Wernshausen/Schmalkalden – Mechterstädt (#3wegsam6)

Immer wieder die gleichen Themen sind es ja, die mir beim Radreisebloggen unter die Tasten kommen. Natürlich, ist es doch auf eine Weise immer wieder das Gleiche, was ich hier erlebe. Und doch wird es im Laufe der Jahre anders, manchmal kenne ich mich selbst kaum.

Zum Beispiel die Sache mit Anstrengung und Mühe.
Thema des Tages ist die Rennsteigüberquerung, von der uns die einen abgeraten, die anderen zu einer heftigeren, da höheren zugeraten hatten, über die der Wirt morgens gesagt hatte, wir könnten ja den Zug nutzen, falls es wegen des Regens doch nicht ginge, und noch die Postfrau, die wir fragten, als wir schon am Aufstieg waren, sprach von Außen-herum-fahren, da wäre der wunderbare Werratalweg.
Das tun wir nicht, wir fahren über den Rennsteig, über die „Hohe Sonne“, obwohl es sich mittlerweile eingenieselt hat, obwohl der Weg etliche Kilometer auf der Bundesstraße führt (der auf der ADFC-Karte angezeigte Weg erwies sich als Mountainbike-Pfad, was wir aber erst oben merken, also bleibt nur die Straße).
Irgendwann im Auf und Ab des stetigen Anstiegs merke ich plötzlich, dass ich gar nicht mehr spüre, wenn eine Steigung beginnt, dass ich erst nach einer Weile wahrnehme, dass es ja bergauf geht, dass ich es wie von allein fahre. Dieses Nichtwahrnehmen ist neu, bisher war ich schon froh, wenn ich innerlich nicht haderte. Jetzt also habe ich es offenbar ausgeschaltet, dieses ständige Denken in Kategorien von Schwer und Leicht.
Hätte mir das jemand vor Jahren so erzählt, ich hätte wohl die höfliche Variante eines Vogels gezeigt. Und jetzt … fühlt es sich einfach unglaublich an.
Natürlich strenge ich mich an, hole meine Kraft zusammen, verwende sie zum Weitertreten, für all die Höhenmeter. Aber es ist keine Mühe.
Was hat sich verändert? Ist es die Erfahrung, dass ich bisher noch jedesmal nach oben kam? Ist es mein Wollen? Ist es ein neuerwachendes Vertrauen in meine Kraft?
Es geht jedenfalls vom Kopf aus, da bin ich mir sicher. Ich habe ja in den letzten Jahren nicht etwa meinen älterwerdenden Körper gestärkt, zwischen den Touren lebe ich mein normales unsportliches Leben.
Und doch wurde ich in den letzten Jahren unterwegs immer stärker. Wenn das so weitergeht, schaffe ich es mit 60 durch die Alpen, mit 70 durch den Kaukasus und mit 80 durch den Himalaya. Scherzle.
Im Ernst aber: Bei wie vielen Dingen im Leben mag das noch so sein, dass das Mentale die wahre Kraftquelle ist? Und dass es darum geht, vor allem diese zu nutzen?

Übrigens: der einzige Moment von Genervtheit kommt mir, als sich während der langgezogenen Steigung inmitten des regenfeuchten Waldes eine Mücke in meinen schweißnassen Rücken verliebt. Sie sticht viermal zu und erwischt mit sicherem Instinkt nur Stellen, an die ich während des Fahrens nicht herankomme.
Letztlich ziehe ich die Regenjacke wegen der Mücke über:)
Denn wegen des Nieselregens ist diese nicht nötig. Mir klingt der Spruch unseres Lehrers im Ohr, als wir in den 80ern während einer Klassenfahrt auf dem Rennsteig wanderten: „Es regnet doch nicht, wir sind nur in einer Wolke.“
Oben, an der Hohen Sonne angekommen, sind wir ganz schön in einer Wolke. Der Imbiss hat aber ein Dach, es gibt quietschbunte Fassbrause, die Wartburg ist unten in der Ferne zu sehen, und auch sonst ist alles gut.

