Berlin – Bad Saarow (#3wegsam13)

Seelenruhig packe ich das per Zug herbeigeschleppte Zeug und alles, was schon vorher auf dem Rad war, es drängt mich nichts, das wird mir erst jetzt so richtig bewusst, da ich am Starten bin. Das geplante Treffen am Freitag in Dresden ist so weit weg bei so wenig Weg, dass ich mich treiben lassen kann. Wir frühstücken lange, bevor ich mich direkt vom Haus weg auf bequemsten Radwegen befinde. Die Ausfahrt aus der Stadt über Köpenick, an Dahme, Spree und Müggelsee vorbei, zieht im intraurbanen Vergleich an so manch anderer Stadt vorbei.

Und sie zieht mich in Erinnerungswolken, wie so vieles, wie eigentlich alles in Berlin. Ich kreuze erstmals die Spree, an der ich aufgewachsen bin, wenn auch an anderer Stelle, und die für die nächsten Tage mein Leitfluss werden wird, so richtungsmäßig. Der Himmel über Köpenick, das Rathaus ohne Hauptmann und das Krankenhaus, in dem ich nicht wollte, dass mein Kind geboren wird und das wir erst später über die Notaufnahme von innen kennenlernten.
Der Müggelsee, ich erinnere mich an Schlittschuhfahren mit und ohne Puck (nein, nicht wieder sagen und denken, diese Winter damals, im Unterschied zu heute – nein, nein, in zwei Jahrzehnten, die ich hier wohnte, gab es das ein einziges Mal) und an Badebesuche. An einen Klassenausflug, Grundschulzeit, mit der blöden Lehrerin, bei dem wir auf der riesigen Sanddüne saßen und Essen aus ner Gulaschkanone bekamen, bis mir beim Ausziehen meine Sandale ausrutschte und eine Ladung Sand in meinen Eintopf schleuderte, aber ich sagte nichts – ich sagte damals überhaupt selten etwas – und aß tapfer den sandigen Eintopf weiter, es knirscht heute noch zwischen den Zähnen. An Radtouren erinnere ich mich, in Kindheitszeiten und später, als wir wiederum in Berlin wohnten, rings um den See ging es, oder aber, weil wir faul waren, nur bis zum nächsten Ausflugslokal und zurück. Apropos Ausflugslokale: warum sind die so leer, es ist Sonntag, es ist warmes Wetter, sie liegen am Wasser, warum überhaupt, Ihr Berliner, seid Ihr nicht alle hier? Man fragt sich das, ein Paradies vor der Haustür.

Die alten Wege, immer wieder. Damals führten sie am See entlang mitten durch den Wald. Über Wurzeln, und durch die ewige Feuchte der Bäume niemals sandig, höchstens matschig. Aber wir fuhren sie, sie fuhren sich nicht schlecht. Wann hat man diesen Asphaltweg daneben gebaut? Und wann dann noch den zweiten Asphaltweg? Zweispurig, wie für Autos. Hier: Fußgehende und Radfahrende getrennt. Praktisch eigentlich, man quengelt sich nicht gegenseitig an, keiner muss jemand anderen per Klingel vom Weg schubsen. Aber man hat zwei Asphaltschneisen geschlagen, breite noch dazu. Der bequeme Uferweg außerdem, für die Nichtasphaltierten. Der glatte Radasphalt fährt sich wie Butter. Doch die Baumwurzeln haben sich ihr Recht erkämpft, haben sich als Holperschwellen über unsere glatten Wege gelegt. Richtig so, ein Minimum an Unglattheit, an Unbequemlichkeit, damit wir nicht vermessen das alles als unseres betrachten. Wobei, das tun wir schon.

Erkner. Berlin begrüßte uns ohne Ortseingangsschild, Berlin verabschiedet mich ohne Ortsausgangsschild. Für die Akten, naja, drehe ich mich um und fotografiere das jetzige Eingangsschild von rückwärts. Erkner – Endstation der S-Bahn-Strecke, an der der Freund wohnte, der erste langjährige. Erkner – konsonantverlängerter Hausvorsprung. (Hirn, was tust Du? Was hat das jetzt hier zu suchen?) Erkner also. Ich bin draußen aus Berlin.
Auf quasikleinstädtischen Wegen, schulterklopf, Ihr Radwegeplaner. Jetzt noch den Berliner Ring queren, es ist laut, na gut, nur noch kurz. Meine Zeltplätze werde ich mir autobahnfern suchen. Vor lauter Freude über weniger Laut in nächster Zeit verlasse ich nach der Autobahnunterquerung den R1. Unabsichtlich. Doch heute ist mein elektronikfreier Tag, habe ich beschlossen, das geht alles mit Karte, Schildern, Sonnenstand und einem Stück Egal am Ende. Als ich den R1 gerade in Gedanken rüge für seine Straßennähe, ist er es gar nicht mehr.

