Münnerstadt – Wernshausen/Schmalkalden (#3wegsam5)

Ohne Regentage würde ich auf einer Radreise ja nie in Erfahrung bringen, ob ich wirklich mit dem Rad unterwegs sein möchte. Regentage als Indikatoren für wirkliches Wollen? Regentage und Anstiege und Wind und Pannen und so, all das. Alles bis auf eines hatten wir heute. Und: Wir wollen immer noch. Vermutlich geht es die nächsten Tage so weiter, laut einer der eh ständig irrenden Wetterapps. Aber wir lassen uns nicht abhalten. 

Ein Regentag also. Schon aufgeweckt werde ich von diesem plätschernden Geräusch, bleibe lange liegen, wecke irgendwann den Sohn, frage, was und wieviel wir uns heute vornehmen sollte, und …. bin erstaunt über seine Entschlossenheit. Mindestens bis Meiningen wolle er, und vielleicht weiter. Ja, so kam es dann letztlich auch. 25 km über Meiningen hinaus, eine satte 85er-Tour im Nieselregen. So viel hätte ich allein ja nicht gemacht;-)

Doch zunächst sitzen wir morgens beim Bäcker, frühstücken, es nieselt sich ein, aber ich kann den Sohn nicht dazu bringen, Regenklamotten anzuziehen. Das ist doch diese Sache: das Kind muss sich anziehen, wenn die Mutter friert. Muss ich dann wohl aushalten:)
Ebenso wie meine Vision seiner nassen Schuhe – wo er doch nur diese mit hat, und wie soll das die nächsten Tage werden? – , seiner nassen Schuhe also, die angeblich überhaupt nicht nass sind, wie er den ganzen Tag lang beteuert. Ich glaube ihm nicht. Erst jetzt, am nächsten Morgen, schleiche ich mich mal kurz hin zu den roten Riesenkähnen: tatsächlich, innen und außen trocken, dass es staubt.
Mütter immer so.
(Die Regenjacke übrigens, die zog er auf der letzten Etappe doch noch an. Wenn auch nur für mich: das war mir egal:))

Der Sohn fährt schnell in diesem Regen, zu schnell für meinen Geschmack. Er möchte irgendwo im Trockenen ankommen, ich möchte erstmal diese Strecke überstehen. Gegensätzliche Wünsche, wenn die potentiellen Anhaltepunkte allesamt nicht sehr verlockend sind. Unterstellmöglichkeiten wären enge, übelriechende Bushaltestellen, oder Industriegebäude. Im ersten Ortszentrum, in Bad Neustadt an der Saale, ist es noch zu früh für eine Rast, in Heustreu, Salz, Unsleben und wie die Orte hier alle heißen finden wir laute Bundesstraßenortskerne (oder suchen nicht ausgiebig genug), in Mellrichstadt regnet es gerade nicht und wir erliegen einem hektischen Weiter-Weiter, eben weil es gerade trocken ist … tja, und so fließen die Kilometer dahin, und wir haben kaum was im Magen. Wenigstens zu einer Notrast mit Nüssen und Riegeln auf offener Landstraße kann ich den Sohn bremsen, immerhin, denn eigentlich hofft er immer noch auf DEN Imbiss im nächsten Dorf.
Doch da sind wir schon im Grenzgebiet, im ehemaligen, und nach meiner Erfahrung vom letzten Jahr ist es dort auch nach 25 Jahren noch ausgestorben. Und so ist es: Mühlfeld, der letzte Ort in Bayern, Schwickershausen, der erste Ort in Thüringen, um 13.20 überqueren wir die fast unsichtbare Grenze (doch, ich sehe den Kolonnenweg, aber nur, weil ich weiß, wonach ich suchen muss), und ringsum wirkt alles verlassen. Die Geschäfte und Gasthäuser in den Ortschaften haben Betriebsferien, erst nachmittags auf, sind grundsätzlich geschlossen worden oder haben dienstags Ruhetag. So ist das hier.
Wir fahren weiter, verlieren unseren Radweg und landen auf der Straße, was aber nicht schlimm ist, da diese ebenso ausgestorben ist wie die Ortschaften. Es gibt nichts, nichts, nichts, ich fotografiere eine gelbe, zarte Blume in einer kargen Steinmauer, als Symbolbild und Ermutigung für mich selbst – was man alles aushalten kann – lasse mein Herz hüpfen beim Blick von oben ins Werratal, in dem ich letztes Jahr entlangfuhr und in dem wiederum unsere Berlin-Autobahn zu sehen ist, freue mich am Hinabrollen auf mäandernden Straßen ins Tal, und bin doch sehr sehr froh, als wir nass und hungrig irgendwann auf dem Marktplatz in Meiningen stehen. 60 km ohne Pause, ohne Nahrung, das macht man vielleicht mit 14, aber mich schlaucht das.

