Querfurt – Dessau (#3wegsam9)

Jeder Post braucht einen ersten Satz. Manchmal springt der mich beim Fahren schon an, bohrt sich stundenlang in meine Gedanken. Meist aber fällt mir lange keiner ein. Oder nur einer, den ich nicht will. Heute zum Beispiel: Es ist anstrengend. Oder: Es ist windig. Oder: Es ist anstrengend, weil es windig ist.
Nun, nicht gut, aber ich fange jetzt mit diesem Satz an …

Der Tag ist anstrengend. Vor allem an seinem Ende, weil es so unglaublich starkwindig wird, und weil wir bis dahin schon viele viele Kilometer getreten sind. 60, glaube ich, als der Wind beginnt.
Warum wir so weit fahren? Weil wir den Plan, am Montag Abend in Berlin zu sein, nun doch aufrechterhalten. Weil in der weiten, einsamen Ebene zwischen Halle und Dessau kein einziges müdes Pensiönchen unseren Weg kreuzt. (Und hätten wir intensiver gesucht, das war schon in der windigen Zeit, dann hätten wir noch viel mehr umherkurven müssen, nein, danach war uns nicht zumute.) Und weil wir in Halle zu wenig Strecke für die Montagsankunft gehabt hätten, wurde Dessau unser Tagesziel.

So also. So weit. Zu weit fast.
Am Morgen jagt der Wind noch mit uns, vermute ich im Nachhinein. Rückenwind spürt man ja nicht so, wenn man nicht darüber nachdenkt. Wir sind nur sehr, sehr schnell, haben die 35 Kilometer bis Halle in zwei Stunden geschafft, das glauben wir selbst kaum. Zumal wir auch Schotter fahren, zwischen und durch Mais hindurch, ewig weite Felder, nichts anderes bis zum Horizont zu erblicken. Also: es muss stark geweht haben, da am Morgen schon.

Die letzten 10 Kilometer vor Halle regnet es, och nööö. Es ist bereits der dritte Tag, an dem die Wetter-App uns linkt. Heute steht bei Halle für die Mittagszeit 1% Regenwahrscheinlichkeit. So bedeutend muss man erstmal sein, dass man dieses eine Prozent abbekommen darf:)
Pitschnass jedenfalls und soeben noch neben der Straßenbahnschiene auf glitschiger Kopfsteinpflasterstraße gestürzt (harmlos zum Glück, und die Straßenbahn hielt extra an, bis jemand unsere Trinkflasche aus der Schiene geholt hatte:)), fallen wir in den erstbesten Imbiss auf Halles Marktplatz ein. Trocken, Essen, Toilette, Sitzen, Ausruhen.

Währenddessen wechselt die Wetterkulisse vor dem Fenster in rasanter Geschwindigkeit. Ehe wir ein zweites Mal hinschauen, ist der Himmel blau. Oh, wir wollen nach tagelangem Trübhimmel endlich wieder einmal bei Sonne fahren. Brechen also schnell auf, ein Einkauf noch für nötige Notnahrung, und dann raus aus der Stadt. Gen Nordosten geht es, direkter Weg nach Dessau. Leider landen wir erst auf einer Kopfsteinpflasterschnellstraße, von der wir über einen Hoppelasphaltweg zu einem benachbarten Radweg fliehen, diese Lautstärke hätte ich keine weiteren 10 Minuten ausgehalten. Es reicht schon, dass wir im Laufe des Tages viel zu oft auf Landstraßen fahren werden. Neben der nie ganz abreißenden Angst macht mich vor allem der Lärm müde.
Aber zunächst sind wir auf dem Petersberg-Radweg (Name ohne Gewähr, aber selbiger Berg stand links am Wegesrand) und sehr verlassenen Landsträßchen unterwegs. Erstmals seit Tagen scheint mir beim Fahren die Sonne auf den Rücken, ich werde von warmer Luft gestreift, wie gut das tut. Eine einsame Baumallee, noch nicht ganz brandenburgisch, aber schon nahe daran, reife Felder, der Blick über die fast ebene Landschaft, Wolkenkulisse – es geht uns gut.

