Bad Belzig – Berlin (#3wegsam11)

Oh je, so viele Tage später noch notieren wollen, was damals geschah, das fühlt sich fast unmöglich an. Damals, vorvorvorgestern, als wir auf Berlin zu- und am Ende hineinrollten. Inzwischen liegen meinem Erinnern Berlin-Tage im Weg, wie immer voll und laut und bunt und überfordernd. Ein scharfer Kontrast: zwischen den Fläming-Radwegen und dem Großstadtmoloch, ich versuche mich zurückzuversetzen …

Wie wir morgens lange im Bett bleiben, uns weder beim Packen noch beim Frühstücken beeilen, das ist Ankommensprokrastination, mindestens unterbewusst. Für mich geht es ja weiter, bald und allein. Die gemeinsame Reise mit dem Sohn aber endet hier. Es war gut, sagt er. Es war gut mit Dir, Großer, sage auch ich. Gern wieder:)

Wir trödeln also –  wir motschen: ich grabe unerwartet ein Kindheitswort aus:) – und suchen nach dem Aufbruch aus der Herberge zunächst eine Bäckerei und ein Frühstück. Schön ausgiebig, schön Zeit lassen. Am Nachbartisch ein älteres französisches Radlerpaar, nach Berlin wollen sie heute auch, danach bis an die Oder, und dort erst entscheiden sie, ob es nach Polen hinein, oder nordwärts ans Meer oder südwärts den Fluss entlang gehen wird. Welch freischwebende Reiseroute, ich bin fasziniert.

Unsere Route ist heute mit einem klaren Endpunkt am Rand von Berlin versehen, und mit einer klaren Kilometerzahl. Die ist hoch, und es ist spät. Um es noch ein wenig enger zu machen, verfahren wir uns gleich an der Kurklinik hinterm Ortsausgang, kann man machen. Der Kurpark ist idyllisch, und die Kurgäste schauen gar nicht so erstaunt, als wir da mit den Rädern an ihren Liegen vorbeifahren. Vielleicht gibt es das öfter.
Ein paar Kilometer weiter treffen wir auf unseren damaligen ersten Übernachtungsort, nostalgische Erinnerungen fluten sogar den Sohn, und der Magnetcache ist nicht mehr an der gleichen Stelle. Im Plattenbauvorort werden wir wiederum – wie damals – angesprochen, als wir die Fotoapparate herausholen. Nicht so agressiv wie damals, aber doch mit Unterton. Irgendetwas stimmt mit dem Fotografieren an diesem Ort nicht, vielleicht haben die Bewohner schlechte Erfahrungen gemacht. Welcher Art auch immer.

Den Weg von damals verlassen wir bald, der fertige R1-Weg über Potsdam würde uns kilometerlang in den großstädtischen Berufsverkehr werfen, es scheint verlockender, quer durch den Speckgürtel zu fahren – so nennt man das wohl, diesen Ring um die Großstadt, in dem es voller an Menschen und dichter an Verkehr wird. Eben, dichter an Verkehr, das wollten wir ja gerade vermeiden.
Doch vermutlich gibt es keinen lärm- und bedrängnisfreien Weg in die Großstadt hinein. Der Berliner Ring, wir kreuzen ihn in der prallen Nachmittagssonne, empfängt uns mit einer Dauerbaustelle, mit Radübergang, immerhin. Schnellstraße an Schnellstraße, wir sind müde. Ein Bahn-Autobahn-Knotenpunkt liegt im Weg, den Radweg hat man drübergeschlängelt, eine Kleeblattkreuzung ist nichts dagegen. Kilometer um Kilometer nähern wir uns, sehen Hochhäuser und Kraftwerke in der Ferne.
Kurz vor dem Ziel will das Navi uns auf die Autobahn locken, feine Tücke am Wegesrand. Es bleibt uns ein Feldweg, der bald quer in die Felder führt. Ein paar Kilometer geht es parallel zur Stadtgrenze, noch einmal autofrei unter wilden abendlichen Wolkenformationen dahintreiben, das entschädigt für den Lärm der letzten Stunden.
Irgendwann landen wir auf dem Mauerradweg. Stadtgrenze in verwilderter Natur, das Ortseingangsschild zum Fotografieren bleibt uns verwehrt, wir sind plötzlich in Berlin. In einer Kleingartenanlage, übrigens, deren Ausgang nur schwer zu finden ist. Die Stadt hat uns.

Es ist ungewohnt, so lange hier zu bleiben, nach diesen Reisetagen. Am nächsten Morgen sagt der Sohn das, was ich auch spüre: Und heute nicht aufs Rad steigen …
(Dem Körper tut die Erholung gut, das Rad bekommt frisches Öl, die Schraubenzieher verlassen kurz mal die Werkzeugtasche und die Wäsche darf in der Maschine baden und wirbeln.)

Etappe zwei beginnt am Sonntag.
Berlin – Jindrichuv Hradec. Viele mir unbekannte Gegenden liegen am Weg, ich bin gespannt.

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6 Kommentare

    1. Da komme ich doch gar nicht durch, und am Dienstag schon gar nicht: so schnell bin ich nicht, oder will ich nicht sein.
      Weil ich etwa entlang der Spree fahren werde, kreuze ich Deinen Weg in Bautzen, aber da warst Du schon:)
      Guten Weg!

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    1. Und nun ist es bald so weit. Seltsam, allein weiterzureisen. Gerade bin ich mit dem Zug einen kleinen Teil unserer Strecke von letzter Woche entlanggefahren, es war noch ganz nah.
      Und ja, der Kopf wirbelt … und ist sehnsüchtig nach Ruhe.

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