Dessau – Bad Belzig (#3wegsam10)

Es ist ein Radfahrtag, der mich glücklich macht, von A bis Z, an dem alles stimmt, alles passt, alles genau richtig ist.
Was ich mich frage: Ob ich die Sonne nur so wahrnehme und genieße, weil wir sie die letzten Tage nicht hatten? Ob mir der Gegenwind nur so nichtig vorkommt, weil er gestern so stark war und wir diesen im Vergleich kaum als Hindernis spüren? Ob mich die unfreundlichen Tischnachbarn nur deswegen nicht verdrießen, weil sie seit langem den einzigen Kontrast zu all den positiven Begegnungen bilden? Ob mir das – unbeabsichtigte, auf ein Verirren folgende – Schieben der Räder durch den Wald nur deswegen kein Ärgernis ist, weil es mich in Kindheitszeiten zurückversetzt und mich deswegen lächeln lässt?

Es ist ein kurzer Radfahrtag. Kaum 50 km zeigte das Navi in seiner Planung. Da ich die Kunst beherrsche, noch jeden geplanten Weg auszumäandern, man will sich ja nicht zur Sklavin der Navi-Anzeige machen;-), werden es am Ende knapp 60. Immer noch eine Wohlfühldistanz, die schon vom Morgen an Ruhe aufkommen lässt. Wir haben alle Zeit der Welt für alles, was wir unterwegs wollen.

Wir frühstücken und starten spät. Früh fahren ja schon die anderen los. Wir sind immer die letzten Radfahrer, die aus der Herberge aufbrechen.

Und gleich läuft uns ein Flugzeugmuseum über den Weg. Da wir ja nie Reiseführer oder sonstige Informationsquellen über die Orte lesen, die wir durchfahren, trifft uns touristisch „Sehenswertes“ immer überraschend. Was auch immer sehenswert heißt – wir wollen diese Flugzeuge anschauen, und wir schauen sie an. Der Sohn verblüfft mich mit fundiertem Detailwissen zum Flugwesen, woher und warum weiß er das denn alles?

Immer noch in Dessau, treffen wir auf den R1, den europaduchquerenden Radweg, der hier mit dem Elberadweg zusammenfällt. Wir lassen uns für ein paar Kilometer in seiner bequemen Beschilderung treiben, biegen immer ab, wie es die Pfeile sagen, sind von der Wegsuche also befreit, und haben Augen noch und noch für Parks und das sonstige Grün rechts und links des Weges, für die Mulde und gleich darauf die Elbe mit ihren Auen. Mein Fotoapparat will einfach nicht stillhalten, der Sohn schaut leicht genervt:)

Jenseits der Elbe geht es in den Fläming hoch. Nach den mitteldeutschen Gebirgen wirken die Anhöhen wie der Schatten eines Gebirges, misst man es in Höhenmetern. Die Landschaft aber, die ist neu und anders als bisher. Es gab schon Kiefernwälder auf dem Weg, es gab sandige Böden, es gab hügelige Blicke. Aber es gab noch nicht all dies zusammen. Mit jedem Meter werde ich mehr in heimatliche Kindheitsgefühle entrückt.
So roch es, wenn wir am Wochenende aus Berlin herausfuhren. Inmitten solcher Hügel lagen die Seen, in denen wir badeten. Ferienlagerzeiten fanden in solchen Wäldern statt. Der Geruch, die kalt durchsetzte warme Luft, der staubige Sand, das Licht. Die typischen Dörfer, die Häuser einstöckig, Dachfirste parallel und brav längs der Straße ausgerichtet, weit entfernt stehen sie von der Fahrbahn, dazwischen ein Grünstreifen, oder auch Brache, in manchen Dörfern eine Mittelinsel mit Kirchlein. Hinter allen Ecken lugt Verlassenheit hervor, nicht nur Gasthäuser, ehemalige Gasthäuser, muss man ja sagen, stehen leer, auch Wohnhäuser, Wohnblocks, ganze Ortsteile, LPG-Gebäude. Das Kopfsteinpflaster mit seinem Geräusch, die Sprache, allmählich vom Berlinerischen durchsetzt (viel stärker als in Berlin selbst).
Das alles: hier ist Heimat. Dabei weiß ich gar nicht, was ich mit Heimat meine. Sie hat mit Menschen zu tun, immer. Und mit mir selbst vor allem. Und doch kommt mir dieses Wort. Vielleicht meine ich: wohliges Erinnern an Geborgenheit in guten Kindheitszeiten. Irgendwie das ist es, was mich trifft, was ich hier treffe.

