Sömmerda – Querfurt (#3wegsam8)

Es wird Zeit, einmal zu erwähnen, wie viele Menschen uns all die Tage schon am Wegesrand begegnen. Richtig davon zu erzählen, mit allem, was jeweils in mir berührt wird, das wäre schwierig, wie wollte ich das in wenige Zeichen pressen?
Und wieso überhaupt sage ich Wegesrand? Das ist ja nur unsere Sicht, die der Vorbeirollenden. Für diese wiederum sind wir die Vorbeiziehenden, die nur eben kurz auftauchen, um gleich wieder zu verschwinden. Gegenseitiges Streifen von Lebenswelten. Wir mit unserem Gepäck, all unserem Geraffel, äußerlich gesehen, mit unserem Erleben, Denken, Sehen, Wahrnehmen dazu. Diese mit ihrem Wohnort zumeist, all den Dingen, die dazu gehören, mit ihrem Leben und Erspüren. Ob sich diese Universen begegnen können? Wir sind einander nur ein kurzes Aufblitzen.
Und doch gibt es manchmal einen wirklichen Blick in ein Gesicht. Dann sieht man in den Augen, im Lächeln, in einem Satz, in einer Geste eine ganze Welt aufscheinen.

Die Postfrau, die sich durch unsere Frage von ihrer (sicher drängenden) Arbeit abhalten lässt, um uns ausgiebig zu erklären, zu erzählen gar, wie das mit den Radwegen und den Wegen überhaupt hier rings um ihr Dorf ausschaut. Sie fahre auch viel Fahrrad, aber nein, diesen Weg im Wald, den würde sie nicht machen. Aber die Straße, das geht.
Die beiden vor dem Kloster, die erst den Sohn, dann mich ausfragen, woher und wohin wir fahren, und staunen und von sich erzählen und wir so über die verschiedenen Reisen ins Gespräch kommen.
Der Mann auf dem quietschenden Fahrrad, sicher auf dem Weg von der Arbeit nach Hause, der uns die Bergrouten eine nach der anderen schildert, dazu ganze Epen erzählt, wie er die Wege jeweils erlebt und dass es ohne Berge nunmal nicht ginge.
Die Wirtsfamilien in den kleinen Pensionen, mit denen es so leicht, so selbstverständlich ist ins Gespräch zu kommen. Sie haben oft ein Leben in Grenzgeschichten hinter sich, schon letztes Jahr hörte ich viele davon, Geschichten vom Überleben und Wegfinden in Zeiten großer Veränderungen. Mit lustigen Anekdoten garnieren sie ihre Erzählungen.
Die Wirte, die uns Essen bereiten, obwohl das Gasthaus geschlossen hat, die uns das letzte Getränk schenken, und das vorletzte vielleicht auch schon.
Vielleicht, so denke ich in jeder einzelnen der familiengeführten Pensionen und Gasthäuser, wo eine Kleinfamilie Tag und Nacht hart arbeitet, damit der Minibetrieb funktionieren kann, vielleicht sind das sehr besondere Menschen. Die viel aushalten, die die Arbeitslast klaglos ertragen, die sich dem Gast unterordnen, und für die es ein Bedürfnis ist, viel zu teilen. Wie wertvoll diese kleinen Gasthäuser auf dem Weg sind.
Manchmal trifft man abends in der Gaststube andere Unterwegsseiende. Eine Pilgerin und ein Vielgewanderter waren es neulich, mit denen ich in ein langes Gespräch kam, über die Fragen, die sich hinter dem Unterwegssein auftun. Über ein paar Antworten auch. Gespräche, die ins Innere des Lebens hineinreichen. Dabei kennen wir nichtmal unsere Vornamen.
Und dann sind da auf der Straße all die Menschen, die quasi auf uns zuspringen, wenn wir nur an einer Ecke stehenbleiben und kurz die Karte oder das Navi anschauen wollen. Dazu kommt es oft gar nicht. Weil uns überall und stets sofort der Weg erklärt, gezeigt, beschrieben, erzählt wird. Wir kommen kaum zum Selbersuchen. In den Dörfern längs der Unstrut etwa, wo die Wegweiser (oder unsere Aufmerksamkeit?) kleinere Lücken enthalten, da brauchen wir nur fragend zu schauen, irgendjemand weist dann von allein in die richtige Richtung oder erklärt oder verwickelt uns in ein Gespräch über das Woher und Wohin.
Mit den anderen Packtaschenradlern spricht man ja ohnehin meist kurz. Es sind wenige hier, weil wir zumeist abseits der großen Radurlaubsrouten fahren, weil die Wege leer sind, wir sie nur mit Einzelnen (und ein paar Rennradlern) teilen müssen. Fühlt sich gut an …

