Bad Saarow – Lübben (#3wegsam14)

Wie früh ich erwache, nach wundervollem Zeltschlaf, wie lange hatte ich den nicht, wie lange habe ich mich darauf gefreut. Der Zeltplatz schläft noch, es ist so still, dass ich nicht wage, mit Kaffeegeschirr und Kocher herumzuklirren. Gehe lieber duschen, herrlich russische Armaturen und Dekorationen hier. Als ich später die Frau des Zeltwarts treffe, weiß ich, dass ich richtig lag mit meiner Nationalitätenvermutung:)

Ich lasse den Morgen ziehen – das ist das positive Pendant zu: das Frühstücken, Schreiben, Packen zieht sich – und fahre gegen zehn los. Ohne genaues Ziel für heute, in Richtung Spreewald, südwärts jedenfalls. Der Friedrich-Engels-Damm führt nach Süden, immer längs des Sees. Bis er abrupt endet. Wieder ist der Uferwanderweg angeschrieben, nein danke, der ist mir zu alpin. Ich radle zurück und zurück und zurück, letztlich fast bis zum Zeltplatz, um oben auf die Autostraße zu finden, das ist aber auch wirklich ein verworrener Ort hier.
Beim Umherirren stoße ich auf lauter verlassene Ferienanlagen, immer mehr werden es, das Fotografieren lasse ich, mit den gestrigen Bildern habe ich alles festgehalten, mehr gibt es zu diesem Thema nicht zu zeigen. Es tut weh. Warum fährt niemand mehr hierher, es ist doch so nah an Berlin, es ist eine wunderbare Landschaft, man hat See und Wald und noch mehr Seen und noch mehr Wälder. Nein, dieser Ort wirkt sterbend. Oder schon gestorben.

Ein paar KIlometer weiter, ich bin inzwischen in riesigem Bogen wieder an der Straße gelandet, der, die mich ans Südende des Sees bringt, gibt es eine erste Antwort auf die Frage nach den sterbenden Feriensiedlungen. Tennisplätze. Golfareal. Ein Resort. Spa. Wellness. Riesige Flächen sind abgesperrt, glatt-und-wohlhabend-kultiviert. Die Straßen heißen hier Parkallee und Seeallee, kein Engels und Thälmann mehr. Sprechende Namen.
Später im Ort werde ich auf einem Plan sehen, dass das Golfareal den halben See blockiert. Dass auch ich auf meiner Uferstraße vorhin mehrere Kilometer Umweg radeln musste, um den Geländekoloss zu umfahren. Versperrte Welt.
Die unsäglichen Villen ja auch, kleine Schlösser sind manche, in Bad Saarow hat es begonnen, oder, ach was, kurz hinter Berlin. Wer braucht so viel Haus um sich, fragt man sich. Und wieso dürfen die den See nehmen. Klar, ein Uferweg muss frei zugänglich bleiben, so will es das Gesetz. Dort können wir entlang. Mit Blick auf Teaksitzgruppen an Hightechgrill. Und vielleicht mit nem Golfball am Kopf. Ich verzichte darauf.

Wendisch Rietz. Ich erhoffe mir Seeblick, Sitzen am Wasser, einen Zweitkaffee vielleicht. Strand- und Hafenstraße gibt es auf dem Plan, verheißungsvoll.
Aber dann: eine Ferienanlage vom Sterilsten, Entschuldigung für die Wertung. Es ist Antwort zwei auf die Frage nach den sterbenden Feriensiedlungen im Wald. Haus an Haus an Haus baute man hier, alle identisch, will mir scheinen, kaum Abstand, ein riesiger Park, ich rolle minutenlang hindurch. Bleibe irgendwo stehen zum Fotografieren, gerade an den Mülltonnen, ich habe Talent für gute Plätze.
Der Strand ist entsprechend. Voll. Surfen, SUPen, Paddeln, auch Baden. Voll. Ich fliehe, dies ist nicht mein See, an den ich mich setzen wollte. Es wird noch mehr Wasser am Weg geben …