Als wir dann nach Eisenach hinabgerollt sind, überkommt mich Erinnerungswehmut. Keine ungute, keine die dem Neuerleben in den Weg grätscht, aber eben doch – sie bleibt ein Blick in die Vergangenheit, wo wir doch jetzt und neu hier sind.
Zweimal nämlich führte mich das Fahrrad hier entlang. Erstmals mit dem Sohn, als wir vor drei Jahren die Gegenrichtung von Berlin nach Hause fuhren, und dann letztes Jahr auf der Grenzradtour. Beide Male besuchten wir stundenlang das Bachhaus. Und so ist es vielleicht kein Zufall, dass wir auch heute genau am Museum vorbei in die Stadt hineinrollen. Fast schon wollen wir unseren Aufwärmkaffee in der Museumscaféteria nehmen, oder wenigstens im Café am Platz. Es wird dann aber doch der Marktplatz. Mit Blick auf Bachs Taufkirche, immerhin.
Was wir hier schon kennen, versperrt uns den Blick auf Neues. So geht es mir auch auf den folgenden Kilometern. Der Radweg „Thüringer Städtekette“, hier an diesem Ende ein faszinierender hügliger Weg über Dörfer und Einsiedler-Gehöfte, erinnert mich pausenlos. Hier haben wir gepicknickt, dort kam uns das Tandem entgegen, hier waren wir falsch abgebogen, hinter der nächsten Ecke kommt dieser Blick, dort wird es steil – all das weiß ich noch zu genau. Ich reise in die und in der Vergangenheit.
Ist das der Grund, warum ich heute unbedingt noch weiterwill? Der Sohn äußert Müdigkeit, würde gern kurz hinter Eisenach unterkommen, ich aber möchte noch ein paar Kilometer weiter. Dorthin nämlich, wo wir vom bekannten Städtekettenweg abbiegen werden.
Jetzt erst, in der Pension in Mechterstädt verstehe ich, was mich derart getrieben hat. Von diesem Ort aus nämlich werden wir jetzt tatsächlich in völlig neue, unbekannte Gegenden radeln. Wir werden unsere damalige Strecke nur einmal noch in Halle kreuzen, alles andres wird Neuland sein. Quer durchs Thüringer Land, längs der Unstrut (die ich nur vom Weinnamen her kenne), in Richtung Sömmerda, später Halle. Nach Halle werde ich wieder auf die Karte schauen müssen:)
Auf die vor uns liegende Strecke freue ich mich unglaublich. So schön wie die bekannten Wege waren und wären, die neuen schenken Unentdecktes, sie öffnen und bereichern auf ganz neue Art. Gleich geht es los.

Als wir vom Rennsteig hinabrollen, übrigens, werden wir ungewollt zu Hütern der Langsamkeit. Weil wir nämlich auf der Bundesstraße fahren müssen, weil es nass und glitschig ist und ich ängstlich vor Ausrutschern bin, zwinge ich den Sohn hinter mir zu fahren und rolle langsam, langsam inmitten der Regenrinnsale. Irgendwann hören wir hinter uns einen LKW, der sich nicht traut zu überholen, gut so. Gern würde ich rechts ranfahren, um ihn vorbeizulassen, aber da hat man eine fiese Regenrinne hingebaut, mit den Rädern hineinzugeraten fühlt sich gefährlich an. Also rollen wir Serpentine um Serpentine weiter, es ist eng, es ist laut hinter uns, es ist ungemütlich. Erst irgendwann unten kommt eine Bucht, wir nutzen die. Verschnaufen, während der LKW an uns vorbeifährt. Und noch einer. Und 37 PKWs. Und noch zwei LKWs. Und immer noch PKWs. Minuten später (gefühlt) sagt der Sohn: „Schau mal, Mama, das ist alles immer noch unser Stau. Boah!
Selbst unten in der Stadt steht Schlange um Schlange an diversen Ampeln. Der Sohn argwöhnt unter Grinsen, dass auch diese noch von uns ausgelöst wurden:
Morgen wird hier in der Zeitung stehen: ‚Radfahrer verursachen Verkehrschaos rund um Eisenach. Siebenundzwanzig Tote.‘ — Oh mein Gott, Mama, wir werden wegen Mordes angeklagt werden!
Nur fahrlässige Tötung„, sage ich, „das gibt mildernde Umstände.
Nun, hoffentlich hat unsere Phantasie übertrieben. Aber einen Beitrag zur Verlangsamung all der Menschen, die es immerfort nur eilig haben, leisteten wir auf jeden Fall:)

Apropos Regen:Der Sohn wird und wird nicht klug. Fährt er doch wiederum einen Großteil der Strecke ohne Regenkleidung. Nur beim Bergabsausen vom Rennsteig, da zwinge ich ihm die Jacke auf. Ansonsten aber verweigert er sich.
Immerhin friert er. Als ich im Café anmerke, dass es einen Zusammenhang zwischen Art und Menge der Kleidung und Temperaturempfinden gäbe, da lächelt er kurz charmant. Er zieht sich noch nichts über, aber das Lächeln ist schon vielversprechend. Irgendwann werde ich ihn so weit haben, mit der Regenkleidung.