So viel freundliche Gesichter also strahlten uns schon entgegen. Vielleicht ein Spiegel? Umso mehr fallen mir die gegenteiligen auf.
Die Kioskfrau oben am Rennsteig, die Wurst um Wurst in Brötchen stopft, die die Preise über die Theke schleudert, die keinen Blick erwidert, auch nicht, als ich sie grüße und so lächelnd ich kann anspreche – da bleibt Starre im Gesicht. Vielleicht ist sie überhaupt nicht richtig hier, weil ihr Leben ganz woanders abläuft?
Die Frau des Radlerpaares in Würzburg, die konsequent von uns wegschaut, keine Silbe sagt, als wir mit ihrem Mann sprechen, selbst dann nicht antwortet, als er mit ihr spricht, die mit verdrossenem Gesicht auf der Straße wartet und mit den Füßen scharrt wie ein kleines Kind – vielleicht mag sie im Urlaub gar nicht radeln? Sie sieht so unglücklich aus, man möchte sie einfach nur in den Arm nehmen.
Der Mann, der zufällig vorbeigefahren kommt, als wir gerade die gestürzte Frau am Wegesrand gefunden hatten, wo ich schnell die Lage checke – ich staune selbst über mich:) – und rede und beruhige und merke, dass bis auf das Bein alles soweit in Ordnung zu sein scheint, ihr aber nicht aufzuhelfen ist, weswegen ich Sohnes Jacke unter ihren Kopf lege, während ich in Gedanken schon die 112 wähle und mich frage, wie ich den Ort – hier mitten in der Pampa, in der ich mich nicht auskenne – wohl beschreiben könnte. Der Mann also, der in dieser Sekunde dazukommt und nichts anderes zu sagen hat als mich anzupflaumen, warum ich nicht die 112 gerufen hätte. Ich gucke wohl sehr verdutzt. Und lasse ihn den Anruf machen, er kann den Weg eh besser beschreiben. Im Weiteren wechselt er kein Wort mehr mit mir. Ist er nur so erschrocken, so hilflos, dass dieser Ton aus ihm bricht? Argwöhnt er, wir hätten die Fußgängerin angefahren? Wieso spricht er nicht mit mir? Das werde ich wohl nie mehr herausfinden. Denn nachdem noch ein weiteres Auto angehalten hat, fahren wir mit unseren Rädern weiter. Die Einheimischen sind unter sich und ignorieren uns. Tja.