Glubigsee. Wieder ein vertrauter Name, war das der See vom Ferienlager in der ersten Klasse? Oder war das ein anderes Ferienlager? Wer weiß, wir waren offenbar immer hier in der Gegend, warum auch nicht, es ist eine Traumlandschaft. Dieser See ist auch heute noch ruhiger, nicht okkupiert. Ein kleiner Ferienpark schmiegt sich ans Ufer, welch Kontrast zu dem riesigen vorhin, kleine farbige Bungalows aus Holz zwischen den Bäumen. Viel Stille. Gegenüber eine Bungalowsiedlung von damals noch, so sieht sie aus, mir wird ganz warm.
Eine Kurklinik, eine Gruppe turnender Menschen im Wald. Plötzlich ist dieser Waldbogen voller Frühsporterinnerungen. In jedem Lager gab es Frühsport. Nicht geliebt von mir. Zuweilen geschwänzt, als ich älter war. Ich weiß gar nicht mehr, was dann passierte. Vermutlich nichts. Vielleicht sollte ich öfter mal mir auferlegte Dinge schwänzen:)

Die Stille des Sees, der urwüchsige Wald, der steile Hügel vor dem nächsten See, dem Springsee, ein Rastplatz fast im Schilf, mit nichts außer Rauschen und Plätschern und Vogelzwitschern um mich, der Seeduft der Kindheit, ich bin versöhnt.
Weitere Erinnerungsorte könnten am Wegesrand liegen, sagt mir die Karte. Storkow/Wolfswinkel, die Klassenfahrt in der Zehnten. Schwielochsee, wo wir in einem Campingwagen mit Oma waren, glaube ich. Ich lasse diese aus, es muss ja was fürs nächste Mal bleiben.

Heute möchte ich den Spreewald erreichen, entscheide ich während der Mittagsrast, morgen vielleicht dort bleiben. Ich suche meinen Weg mit Karte und Gefühl, über abgeschiedene Orte und Wege, keine großen Radrouten, darum ist es zuweilen sandig auf den Wegen. Schiebesand.
Anderswo ist eine Straße versperrt. Weil: ein Ferienpark. Man muss das wohl mit Gelassenheit ertragen, Schimpfen hilft ja nicht. Und Umwege schenken oft Unerwartetes am Wegesrand.
Die Landschaft verblüfft mich immer wieder. Wie im Fläming schaut es hier aus. Das liegt aber nur meinem botanischen und geologischen Anaphabetismus, sicherlich gibt es gravierende Unterschiede. Das Quiz, welcher Region rings um Berlin eine Landschaft zuzuordnen ist, würde ich turmhoch verlieren.
Später wird es flach, nicht weil ich finde, für heute genug Hügel erklommen zu haben, sondern weil ganz offensichtlich der Spreewald beginnt. In Schlepzig sieht es zum ersten Mal so aus, wie ich es erinnere. Spreeflüsschen und -kanälchen, Bootsverleihe, Gastronomie und viele Menschen. Vielleicht finde ich hier doch nicht die erhoffte Stille, vielleicht täuschen mich meine Erinnerungen, vielleicht war früher alles anders, vielleicht sollte ich morgen doch nicht paddeln? Nur so eine Ahnung in mir, ich werde es sehen.

Zunächst fahre ich weiter, bis Lübben, beschließe ich, ich habe für heute genug. Der restliche Weg wird zu einer Ode an die Langsamkeit. Der Spreeradweg umspült kilometerlang Teiche. Künstlich geschaffene, wie ich an einer Schautafel erfahre. Ich bin versunken, in der Landschaft und in mir, fahre meditativ. (Und verfahre mich bei der Gelegenheit, übrigens. Vom ausgeschilderten Spreeradweg abzukommen, das muss man erstmal schaffen:))

Irgendwann ist Lübben, es ist erst kurz nach fünf. Ich setze mich an den Kanal vor den Toren der Stadt, fürchte mich vor dem Laut der Stadt, treidele erst nach sechs hindurch, als die Innenstadt schon fast schlafengegangen ist (ja: solche Orte gibt es:)), und bin schnell am Zeltplatz. Ein sehr netter Zeltwart, er erlässt mir sicher einen Teil des Preises, aber ich hake nicht weiter nach, und das Bier später am Abend scheint mir auch sehr billig. Wer weiß. Vielleicht honoriert er, dass ich Exotin bin. Als ich einen Platz für mein Minizelt suche, wird mir dies klar: quasi alle mit Auto. So radreisend muss man sich dazwischenquetschen, ich finde keinen wirklich guten Ort und füge mich irgendwo an den Rand, wo die Bedrängnis nicht gar so groß erscheint.
Nur die akustische Nähe, die lässt sich nicht abschirmen. Als ich gekocht und aufgebaut habe, wird es ringsum so unruhig – direkt neben meinem Zelt wird mit Hammerschlägen ein Kanu gezimmert, Autotüren sind zum Zuschlagen da, und Kinder, naja, nichts gegen Kinder, aber es gibt da Unterschiede im Lautsein – dass ich keine Freude am Dasitzen habe. Bierflaschenhaltend spaziere ich im Park rings um den Platz, das ist eigentlich sehr schön, und mehrere tausend Dezibel ruhiger.
Als ich wiederkomme, ist es immer noch unruhig. Rechts Autotür und Handypiepen, links Szenen einer Ehe. Ich versuche in den Schlaf zu finden, liege noch lange wach. Es wird nicht richtig erholsam, mir ist irgendwie flau. Und wie ein einziges Bier viermal Rausmüssen verursachen kann, das erschließt sich mir ja nicht:)

