Zuhause – Kloster Schöntal (#3wegsam1)

Das ist ja einfach, denke ich, als mich der vorbeiziehende Film aus Sommerdunkelgrün, Dorfverlassenheitskeitskulisse und Farbtupfereinsprengseln schon nach wenigen Kilometern in sich aufnimmt, als Nebendarstellerin vermutlich, und als mein Kopf schon beim Herausrollen aus dem Heimatdorf bemerkt, wie anders die innere Zeit hier tickt, hier auf dem Weg, und als mein Körper schon heute sich so wohlig auf dem Rad räkelt als würde er nie etwas anderes tun. Das ist ja einfach, das mit dem Ankommen im Unterwegssein.
Alles passt. Ort und Zeit, das Wie der Reise und das Was des Zurücklassens.

Alles passt, bis auf – noch? oder soll das so? – die Technikdiversitäten des großen Sohns, der hier ganz Eigenes zu kreieren vorhat, aber schon am Morgen feststellen muss, dass Fahrradrahmen und seine Pläne offenbar nicht füreinander gebaut sind. Wir kommen eine Stunde später los als gedacht – so ist das ja immer, die 10 Kleinigkeiten blähen sich zu 1000 auf – und rätseln abends gemeinsam, wie man Kabel, Adapter und Software überlisten könnte. Aber manches wird nun doch nicht funktionieren, so oft ich auch um mütterlichen Rat gefragt werde;-) Das Thema bestimmt den Abend.
Ich bin schon so weit in der Feriengelassenheit angekommen, dass mir kein einziges „Orrr“ entfährt. Nicht mal innerlich, weder morgens noch abends. Statt dessen kommen wir über die Unwägbarkeiten und die Nicht-wie-es-sein-soll’s des Lebens ins Gespräch. Austausch von Lebensgedanken, im Konkreten wie im Allgemeinen, so viele Gelegenheiten bieten sich mit 14jährigen sonst ja nicht dazu.

Von der Verpflegung her – ein hoher Anteil der Aufmerksamkeit auf Reisen richtet sich ja auf die Nahrungsaufnahme:) – ist es hier erstaunlich – ähm, darf man das so sagen? – brandenburgisch.
Ein Straßencafé, einladend genug, als dass man verweilen möchte, suchen wir in den Dörfern rings um das Unsrige vergebens. Dabei sind wir nur zart befrühstückt aufgebrochen, ist es doch am ersten Morgen immer schwierig, den Magen vorab davon zu überzeugen, dass er heute Bedarf haben wird. Schon nach den ersten Kilometern fällt dem Sohn im ländlich-dörflichen Schilderwald einzig die Werbung für das „Käsekuchenfest“ auf – nicht heute? och, schade! – und ich lese statt „Powerbike“ Powerkeks. Damit ist unser Bedürfniszustand ausreichend beschrieben. (Und ja, wir haben Riegel und Studentenfutter als Notration dabei. Wir verbrauchen heute einen nicht unerheblichen Anteil davon.)
Dem Straßenimbiss an der Hauptkreuzung von Bad Rappenau würde man – befände man sich in einem Land, wo nach einem belebten Ort stets 60 km menschenleerer Einsamkeit folgten – sicher eine gewisse Attraktivität nicht absprechen. Hier aber, kurz vor den Toren der Touristenhochburg Bad Wimpfen, lassen wir ihn kalt liegen. Und finden uns kurz später in eben jener wieder, auf dem Marktplatz sitzend, vor einem großen Teller warmen Essens für den Pubertierendenmagen und einem etwas weniger großen Teller nicht ganz so warmen Essens für mich.
Später, sommerhitzeschwitzend und in die höheren Kilometerzahlen kommend, suchen wir ein Eis an der Jagst. Es gibt keines. Es ist Sommer, es sind Sommerferien, es gibt Wandernde und Radelnde, aber es gibt kein Eis. Das verstehe wer will. Erst Möckmühl rettet uns, danke.
Und der Abend dann, im Biergarten direkt neben dem Kloster, Sommerabendsonne durch Blätter flutend, Nahrung und Bier auf dem Tisch, Ziehen in den Beinen, eine weite Reise vor uns, ein Alles-ist-gut-Moment.

