

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  2. Liebe Frau Rebis,
    Lang ist es her, dass ich mit den Kindern durch den Spreewald stakste. Die Erinnerungsbilder sind so frisch, als wäre es gerade eben gewesen, dank dir und deinen Beschreibungen, die ich so gerne lese. Nun sinniere ich, ob und wie das umgebende Land mit den jeweils spezifischen Eigenheiten die Menschen beeinflusst. Ich zweifel nicht daran, dass es das tut, wieso, warum und wie lasse ich aussen vor, denn da ist Unsicherland. Ich freue mich mit dir, dass es noch solche Zeltplätze gibt, an denen Autos draussen bleiben müssen, die ja doch nur unnütz Raum vergeuden! Tauche beim Lesen mit dir in die Stille der Spree und ihrer vieler Seitenarme. Schon damals dachte ich, dass es sich hier bestimmt gemächlich leben liess, denke dabei an die Sorben, die einst dieses Stück Welt besiedelten, dann kamen Zeit und all die Veränderungen, die sie ja immer im Gepäck hat, umso schöner, dass sich hier Ruhe und Gemächlichkeit halten konnten!
    herzliche Grüsse
    Ulli

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    1. Deine Worte freuen mich sehr …
      Ja, ich glaube, die Natur kann Menschen prägen, oder wenigstens für den Moment deren Verhalten beeinflussen. Gerade heute war ich auf einem Bergzeltplatz, auch dort große Ruhe, weil es in der Bergwelt eben nicht anders geht, scheint mir. Kein Vergleich mit dem, was ich unterwegs an (Flachland)Seen erlebt habe. Könnte man natürlich jetzt beginnen, eine Typologie der Campingortbesucher aufzustellen. Aber auch das wäre Unsicherland, wie Du es so schön nennst. Herzliche Grüße zu Dir!

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