Advertisements

7 Kommentare

    1. Klingt es so unruhig? Dabei war es mir an den vergangenen drei Tagen sehr wohl zumute. Auch wenn diese Vergangenheitsblicke weh tun, J. hat ja am Rhein neulich Ähnliches durchlebt, ich glaube, ich würde gern mal zwei Wochen einfach nur rings um Berlin „schlendern“, per Rad, um alles wiederzusehen. Das ist noch so viel mehr. Und wahrscheinlich so viel mehr an Veränderung, die ich nicht sehen möchte …
      Ja, es ist ganz anders als in unbekannten Gegenden zu fahren. Das kommt ja bald. Die Strecke heute und morgen kenne ich nicht, und dann südlich von Prag, das wird Neuland.

      Gefällt 2 Personen

  1. Du setzt mich mit deinem auf die Erinnerungsschaukel, wie Herr Ärmel immer so schön sagt, es war Sommer, wir schrieben irgendwas Richtung Mitte der Neunzehnhundertneunziger Jahre, ein Freund und ich machten einen Ausflug in die Märkische Schweiz. Wie schön es hier war! Wir fanden ein Gebiet voller Wald und Seen, an einem liessen wir uns nieder, schwammen und lebten Sommer. Am späten Nachmittag kamen Leute aus dem Dorf, sie hatten Feierabend, trugen Badelatschen und Bademäntel (die aber über dem Arm), wir lagen nahe dem Steg, von dem sie zunächst ins Wasser sprangen, um dann auf ihm sich trocken zu liegen und zu reden. Sie waren erbost. Irgendsoein „Wessi“ hatte das ganze Gebiet für eine D-Mark gekauf, EINE … das ganze Gebiet, geplant waren neue Ferienanlangen, Golfplätze, uns schwante nichts Gutes. Die Leute fürchteten, dass sie dann nicht mehr so einfach nach getaner Abend in „ihren“ See springen könnten. Sie waren sauer auf die Wessis und ihr Geld und ihre Ignoranz dem gegenüber, was hier (noch) war.
    Wir konnten sie so gut verstehen! Auch wenn sie keinen Kontakt zu uns aufnhmen, wir gehörten vielleicht in die Kategorie: doofe Wessis, fühlte ich nichts anderes als Solidarität.

    Tja….

    herzliche Grüsse
    Ulli

    Gefällt 1 Person

    1. Danke für Dein Erzählen. Ich kann das sehr gut nachvollziehen, von beiden Seiten her. Bis heute ein Riss durch die Menschen wegen diesem Ost-West. Das macht mich traurig. Im Grunde gehen all die Grenzen in der Gesellschaft ja nicht entlang dieser ehemaligen politisch-geografischen, sondern zwischen … naja, Du weißt was ich meine, und ich scheue mich hier platte Worte zu nennen.
      Sei herzlich gegrüßt von meinem Weg, der mich ab heute durch Tschechien führen wird. Ob der dortige Regen anders prasselt;-)?

      Gefällt 1 Person

      1. Grenzen sind in den Köpfen, Offenheit lässt sich fallen, mich machen die ewigen Abgrenzungen mittlerweile ziemlich müde, nichts dagegen, dass man sich manchmal abgrenzen muss und manchmal auch eine Grenze ziehen, die Betonung liegt allerdings auf manchmal.
        Tschechien, da bin ich auf weitere Berichte von dir sehr gespannt! Ich wünsche dir einen trockenen Radeltag und freudige Momente
        herzlichst Ulli

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s