Bis ringsum aus Haufenwolken Gewitterwolken werden, wir ab und zu einen Tropfen abbekommen, und – viel schlimmer – der Wind einsetzt. So plötzlich, so heftig. Es weht uns fast von der Straße. Ich merke erstmals, dass mit Seitenwind noch schwieriger zu fahren ist als mit Rückenwind. Noch langsamer, noch mühsamer, weil sich das Rad kaum in der Spur halten lässt, weil jedes überholende Auto mit seinem Windschatten zur Gefahr wird, weil man seitlich einander keinen kraftsparenden Windschatten geben kann.
Es ist wirklich heftig. 20 Kilometer vor der Pension, wie gesagt der einzigen, die wir fanden, hier am Ortseingang von Dessau, 20 lange Kilometer vorher biegen wir verzweifelt in eine kleine Ortschaft ab, setzen uns auf den verwaisten, heruntergekommenen Spielplatz, und essen Nüsse und Riegel. Völlig ermüdet, inzwischen wollen auch Po und Hände kaum mehr – es gibt viele Kopfsteinpflasterabschnitte hier im Hinterland. Und der Kopf lässt sich leider nicht abschalten. Wenn es so weiterweht, kommen wir kaum mehr in den zweistelligen Tempobereich. Bei 20 Kilometern macht das reine Fahrzeit … und die Verschnaufpausen dazu … und wenn es jetzt noch richtig regnet … Nee nee nee. Schreit es in mir. Dem Sohn gegenüber äußere ich das nicht so laut, aber auch er spürt, dass ich mit meinen Kräften am Ende bin.
Wir werden still und treten einfach. Mehr bleibt uns ja doch nicht übrig. Ich versuche, diese Kilometerzahl auszublenden. Der Hügel da vorn. Der nächste Baum. Das nächste Verkehrsschild …
Am Ende brauchen wir wirklich zwei lange Stunden. Zwei Stunden gegen den heftigen Wind, so schwierig war es auf der ganzen Tour noch nirgends.

Aber irgendwie schafft man das. Irgendwann steht Dessau auf dem Ortsschild. Wegen der Bebauung ist plötzlich auch der Wind weg, oder weil sich Winde zum Abend ja legen. Jedenfalls wird es mit einem Mal leichter. Wir treten trotzdem im Schneckentempo weiter, mehr geht nicht. Dafür kommt uns die Sprache wieder.
„Dessau? Wessau?“, sagt der Sohn. Und dass es ja eigentlich „Dersau“ heißen müsste, als korrekter Genitiv. Werwolf-artig dekliniert er das Wort, am Ende versucht er es auf Latein. Sau-e sei der Vokativ, meint er, wir sollten das dem Stadtrat mal vorschlagen. Hoffentlich hat der Sohn Recht mit seiner Deklinationsvariante, sonst müssen wir am Ende noch Leben-des-Brian-artig irgendein Diesau-dersau-demseinsau-Konstrukt 1000mal an die Dessauer Stadtmauer schreiben.

Die Pension wartet auf uns. Es gibt eine Dusche, ein Bett, vorher ein Essen und etwas zu trinken, natürlich.
Uns wohlfühlen im Ankommen, das können wir gut:)

 

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8 Kommentare

  1. Boah. Einen Tag Pause machen, wär auch mal was?!
    Aber nein … ihr wollt ja morgen … Wozu?
    Nun ja, ihr macht das schon – und ihr schafft es bestimmt auch.

    (Mich tröstet es ein wenig, dass du auch mal k. o. bist, [nicht schadenfreudig gemeint], weil ich schon oft das Gefühl hatte, dass du offenbar über unbegrenzte Ressourcen verfügst. Oder dich immer noch weiter und weiter motivieren kannst, wenn andere (wie ich!) längst aufgeben …)

    Gefällt 1 Person

    1. Wir sind in Berlin verabredet für morgen – das sind wir schon sehr lange. Und jetzt sind wir ja auch nahedran.
      Und all das andere – oh, mich hat Deine Mail sehr berührt. Kommt Zeit, kommt Antwort. Heute Abend wird es wohl nicht mehr, meine Reiseschlafenszeit ist gegenüber der „üblichen“ vorverlegt:)
      Fürs erste ein Herzensgruß von mir<3

      Gefällt 1 Person

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