Und dann ist da noch die Unwegsamkeit der Wege. Wenn dieser Aspekt des Reisens schon hashtagisiert wurde, soll unbedingt auch davon die Rede sein: Die Unwegsamkeit der Wege gibt ihr Bestes, bereits heute. Trifft aber in uns aber auf lächelnde Widersacher.
Als nämlich zunächst eine Brücke über das Flüsschen gesperrt ist und der Bauarbeiter vage einmal rings um sich weist – rechts oder links lang, was macht das schon für einen Unterschied -, als ein Baukran einen Ort totalversperrt, ohne fahrradbreiten Spalt, und wir zwei Kilometer zurück müssen, auf die umfahrende Landstraße, und als an der Jagst eine Umleitung angekündigt und betörend eindeutig ausgeschildert uns wegführt vom flachbequemen Flussradeln steil auf die Hochebene hinauf, von der man einen spektakulären Blick auf Jagst und Kocher gleichzeitig hat, als wir zuweilen Weg und Schilder verlieren und durch kniehohes Gras treten, all das macht uns nicht viel aus. „Tja“-sag- und Schulterzuckkünstler, wir.
Am aufgeregtesten bin ich noch in der Mikrosekunde, als mich der Sohn – auf der Suche nach einem rhythmischen Geräusch am Rad – aufschreckt mit dem Schrei: „Da hinten, ein Blatt!“. Ich verstehe natürlich: „Da hinten, platt!“
Meine inneren Ängste werden kurz sichtbar. Eigentlich haben sie ja keinen Anlass, was zählt es schon, in seiner Zeit- und Streckenplanung zu bleiben, nur davon handeln sie ja. Doch sie flammen immer wieder auf. Vom Geplanten abhängig sein, mich nicht einlassen können auf Unterwegssein ohne Korsett, das ist mein Reisethema, länger schon. Das hat ganz eng mit meinem Leben zu tun, damit sollte ich mich beschäftigen.

Überhaupt, mein und unser Umgang mit der Zeit. War das doch meine innere Frage, wie wir sie miteinander verbringen würden, in unseren so unterschiedlichen Lebens- und Reisetempi. Der Sohn fährt schneller als ich, aber es gibt keine Unzufriedenheit, auf keiner der beiden Seiten. Ab und zu wartet er, ab und zuckelt er hinter mir, alles gut. Und gegen Abend schließlich kommt es ja anders herum, denn ich habe zwar den älteren, schlapperen Körper, aber den reiferen Geist, wenn man das so sagen darf. Der auch dann noch weitertritt, wenn Müdigkeit und Erschöpfung schon längst nach Ankommen schreien. Dann vermag ich einfach weiterzumachen. Der Sohn übt daran noch, klar, er ist jung. — Und so ergänzen wir uns gut.
Beim Fotografieren übrigens auch. Ich lasse ihn die Anhaltepunkte vorgeben, wo er etwas sieht, findet sich auch für mich immer was. Er sucht sich die balancierendsten und ausgefallensten Fotostandorte, ich schleiche mich anschließend hin, staune und sehe das, was er sah, traue mich nicht immer, es nachzumachen, füge mich in seine Bildersuchfantasie, es fällt ja genug für mich ab, und merke, wie leicht mir das alles fällt. Wir bekommen das zusammen ganz gut hin. Und geben sicher ein witziges Bild ab, wenn wir irgendwo mitten am Weg plötzlich stehen bleiben, beide zu faul sind, das Rad abzustellen und deswegen zwischen den Beinen behalten, beide unsere Vordertaschen öffnen, beide eine Spiegelreflexkamera herausholen und beide gleichzeitig wild in die Gegend fotografieren. Hin und wieder fotografieren wir über Kreuz, dann stört mich sein Objektiv in meinem Bild und ihn stört mein Objektiv in seinem Bild. Wir hätten ja auch einfach vertauscht herum nebeneinander stehen bleiben können. An diesem Feintuning arbeiten wir noch:)

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7 Kommentare

  1. Hier gäbe es auch eine Tagestour: Zuhause – Kloster Schönthal. :) Oder Halbtages, bei euren Strecken.
    Ich bewundere und wundere euch und mich. Dass du als Mutter mit dem Sohn aufbrichst, und er mit dir. Diese Kraft, etwas zu wollen und es auch zu tun. Ein Ziel zu haben und ihm zu folgen. Und darin doch die Übung sehen, jeden Moment als Führer zu nehmen. Aus welcher Richtung wohl der Richtungswechselwind bläst?

    Lieben Gruss

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    1. Oh, über Deine Worte, Dich hier zu lesen, freue ich mich sehr. Ich sende meine Gedanken oft in Deine Richtung. Und denke auch an die Liegeradtouren Deines Sohnes (oder mittlerweile: Deiner Söhne?). Mich trägt hier etwas sehr Besonderes. Hab es gut, in Deinen letzten (?) Ferientagen, sei gut unterwegs mit Deinen Schritten. Lieben Gruß zurück!

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