Die Freuden des weißen Wahnsinns -6

Allmählich stellt sich eine Mischung aus Ungeduld und Langeweile ein. Beim täglichen Schreiben hier, und vielleicht auch beim Lesen? Noch ein Tag, und noch ein Tag, und noch einer, und immer ist viel zu arbeiten, und immer diese Müdigkeit. Nichts Neues unter der Sonne. Für den Moment.

Heute ist der zweite Konferenztag. Leichter auszuhalten, weil ich morgens keinen Unterricht halten muss. Mein Vormittag darf privat sein, ein Arztbesuch mit der Tochter. Erst am späten Vormittag sitze ich im Lehrerzimmer und werkele vor mich hin. Eine Million kleiner Organisations- und Aufräumtätigkeiten vermögen auch Tage zu füllen. Ich bin so vertieft, dass ich fast vergesse, mir Mittagessen zu besorgen. Ein Supermarktsbäckerbrötchen, viel mehr gibt es in unserem Dorf nicht, wenn man nicht mit Schülerscharen in der endlosen Dönerschlange anstehen will.

Die erste Konferenz ist unsere, wir eröffnen auch gleich den Reigen der Verspätungen, brauchen länger als eingeplant. Es ist doch einiges zu besprechen, nicht nur abzustimmen. Vielleicht bin ich ein Magnet für Schülerinnen und Schüler mit komplizierten Lebenssituationen? Denke ich so, als ich in den anschließenden Konferenzen mit all den Zack-zack-Abstimmungen sitze.
Irgendwann ist fertig gesessen, ist meine letzte Klasse vorbei. Mit dem Coklassenlehrer zusammen machen wir die Zeugnisse fertig, das geht nach der gestrigen Vorbereitung zügig, und kurz nach 16 Uhr sind sie ausgedruckt. Nur noch unterschreiben und bei der Schulleitung abgeben, ein gutes Gefühl.
Ich will nach Hause, schwätze noch hier und dort, sehe im Augenwinkel, wie gerade das Zeugnis meines Sohnes ausgedruckt wird, gebe einer jungen Kollegin Tipps für die Buchpreise ihrer 5. Klasse, trödele so herum. Und bemitleide diejenigen, die auch heute wieder bis weit nach 18 Uhr hier sein werden. Froh bin ich, heute – zufällig – eher fertig zu sein.

So räume ich zu Hause noch ein wenig vom Schulkram des Jahres auf. Mehr als die Hälfte ist schon geschafft, der Rest folgt morgen und am Wochenende. Die letzten Hausunterrichtsstunden für E. sind vorzubereiten, und das Übungsprogramm für die Ferien, das ich ihr dalassen soll. Fast ein halbes Schuljahr hat sie gefehlt. Und will trotzdem im September in der nächsten Klasse weitermachen. Sie wird auch dann noch oft fehlen. Wir wissen, dass sie das schafft. Und dennoch: Die Familie fühlt sich besser, wenn ich ein Übungsprogramm dalasse. So tue ich das;-)

Spätnachmittag. Feierabend. Fahrt in die Stadt. Streichquartettkonzert, die Tochter mitten drin. Eine Freundin von uns kommt zum Zuhören. Nach dem Konzert gehen wir essen, im Ruderclub am Fluss. Mit Blick auf diesen, im dämmrigen Abendlicht. Manchmal gibt es in der eigenen Stadt wundervolle Orte, von denen man nichts ahnte.
Wie oft im Leben das noch so sein mag?

 

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8 Kommentare

  1. Das Schöne wird — so hoffe ich für Dich und wünsche es Dir — noch oft in Deinem Leben sein. Wie auch das Anstrengende (das aber vielleicht nicht mehr ganz so übermächtig sein wird, wie es sich manchmal hier hineindeutelt beim Lesen).

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    1. Das Schöne – ja!
      Und das Anstrengende auch – ja! Es ist ein selbstgewählter Weg, diese Arbeit. Und dass sie sich zum Schuljahresende so anhäuft, das war jedes Jahr so, und das wird meine nächsten 19 (? rechne…?) Jahre wohl noch so sein. Gut so. Habe ich danach doch 6 Wochen frei. Richtig frei;-)

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    1. Hach ja, das Erscheinen schöner Momente ist wirklich eng verbunden mit unserer Bereitschaft, diese wahrzunehmen, offen und wach zu bleiben.
      Und die Langeweile, nein, das war kein fishing-for … das schien und scheint mir wirklich so: wie viele Tage ich hier schon ausführlicher denn je über meine Arbeit schreibe, wo doch Außenstehende nicht so tief in die Details blicken wollen, denke ich so.

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      1. das was man denkt ist ja eben nicht immer das, was andere denken. Ich finde es spannend dir durch deinen Schulalltag zu folgen, als Nichtlehrerin hat man ja keine Ahnung von dem ganzen Drumrum, auch wenn ich das eine und andere schon erahnte.

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