Südlich vom Werlsee fahre ich also vorbei, nicht wie geplant nördlich. Aber hoppla, welch ein Zufall, hier genau treffe ich auf die Badestelle. Auf DIE Badestelle. An die wir fuhren, wenn es hitzefrei gab, selten genug an unserer Schule, wenn wir gegen Zwölf oder Eins schon Schluss hatten. Dann war Zeit genug, nach Hause zu fahren. Räder und Badesachen zu holen, mit der S-Bahn bis Erkner, und dann hierher an den Werlsee. Hier lagen wir am steilabfallenden Ufer und redeten stundenlang, wie man mit 15, 16, 17 eben redet. Kindheit und Jugend in Berlin war doch gar nicht so schlecht. Trotz Großstadt.

Bin ich schonmal südlich des Werlsees, kann ich gleich untenrum fahren, denke ich noch vage. Bis ich auf der Karte einen weiteren Erinnerungsort finde – Störitzsee, Mönchwinkel. Wohin der Zufall mich heute so führt. Ich biege von der Straße auf einen zugewachsenen Waldweg, an dessen Eingang ein paar Autos parken, ganz sicher ist hier der See. Ja, tatsächlich. Mitten im Wald. Leer, abgeschieden, still. Mittagsrastplatz mit Wolkenschauspiel. Viel Raum zum Bleiben, viel Platz zwischen den wenigen Menschen, die hier Ruhe suchen. Bis irgendwann das Kinderferienlager – gab es das damals schon? – von der Mittagsruhe aufwacht und geschlossen baden geht.

Ich fahre weiter. Oder schiebe. Je nach Weg. In dieser Himmelsrichtung müsste Mönchwinkel liegen. Aber es sieht so anders aus. Wobei ich gar nicht mehr weiß, wie es aussah. Wie weit es zum See war. Ob wir damals zu Fuß oder mit dem Rad hinfuhren. Nur, dass ich einmal in ein Wespennest getreten bin und sich ein paar Wespen in meiner Knickerbockerhose verfangen hatten, fragt nicht.
Erinnerungsverloren schiebe ich durch den Wald, gut tut das. Und plötzlich sieht es so aus wie damals: Birken, Unterholz, die kleine Wegbiegung: und ich bin auf der Straße. Ganz sicher ist es die Straße, ich erkenne sie. Doch welches Haus?
Das alte Haus, kommunenartig bewohnt, an Wochenenden jedenfalls, vom Freundeskreis meiner Eltern. Wir gehörten nicht so richtig dazu, ich weiß nicht warum, waren aber oft dort. Das Großstadtplattenbauzentralheizungskind in mir schaudert in der Erinnerung wieder vor der ungewohnten Unbequemlichkeit improvisierten Lebens und fühlt sich gleichzeitig in die Wohligkeit freiesten Spielens im Garten, im Wald, am nahen See zurückversetzt. Und in das Gefühl von Gemeinschaft, das mich als Kind erfasste, das ich gar nicht näher beschreiben kann. Hier waren jedenfalls auch dutzende Wespenstiche in Knickerbockerhosen aushaltbar.
Welches Haus also? Ich streife an allen vorbei. Befürchte, dass es das verlassene, unbewohnte ist. Oder das Grundstück, auf dem abgerissen worden sein muss, um eine futuristische Wohnburg zu errichten. Oder das traurig ausschauende verfallene, in dem – wie eigentlich? – jemand zu wohnen scheint. Am traurigsten wäre mir zumute, wäre es das aufgemotzte, das jetzt in grellstem Orange daherkommt. Nein, bitte nicht dieses. Die Optimistin in mir wünscht, dass es der Biohofladen gewesen sei. Ich weiß es nicht, und brauche es auch nicht zu wissen. Die Erinnerungen sind ja in mir.