Bloß nicht in den nächsten Tagen. Der Regen soll nämlich weniger werden, vielleicht sogar aufhören. Mein Kopfweh geht auch weg. Das Auge schmerzt nicht mehr, der Finger hat sich stabilisert. Die Knieschmerzen werden nicht doller. Alles also im grünen Bereich. Wir halten uns tapfer.
Und haben schon über die Hälfte der Strecke und der Tage hinter uns. So schnell. Schnüff.

Advertisements

9 Kommentare

  1. Schön, dass auch LKWs mit dem Überholen von Radlern noch warten können. Hierzulande ist das nicht immer so. Früher, als wir noch weiter in Süden, in Karnes County, gewohnt haben, und vor dem Ölboom da unten, da war es gut auf den Straßen im Zusammenleben mit den 18-Wheelern, die die dicken Sattelschlepper hier genannt werden. Da haben sie auch fast immer hinter mir gewartet, wenn sie die Strecke zum Überholen nicht so weit einsehen konnten, dass sie mit genügend Abstand – und das hat oft die Gegenfahrbahn bedeutet – überholen konnten. Damals hatte ich mehr Angst vor unaufmerksamen PKW-Fahrern. Mit dem Ölboom da unten hat sich das aber geändert. Da standen die LKW-Fahrer dann so unter Zeitdruck, dass sie keine Rücksicht mehr nahmen und oft mit den zulässigen 70 Meilen pro Stunde ganz nah [manchmal hätte ich den LKW mit ausgestrecktem Arm berühren können] an mir vorbeigebrettert sind. Das hat dann den Spaß am Radeln verdorben. Auch deswegen, weil es da fast gar keine Ausweichmöglichkeiten auf Straßen ohne LKW-Verkehr gab. Dann gab es allerdings zum Glück unseren Umzug, und ein Grund, warum es gerade Fredericksburg geworden ist, war, dass es hier in der Umgebung [Texas Hill Country] ganz viele wunderschöne kleine Straßen ohne viel Verkehr gibt. Da macht das Radeln wieder Spaß. Ich zitiere da immer einen Country Song und sage, ich radle aus unserer Einfahrt auf die Straße und habe „Miles and Miles of Texas“.
    So, nachdem ich so viel ueber mich und das Radeln hier geschwaetzt habe, muss ich aber noch meine Bewunderung loswerden. Eine solche Radtour mit den Tagesetappen finde ich ganz bewundernswert. Wuerde ich nich schaffen. Weiterhin gute Fahrt,
    Pit

    Gefällt 1 Person

    1. Danke für diese interessanten Einblicke. Ich war nur ein einziges Mal in Amerika und habe sicher weniger als nur einen winzigen Einblick bekommen, insofern ist das ein sehr unvorstellbares Land für mich.
      Und weißt Du, dieses Radeln, das Durchhalten, das ist ja auch gewachsen. Wir treffen hier so viele unterschiedliche Menschen auf den Radwegen, auch ältere, auch Großfamilien mit Kindern – ich glaube inzwischen, jeder kann solche Wege gehen bzw. fahren:)

      Gefällt mir

  2. Und wieder ein schöner, abenteuerlicher & nachdenklicher Bericht. Ich lege deine Worte meinen ebenfalls radelnden Kollegen sehr gern ans Herz.
    Ich werde wahrscheinlich selbst noch Jahre brauchen, bis ich vor dem Bekannte-Wege-Dilemma stehe.

    Gefällt 1 Person

    1. Das kommt ja darauf an, ob Du immer schön „ordentlich“ einen Radweg nach dem anderen machst, oder so wie wir immer kreuz und quer durch Deutschland kurvst. Da treffen sich die Wege in der Mitte ja automatisch:)

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s