Kloster Schöntal – Beckstein (#3wegsam2)

​Eine solche Reise ist ja voll von Fingerzeigen. Wie sie sich als Strecke, als Schwierigkeit, als Traum in den Weg legt, und wie ich mich dann verhalte, zu ihr und zu mir, das verweist mich auf mich selbst, deutlicher als ich vielleicht möchte.

Morgens:
Wir sitzen im Klosterhof, grün und still ist es, das Frühstück steht vor uns, der Brunnen lässt sein Wasser fließen, mitten in mein Ohr hinein, mitten durch mich hindurch. Wir sitzen lange und essen, wir lesen und schreiben, es gibt Kaffee und Saft, und das alles im Schatten. Hier ist gut Verweilen, spüre ich.
Da kommt die Frage von ganz allein: Warum gehe ich immer weiter, oder auch: warum geht es immer weiter? Warum sind die Plätze, die Zeiten des größten Wohlbehagens, des Glücks, so könnte man es fastpathetisch (mit ein wenig Ernst dahinter) nennen, warum sind die nicht für immer? Oder für länger wenigstens?
Hier beim Reisen ist es ja klar. Sonst wäre es kein Unterwegssein. Beziehungsweise: wenn mir nach längerem Verweilen an guten Orten wäre, nach weniger Wechsel, weniger Abschied und Neubeginn, dann wählte ich eine andere Form des Reisens.
Aber im Leben, wie ist es da? Können wir Zustände perpetuieren, kann ich in ihnen bleiben, so lange ich möchte? Habe ich die Wahl, dass ich in mir und um mich herum auf lange, auf immer all das bewahre, was mir gut tut? Kurz: Kann ich das Glück festhalten?
Ich habe vielleicht den Hauch einer Ahnung eines Ansatzes einer Spur einer Antwort. Ich habe also keine Antwort. Ich nehme die Frage mit aus diesem Morgen.
So fahren wir los. Es ist schon 11, wir haben Zeit heute, da wenig Strecke vor uns liegt, nur knapp 50 km. Zwar wird es bergig – „ohne Berge geht’s hier halt nicht„, wie ein Mann an der Strecke sagt, als wir nach dem Weg fragen – aber wir können diese in aller Ruhe angehen.

Mittags:
Die Bergigkeit tut sich in all ihrer Pracht vor uns auf. Sie hat sich in schattenlose 35 Grad gekleidet, sich neben eine lärmende Bundesstraße platziert und staubproduzierende Mähdrescher an den Wegesrand gestellt. Seit einer Stunde fahren wir bergauf. Der Sohn immer ein Stück vor mir, er wartet dann zuweilen, und immer wenn ich ankomme, fährt er weiter. Ich hingegen fahre durch, das ist leichter als immer wieder anzuhalten. Überhaupt: es ist leicht. Es ist ja gar nicht schwer. Ich staune. Tritt um Tritt um Tritt, immer weiter, einfach weiter. Ohne nachzudenken, ohne zu schimpfen, ohne zu hadern. So einfach.
Dies zu lernen brauchte ich all meine vergangenen Radtouren. Offenbar bin ich um einiges weitergekommen.
Und wenn ich es übersetze in meine Lebensdinge: Wofür steht diese bergige Strecke hier, was will die mir aufzeigen? Und was nehme ich mit aus diesem radfahrenden Durchhalten? Dass es im Leben auch Schritt für Schritt gehen kann, wenn man seine Augen nicht immerfort auf die Gesamthöhe des Berges richtet?
Habe ich das eigentlich zuerst im Leben gelernt, oder hier beim Radeln? Oder gleichzeitig? Hängt das vielleicht enger zusammen als ich dachte?
Übrigens, inmitten der Bergauf-Gelassenheit finde ich einen kleinen besonderen Moment, als ich dicht an einem der Mähdrescher vorbeitrete, welche den Staub ausstoßen. Ich sehe seine rotierenden Messer (wie auch immer die richtig heißen), die das Getreide schneiden und als geleerte Stengel hinterlassen, während sich im Innern der Maschine das Korn sammelt. Künftiges Brot, durchfährt es mich. Auch mein Brot wird hier eingesammelt. Dieser Staub in den Augen, der ist für mein Brot da. Dieser Staub ist mein Brot, sozusagen. Wie gut, dieser Staub.
Und überhaupt: Woher sollen wir immer schon vorher wissen, was gut für uns ist? Manche Zusammenhänge sind arg verdeckt.
Irgendwann sind wir oben. Langes Hinabrollen liegt vor uns. Mein kleines Bobfahrergen erwacht, von dem ich nicht wusste, dass ich es habe:) Es ist wunderbar, die Hügel an sich vorbeifliegen zu spüren, das Tal als Magneten vor sich. Unten am Main essen wir ein Eis, so sagen wir. Als wir unten sind, heißt der Main plötzlich Tauber;-) Das Eis essen wir trotzdem.
(Diese Flussbezeichnungen auf Radwanderkarten sind aber auch zu klein gedruckt, und meine Augen nicht mehr die Besten. Aber wo ich einmal langgefahren bin, merke ich mir die Namen, versprochen. Ich müsste noch viel durch unbekannte deutsche Gegenden touren:))