Ich reise weiter, es ist Zeit. Schon fast fünf Uhr, und in den nächsten langen Kilometern kommt kein Zeltplatz am Wegesrand vorbei. Dreißig werden es mindestens noch. Also hopp.
Spreeradweg, wunderbar geschlängelt an mäandernder urwaldumgebener Spree, das Reifensurren auf dem Asphalt und das vertraute Geräusch wegspringender Kienäppel. Nur gestört durch den Lärm der nahen Fernverkehrsstraße.
Ortsdurchfahrten durch unendliche Straßendörfer, dort ist der Radweg gern mit diesem neuzeitlichen Kopfsteinpflaster belegt, es holpert. Auf der Straße aber ist es mir zu eng.
Fürstenwalde durchfahre ich ohne anzuhalten, vielleicht ziehen mich auch die vielen Rennradler in dieses Tempo. Sonntagssport, fast wie in Italien. Von hinten habe ich Zeit und Gelegenheit, die verschiedenen Techniken zu studieren. Manche schwanken arg unökonomisch, da ginge sicher noch was;-)

Und verflixt, an der nächsten Ecke schon wieder Erinnerungen. (Wie klein muss Berlin&Umgebung eigentlich sein, dass ich überall etwas erlebt habe? Oder: Wie viel habe ich hier erlebt?) Petersdorf, hier hatten wir unser Klassentreffen zum 20jährigen Abitur. Nächstes Jahr werden es 30 sein. Das Kind, das uns damals zwischen den Beinen herumkrabbelte, kommt im September in die sechste Klasse.

Der Scharmützelsee. Der heißt wirklich so. Mir wird der Name heute erstmals bewusst. Es ist ja so: was man von kleinauf kennt, ist normal. In Wendisch-Rietz war ich im Ferienlager, glaube ich mich zu erinnern. In der ersten Klasse, oder so. Und hier lag „unser“ Boot, in Diensdorf. Ich bin versucht, auf der östlichen Seeseite entlangzufahren und zu schauen. Nur die vorgerückte Uhrzeit und die Tatsache, dass Campingplätze nur auf der westlichen Seite sind, hält mich davon ab. Werde ich den Hafen eben von gegenüber betrachten.
Ein Zeltplatz in Bad Saarow – Strand, das klingt verheißungsvoll, ich freue mich aufs Badengehen. Von der lautesten Kreuzung aus (Ortswahlexpertin, ich;-)) rufe ich den Zeltwart an, um den Weg beschrieben zu bekommen. Uferweg, sagt er. Ich übertreibe gleich und wähle den Uferwanderweg. Kann man machen. Man sollte es nur vielleicht ohne Fahrrad versuchen. Ich schiebe. Es knirscht. Sandboden, sagte ich das schon? Kein Zeltplatz in Sicht. Klar, sind ja auch noch zwei Kilometer. Er meinte wohl doch die Uferstraße. Die hier Friedrich-Engels-Damm heißt. Als ich das verstanden und zu ihr hinaufgeschoben habe, bin ich quasi schon da.

Klein, ruhig, kuschelig hier. Mit einem Wählscheibentelefon am Eingang, um sich anzukündigen, man solle die 66 wählen. Wie lange habe ich das nicht mehr getan – ich würde gern noch ein wenig mit der Wählscheibe spielen:) Die jungen Leute, sagt der Zeltwart, die kennen das nicht mehr. Die versuchen dann, in die Zahl 6 zu drücken, so wird das natürlich nichts.
Überhaupt, ein origineller Ort. Viel Improvisation. Und eigenwillige Dekoration in den Waschräumen, ha, man spricht in der Ecke ohnehin viel Russisch, ich schmunzele.
Nur aus dem Bad im See, auf das ich mich gefreut hatte, aus dem wird nichts. Als ich mich aufmache zum „Strand“, wie sie das hier nennen, stolpere ich in den gegenüberliegenden, verfallenen, ehemaligen Zeltplatz. Abbruchreifes Anmeldegebäude, Ferienhäuser mit eingeschlagenen Scheiben, ein zugenagelter Bootsverleih, ein verwaister Sportboothafen, zugewucherte Zeltflächen, abgeknickte Bäume, Betreten-verboten-Stege, „dieser Schiffsanlieger wird zur Zeit nicht bedient“ und „Durchgang verboten“ am Kassenhäuschen. Der Weg dahinter ist zum Trampelpfad zugewuchert, die ehemalige Strandwiese gestrüppgeflutet, ein paar Lagerfeuerstätten mit Müll (überhaupt: der Müll überall in den Orten und am Wegesrand – mensch mensch, was machen wir!) – und dann das Wasser. Das Wasser, das ist sicherlich im Innern ebenso verfallen wie das Ringsum hier. Man sieht es ihm bloß nicht an. Mir ist traurig.
Als dann noch in der stillen Bucht, inmitten dieser Verwaistheit, drei große Motorjachten ankern, über Nacht sicherlich, mit vergnügt johlenden Menschen darauf, da vergeht mir das Baden. Nein, hier will ich nicht. Ich fotografiere den See, das Abendlicht und den Verfall, ja, auch den Verfall, und gehe zurück zum Zelt.

Der Tag war voll. Ich koche, erst Suppe, dann Tee. Sitze auf einem Baumstumpf. Und atme.

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