Nun sitze ich schreibend, es sind die frühen Morgenstunden, meine Lieblingsschreibstunden, während der Sohn noch schläft. Bald ist Aufbruchszeit, schnell noch ein paar Worte zur Tagesetappe.
Der Unstrutradweg bleibt wunderbar, auch wenn das Tal sich allmählich weitet, dafür regnet es nicht. Sonnig kann man es noch nicht nennen, aber Trockenheit ist ein Anfang.
Wir rollern dahin, wirklich, so kann man es sagen, viel mehr passiert in den ersten Stunden nicht. Ab und zu hält einer von uns an, um Schafe oder Felder oder Blätter zu fotografieren, ansonsten treiben wir durch die Welt.
Die Mittagszeit erwischt uns in Artern, Imbisse und Geschäfte gibt es auch, Pause also, auf dem zentralsten Platz, den wir finden. Ein paar Marktstände werden hastig zusammengepackt, auf dem Weg in den Feierabend, der Platz gehört nun gleich den Fremden. Eine Motorbike-Ausflugsgesellschaft, die sich von den Ecken des Platzes gegenseitig die Imbisspreise zuschreit, pokemonende Bundeswehrsoldaten neben uns auf der Bank, zwischen sich ein Brathähnchen zerlegend, wir mit unseren Pausengeschäften – essen, trinken, schreiben, sitzen – andere Radler, die noch den Ratskeller umschwirren, dann aber auch mit einer Wurst auf der Bank landen. Der asiatische Imbiss drei Straßen weiter ist menschenverlassen, er liegt halt nicht am Platz. Wovon lebt der?
Nach der Stadt biegen wir vom Unstrut-Weg ab, haben uns entschieden, nicht den weiteren Weg über Nebra, an der Himmelsscheibe vorbei, zu nehmen, sondern direkt nach Querfurt zu stechen. Direkt heißt in diesem Fall: obenrüber und auf der Landstraße. Keine Lieblingsstrecke, kein angenehmes Fahren, aber wir sind beide müde und wollen heute Kilometer sparen.
Irgendwann zwischen 3 und 4 Uhr überqueren wir die Landesgrenze, Sachsen-Anhalt empfängt uns mit drohender Gewitterkulisse, ist aber so freundlich, uns noch trocken von Ziegelroda nach Querfurt hinabrollen zu lassen. Dort haben wir ein Zimmer, dort ist alles gut.
Den späteren Gang auf die Burg – es hat sich ausgewittert, es gibt Abendsonne – unternehme ich allein, der Sohn hat keine Lust. Es ist leer auf der Burg und in den Gassen der Stadt, fast hallen meine Schritte. Ich fotografiere die Gemäuer, und ich bin in Gedanken schon fast wieder weg. Vielleicht sind wir in drei Tagen in Berlin.

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7 Kommentare

  1. Boah, sooo viele Menschen?! (Ich frage mich, was das mit mir machen würde, ob ich es mögen würde, wenn mir alle sagen würden, wo lang …).
    Du magst das aber – oder kannst dich auf alle Fälle gut „abgrenzen“, will mir scheinen, gell?
    (Ich mag Begegnungen auch, aber gerne dosiert …)

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    1. Hej, das war von acht Tagen gesammelt …
      Dieses Wegzeigen ist das einzige Ungesuchte. Und empfinde ich als sehr angenehm. Man fühlt sich willkommen, nicht beäugt. Alle anderem Kontakte könnte ich dosieren. Aber alle paar Stunden mal sprechen ist nicht zu viel😉

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  2. So schön, wie du die Menschen skizzierst, sie werden vor meinem inneren Auge lebendig! ich bin ja seit einer Woche in einer kleinen Stadt am Mittelrhein, hier ist so viel Unfreundlichkeit in den Gassen, wie ich es noch selten in den letzten Jahren und anderen Orten erlebte. Schade! Ich grübel noch über das wieso hier und wieso es hier so auffällig viele sind?
    (Sicherlich werde ich dazu und zu einigem anderen, was ich in dieser Woche erlebte, noch schreiben.)
    Ich finde es gerade sehr spannend dir, dem Emil und vorher Irgendlink und Soso auf euren unterschiedlichen Wegen zu folgen, ich mag die unterschiedlichen Schrittarten sehr!
    herzliche Spätabendgrüße
    Ulli

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    1. Das sind so seltsame Dinge, gell? Manche Ortschaften haben irgendwie einen unfreundlichen Geist in sich, ohne dass man sagen kann, woher der kommen mag. Letztes Jahr auf meiner Grenztour fuhr ich durch eine Kleinstadt, in der alle immer wegschauten, wenn ich sie ansah und grüßte. So richtig verbissen auf ihren Besen oder was immer sie in der Hand hatten, haben sie geblickt.
      Vielleicht fällt es mir deswegen so sehr auf, wie durchgängig anders es hier ist. Bisher. Nun komme ich ja in die Berliner Gegend;-) (Als Berlinerin darf ich das so sagen: Bei dem sprichwörtlichen „Herz mit Schnauze“ muss man „Herz“ manchmal ganz schön dolle suchen;-))
      Herzlichen Gruß zurück, von Reise zu Reise.

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