Würzburg – Münnerstadt (#3wegsam4)

Wie wir uns so von den Landschaften zwischen den Schlingen des Mains hochschaffen, weg von den Orten, die mir fast noch Zuhause sind, weil Kollegen dort arbeiten, weil ich früher regelmäßig dort sang und sehr prägende Zeiten erlebte, weil ich dort immer mal am Wochenende bin, hin zu der Gegend, die sich bald zu einer ordentlichen Mittelgebirgslandschaft, zu Rhön und Thüringer Wald ausgewachsen haben wird, da fängt das Reisen erst richtig an. Da wird es außen fremd und in mir heimelig.
Und seltsam: wann immer ich mich auf meinen Touren Thüringen nähere, werde ich vorfreudig und irrational zappelig wie ein kleines Kind. Obwohl mich mit Thüringen nichts Biografisches verbindet, ist da eine still-laute Freude in mir. Immer.
Morgen also werden wir Thüringen erreichen. Und heute sah die Strecke schon sehr danach aus, wurde mittelgebirgig, nadelwaldig, schotterwegig. Ein einziges Strahlen auf meinem Gesicht.

Vielleicht hängt dieses Strahlen in mir auch mit dem Anruf am Morgen zusammen. Der Anruf, der meine Sorgen verwehte, der mir die Verantwortung ein Stück weit abnahm, jedenfalls: der die Entscheidung zum Weiterfahren brachte.
Eigentlich war nichts Großartiges passiert. Der Sohn hat einen tauben Ringfinger, und zwar seit dem Abend des ersten Tages. Natürlich kommt das von den Fahrradgriffen, soviel ist klar. Es ließ sich aber nicht bessern. Ich hatte ihm andere Griffweisen empfohlen, wir fuhren kurze Strecken, wir verstellten den Lenker, ich versuchte alles, was ich über das Schonen von Nervenbahnen weiß. Aber der Finger blieb taub, wurde sogar schlimmer. Und da bekam ich Angst. Denn – wenn man ihn kennt, versteht man sofort, worum es geht – das Klavierspielen ist sein Leben. Und für das Klavierspielen braucht man nunmal alle Finger, und zwar filigran funktionierend.
Nein, es geht nicht um einen künftigen Beruf und nicht um den nächsten Wettbewerb. Im Gegenteil: mir wäre es recht, bräuchte der Nerv jetzt längere Zeit zum Erholen, fiele der nächste Wettbewerb aus (wobei der Sohn das anders sieht). Es geht um etwas sehr viel wichtigeres: darum nämlich, dass ihm die Musik so unendlich viel bedeutet, dass ich nicht fahrlässig wegen einer Radtour in seine wichtigsten Lebensdinge eingreifen wollte, dauerhaft möglicherweise, weil der Finger vielleicht für immer etwas zurückbehält. Das klingt vielleicht pathetisch, zu übertrieben, wie eine „Eiskunstlaufmutter“ (die ich nicht bin, wirklich nicht) – doch es fühlte sich als riesiger Berg von Verantwortung an, den ich nicht allein tragen wollte. Er selbst ist zu jung, die Entscheidung zu übernehmen, und mir steht sie nicht zu, ich wollte sie wenigstens teilen.
Zunächst mit ihm, wir sprachen über alle Gedanken, über alle Optionen. Er fühlte sich zerrissen. Wollte kein Risiko eingehen, wollte aber auch weiterfahren. Wir telefonierten mit dem Vater, der hätte ihn jederzeit von überall abgeholt, so viel Rückhalt fühlte sich schon gut an. Zogen in Erwägung, zu einem Arzt zu gehen. Doch was sollte ein fremder Arzt uns schon raten?
Zum Glück dann erreichten wir G., unseren Neurologen-Freund. Der kennt uns lange Jahre und versteht sehr genau, worum es bei unserer Entscheidung geht. Wie er dann am Telefon all die Details erklärte, der Nerv, der Handballen, der Druck, wie man den mildern könne, und nein, der Finger behält nichts zurück – hach, da wurde es plötzlich ganz leicht. Von G. bekämen wir niemals einen leichtfertigen Rat, in seine professionelle Gelassenheit lasse ich mich voller Vertrauen gern fallen.

Wir fahren also weiter. Und – Zufall? – der Sohn meint am Abend, der Finger sei nicht mehr so schlimm. Hach.
(Dafür schmerzt mein Auge. Irgendwas ist immer. Vermutlich Staub im Auge. Eine Spülung hilft, am Morgen ist das meiste abgeklungen, nur noch ein paar Druckstellen. Nun hoffe ich auf die Fahrtwindtränen für den Rest. Ansonsten sind wir mit dem Besuch von Augenkliniken auf Urlaubsreisen ja erfahren:))