Da macht es nichts, dass wiederum – wie schon beim letzten Durchradeln – der Wunsch nach einem Eis oder einem Pausenimbiss nicht erfüllt wird. Dorf um Dorf wirkt verlassen, das beginnt schon lange, bevor wir Brandenburg erreichen, das beginnt genaugenommen unmittelbar hinter der Elbe. Wir wissen dies ja, spätestens, seitdem wir vor drei Jahren genau hier entlang fuhren und uns irgendwann halb verhungert auf einer verlassenen Dorfstraße wiederfanden, an unseren Keksen knabbernd, weil es seit Stunden nichts gegeben hatte. Damals. Wir sind also gewappnet.

Dafür haben wir heute Glück und finden ein Wochenendausflüglergasthaus. Es ist überfüllt. Wir erkämpfen uns einen Platz an einem Tisch, teilen diesen Tisch mit einem Paar. Mit der unfreundlichsten Begegnung seit langem. Nein, darüber mag ich hier nicht schreiben, wozu mir selbst die Laune verderben. Wer weiß schon, was ihr Problem mit uns war. Oder ob es gar nicht an uns lag, sondern sie einfach immer unfreundlich sind. Fremde Menschen, man schaut nicht hinein.
(Als der Mann der Frau – nicht seiner, sonst hätte die das längst gewusst? – von seinem neuen Ebike vorschwärmte, mit dem man in drei Tritten auf 25 käme, welches sogar einen „Schiebemodus“ habe, wenn man es also schiebe, führe es von allein nebenher, da hätte ich gern genauer in ihn hineingeschaut. Wozu braucht er diese Geschwindigkeit, diese Anstrengungslosigkeit? Was sucht er auf seinen Ausflügen? Warum stopft er sich sein Essen hinein, schweigend zumeist, und geht dann grußlos? Was bewegt ihn? Was sind seine Sehnsüchte? Tue ich ihm Unrecht, wenn ich so über ihn schreibe? So wie all den Menschen, über die ich meine Urteile fälle, weil ich sie einfach nicht verstehen kann?)

Kurze Zeit später verlieren wir unseren Weg, weil mitten auf dem Radweg eine stacheldrahtumzäunte, längst verlassene, aber dennoch abgesperrte Anlage unbestimmbaren Zwecks platziert ist. Wir wollen das Gelände umfahren, geraten auf Sandwege, finden keine Rückkehr zum alten Weg, stoßen immer tiefer in den Wald hinein, auf immer unwegsamere, „unradsame“ Wege, und schieben schließlich. Immer geradeaus, weil man am anderen Ende ja doch aus dem Wald hinausgelangen müsste. Tatsächlich, wir finden hinaus, stoßen auf eine Straße und sind plötzlich näher am Ziel als erahnt. Das Schieben, das Hindernis als scheinbare Verlangsamung ist letztlich keine, im Gegenteil. Und es bringt Ruhe und Durchatmen in den Tag. Gar nicht so schlecht, mitten in der Radtour eine Schiebestrecke einzubauen:)

Ungeahnt und ungeplant geraten wir so auf alte Bahnen, sind kurz vor Bad Belzig plötzlich wieder auf dem R1-Radweg. Damals in umgekehrter Richtung gefahren, überkommen mich Erinnerungen. Die kleine Dorfkirche, unser Japsen bei dem Anstieg (jetzt ist es ja ein Hinabsausen), hier suchten wir einen Cache (und fanden ihn nicht), dort gab es nichts zu essen, dieser Blick hat mich damals fasziniert. Der Blick fasziniert mich heute aufs Neue.

Wir sind da. Unser Pensionszimmer liegt oberhalb eines Eiscafés, gehört zu einer Brauerei. Nach dem Duschen sich nicht entscheiden können, ob zuerst Eis oder zuerst Bier – das ist ein wahres Luxusproblem:)))

 

5 Kommentare

  1. Ach wie schön! Es macht Freude, Deine Berichte zu lesen. Und wie unterschiedlich alle sind. Ich wäre wohl bei den Frühstartern aus der Herberge, die Morgenkühle nutzen.
    Schönes Ausradeln mit K1. Hat er seine Videopläne denn umsetzen können, oder war’s zu feucht?

    Gefällt 2 Personen

    1. Dann wärst Du einer von denen, die wir immer beäugen und dann – leicht gewollt;-) – schulterzuckend ziehen lassen (müssen), weil wir selbst gerade erst aus dem Bett gefunden haben:)
      Die Videopläne gingen im Moment nicht, weil die – partout nicht abzuändernden – Vorstellungen über spezielle Effekte eine spezielle Software nötig machten, die leider auf meinem kleinen Rechnerlein unterwegs nicht lief. Nun hat er tonnenweise Material und macht daraus zu Hause etwas.

      Gefällt 1 Person

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