Jedoch: Sobald wir im Trockenen sitzen, Essen und Trinken vor der Nase, ist alles verflogen. Der Sohn ist unermüdlich, wie gesagt, er will noch weiter und weiter, bis zu 20 km, sagt er. Und damit wir dort nicht dachlos in einem nassen Dörfchen hängenbleiben, ertelefoniere ich uns schonmal ein Quartier, eine kleine Pension. Wunderbar, mit dieser Aussicht setze ich mich gern noch einmal auf den nassen Sattel. Und wunderbar dann die Ankunft in der familiären Atmosphäre des urigen alten Hauses, wo der Wirt mit kleinem Enkel auf dem Arm uns Abendessen macht statt seinen Ruhetag zu begehen. Andere Radler sitzen da, es ist lebendig ohne laut zu sein, es ist freundlich und zugewandt hier in dieser kleinen Oase in einem kleinen Dorf im Werratal.

Warum der Sohn übrigens so weiterdrängt? Heute sprachen wir über den Weg, der noch vor uns liegt, rechneten um den Ankunftstag herum – so schnell ist man vom Losgefahrensein beim Ankommenwerden?! – und stellten fest, wie viel pro Tag bleibt, wenn wir nächsten Montag in Berlin sein wollen. Und das will der Sohn, um noch ein paar Tage mit seinen Großeltern zu haben. Andererseits möchte er nicht so riesige Strecken fahren, damit es nicht so ein Gehetze wird.
Beides geht nicht, sage ich. Aber er könne sich überlegen, ob er notfalls den Rest mit dem Zug fährt, oder eben später in Berlin ankommt. Ob es ihm also wichtig ist, alles, die gesamte Strecke gefahren zu sein, oder ob ihm gemächlichere Etappen wichtiger sind. Das sei allein seine Entscheidung, alles sei möglich, er solle sich nur darüber klarwerden, was er wolle.
Und nun arbeitet es in ihm. Alle paar Stunden äußert er eine neue Überlegung. Die sichtbare Suche seines „Was will ich eigentlich?“ Ich kann ihm nur beratend zur Seite stehen, seine Entscheidung, seine Wege muss er selbst finden.
Es ist ja wie mit diesen Ratschlägen von Mitradlern, sie mögen noch so heftig diesen oder jenen Weg als toll, zu steil, den besten, völlig ungeeignet oder das einzig Wahre bezeichnen – wir müssen doch den Weg finden, der zu uns passt. Während der eine Schnellstreckenradler, der „immer auf der Suche nach Höhenmetern“ sei, uns völlig entgeistert anschaut, dass wir nicht in vier Tagen in Berlin sein werden, schüttelt das ältere Radlerpaar gestern entgeistert den Kopf, dass wir nicht durch Hessen um den Thüringer Wald herumfahren werden, sondern über die „Hohe Sonne“, „das geht doch nicht“.
Doch, es geht. Hoch oben über die „Hohe Sonne“ radeln, und eine Woche von hier nach Berlin benötigen, mindestens. Beides geht.
Alle Solls und Muss’s von anderen sind überflüssig, weil wir sowieso den eigenen Weg suchen. Wir hören uns gern an, was andere erlebt haben, welche Erfahrungen sie teilen können. Und dann finden wir unseren eigenen Weg, der zu unseren Kräften, Geschwindigkeiten, Bedürfnissen und Sehnsüchten passt. So machen wir das. Hier beim Radeln, und allgemein im Leben auch, hoffe ich.

Hach übrigens: Welche Freude, mit dem Sohn unterwegs sein zu dürfen. Ich kann das nicht oft genug sagen:)))

Advertisements

5 Kommentare

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s