Diese Taubfinger-Entscheidung, finde ich beim Fahren, die hat ja weit mehr Dimensionen. Kann man sich durch Entscheidungen absichern, den Weg planen, kann man das Zukünftige vorbereiten oder schützen? Wir hätten ja abgebrochen, uns das Leben im Jetzt versagt, um einer künftigen Gesundheit, eines künftigen „Habens“ willen. Und doch weiß niemand, ob der Sohn nicht morgen oder nächste Woche stürzt, sich eh die Hand bricht, oder aus anderen Gründen irgendetwas plötzlich ganz anders wird. Ich lebe vielleicht nur noch ein Jahr, oder einen Tag (oder aber vielleicht ein halbes Jahrhundert) – wir wissen das alles nicht. Das Einzige, was zu tun ist: weiterzuleben.In jedem Moment, in jeder Situation. Also hier: weiterzuradeln. Nicht leichtsinnig, nicht unhinterfragt, aber dann eben doch.
Es ist ja so wie mit unserem heutigen Weg. Wie wir all die Zeit versuchten, links der Autobahn zu bleiben, schließlich lag da unser Ziel. Wir widersetzten uns allen Wegweisern, allen Navi-Hinweisen, allen Karten-Abgleichen. Links müssen wir bleiben, links. Ein Mantra. Wir meinten es gut zu machen, es klang so vernünftig. Ein Mann schickte uns über einen Berg hinauf zu einem Schleichweg, der uns genau auf dieser linken Seite belassen hätte. Doch dann … fanden wir den Schleichweg nicht. Mussten vom Berg hinunter, unter der Autobahn hindurch, einen Riesenbogen fahren, letztlich auf die Spur, die uns seit Stunden von allen Seiten anempfohlen worden war. Tja, so lag unser Weg plötzlich rechts. Wir hatten das nicht gewollt, hatten es zu vermeiden gesucht bis zum Schluss, und doch führte kein Weg daran vorbei. Und gerade weil wir so stur auf unserer Seite bestanden hatten, bekamen wir am Ende einen Riesenumweg auf die Strecke gelegt.
Fast ein Gleichnis? Ein Zusammenhang mit dem Klavierspiel-Finger? Ja, doch. Wir können noch so sehr auf der linken Seite bleiben wollen, können alles für die Finger des Sohnes tun. Wenn es denn nicht sein soll, werden wir die Seite wechseln müssen. Also können wir dieses Wollen gleich etwas gelassener angehen.
Es wird schon alles richtig sein, so wie es kommt.

Und natürlich: ich freue mich, er freut sich, dass wir weiterfahren. Wie ich heute unser Zusammenfahren genießen kann. Seinen speziellen Humor, sein Lachen. Als er feststellt, dass die Würzburger Autofahrer das Potential ihrer Autonummern lang nicht ausreizen. Sie haben so langweilige dreibuchstabige Nummern, was stattdessen alles ginge: WÜRZ, WÜTE, WÜST, WÜRG, … er lacht sich schlapp dabei, es steckt an. Wie er mir mühevoll die Regeln von League of Legends (?) erklärt, die würde selbst ich verstehen können (;-)), weil er irgendwie noch eine Mitspielerin braucht, und ich mantraartig wiederhole, ich spiele das nicht, und er unberührt eine Regel nach der anderen predigt, bis wir beide in eine Lachsalve ausbrechen. Wie wir im Mini-Örtchen Hain ein ums andere Mal von links nach rechts fahren, ohne den richtigen Weg zu finden, mehrmals im Kreis, und er ganz trocken kommentiert: „Wir werden für immer in diesem Dorf kreisen.“
Ach, es ist schon gut, dass unsere gemeinsame Reise weitergeht. Er scheint es zu genießen, auch wenn ihm das tägliche Video nun nicht gelingen wird.

Und auch für mich ist es gut. Wie ich all das aufsauge. Das Kanälchen, an dem wir entlang fahren und das mich so an die Po-Ebene erinnert. Der Blick von oben auf die weiten Felder. Das Aufscheinen der Mittelgebirgslandschaft, mehr und mehr. Die kurzen Begegnungen mit Radlern und Nichtradlern am Wegesrand. Das Spüren der wachsenden Kraft, das Mentale entwickelt sich zu immer stärker tretenden und durchhaltenden Beinen. Mit jedem Tag werde ich ruhiger. Ich schaue auf keine Wettervorhersage, auf kein Höhenprofil mehr. So kenne ich mich gar nicht:)

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10 Kommentare

  1. Beruhigend, wie sich alles klärt. Wirklich.
    Und ich bin schwer beeindruckt, welche Textmenge du neben der Radlei noch gebloggt bekommst. Wow!
    Ich freue mich über deine Thüringer Freude. Gutes Genußradeln euch beiden.

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    1. Danke, Du Lieber. — Ja, das Schreiben fließt oft von allein. Wenn es im Innern richtig gut ist, dann kommt das so, dann fühlt es sich gar nicht als Text“menge“ an, nur als Sagenwollen.
      Halte gut durch bis zu Eurem Urlaub!

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  2. Dieser Humor – ach, wie das beim Lesen gut tut neben all den schwierigen Entscheidungen. (Erinnert mich an unsere Lachsalven in den steilen Bergen neulich).
    Deine Schlussfolgerungen teile ich sehr: Wir wissen nicht, was kommt.
    Ist es Vertrauen ins Leben, was das Ganze „erträglich“ macht?
    Habt es gut, trotz des Regens oder auch im Regen.

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  3. Wie gut die Erleichterung und Heilung spürbar ist! Wü-nsche euch viel Heiterkeit weiterhin – und ich schwöre bei Augenirritationen auf die Euphrasia-Augentropfen von Weleda. Herzlich echte Wetterwechsel-Windgrüsse aus der Nordwestschweiz!

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    1. Hier wechselte das Wetter auch. Hoffentlich jetzt wieder zurück gen Sonnenschein. Meinem Kopfschmerz nach zu urteilen wird es bald SEHR schön;-) Dafür schmerzt das Auge im Moment nicht mehr. Hoffen wir mal, dass es sich hält. Bepanthen-Tropfen habe ich schon, wenn es anhält, hole ich mir noch „Deine“. Sei lieb gegrüßt, liebe Frau Wind.

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  4. „Da wird es außen fremd und in mir heimelig.“ Das ist ein Satz für die Ewigkeit, wunderbar! So wunderbar wie alles, was ich bis hierhin rückwärtig gelesen habe. Meine Pause dauert noch, aber nur im schreiben und zeigen, während ich euch WanderInnen und RadlerInnen folge und lese. Dich lese ich sehr, sehr gerne!
    good day and way für heute und herzliche Grüße
    Ulli

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