Abends:
Wir müssen vielleicht umplanen. Ich möchte noch nichts Genaueres davon schreiben, nicht vom Was und Wie und Warum, das vielleicht später, wenn es tatsächlich dazu kommen sollte, dass alles anders abläuft als gedacht. Morgen überlegen wir genauer und weiter. Nur: vielleicht geht alles nicht so wie geplant.
Ich beobachte mich in diesem Erkenntnisprozess. Habe ich doch gern alles im Plan schon bereitet, in trockenen Tüchern sozusagen. Allzu gern möchte ich vorher wissen, wie es kommt.
Dann springt das Leben mitten hinein in meine Pläne. Und jetzt?
Mein Kopf arbeitet sofort an Alternativen, gebiert eine nach der anderen. Manche davon besprechen wir, manche scheinen sogar dem Sohn als „Zur Not“-Varianten machbar, wie er sagt. Es wäre also für Lösung gesorgt.
Und doch bin ich in mir nicht weiter als er: „Am liebsten würde ich ja weiterfahren, bis zum Ende„, sagt er. Ich auch. Ich auch, mein Sohn. Ich spüre Wehmut, Trauer auch, sollte das doch nicht möglich sein. Mir zieht es im Herzen …
Vielleicht ist das eine gute Übung: das Geplante loslassen, das Veränderte annehmen, beide Varianten als Gleichwertige empfinden, nicht nur vom Kopf her, sondern im tiefsten Innern. — Ich will diese Übung nicht. Ich will, dass das Leben diesen Haken nicht schlägt. Aber auf mich wird es nicht hören.
Jetzt verbringen wir die Nacht erstmal in Beckstein, einem kleinen Dorf oberhalb von Lauda-Königshofen. Mal wieder nicht aufgepasst bei der Quartierwahl, mal wieder schaffen wir uns auf einen Berg hoch.
Nun ja, im Vergleich zur heutigen Strecke ist das nur noch eine Winzigkeit. Der eindringlichen Werbung des Quartierwirts für das einmalige Weinfest unten im Ort widerstehen wir ebenso wie dem Bestellen von Wein zum Essen. Wir können auch eigen sein:)

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9 Kommentare

  1. Nicht zu wissen, wann man wo ankommt: Ja, das ist die wirklich große Herausforderung. Darüber habe ich oft intensiv nachgedacht und wollte längst darüber geschrieben haben.
    Beim Wildzelten hat man da Freiheiten, die ihr mit gebuchten oder ausgewählten Unterkünften nicht (so) habt.
    Wie viel Plan ist gut für uns?

    Ich bin gespannt, wo ihr landen werdet … und wie.

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    1. Im Moment geht es nicht um’s Wo, sondern um’s Ob. Das Wo findet sich täglich – für mich ist es, mit Kind und Verantwortung für es – stimmig und damit frei, so wie es ist. An die Art der Quartiersuche tagsüber habe ich mich gewöhnt, sie lässt mich mich gut fühlen. Aber ich würde gern wissen, ob wir weiterfahren sollen … Nun tun wir es erstmal, noch für einen Tag. Wir werden sehen …

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    1. Spannendes Gespann? Wir sind hier ganz anders beieinander als im Alltag. Mich fasziniert es, wie gut wir miteinander auskommen. Und wie anders es ist als vor 2-3 Jahren. Wie viel er älter und reifer geworden ist …

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  2. ich wünsch euch gute reise (und krieg schon wieder lust – das staunen über tritt für tritt für tritt, das habe ich auch so erlebt.)
    von herzen alles gute, daß sich euch eine lösung auftut heute nacht!

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