Die Freuden des weißen Wahnsinns -7

Die magische 7 ist da: eine Woche noch, sieben Tage. Heute ist der letzte „echte“ Mittwoch, mit „echtem“ Unterricht, bevor es am nächsten Zeugnisse und vorher nicht mehr viel gibt. Heute also noch mit Unterricht. Ja, ich mache Unterricht. Dies scheint die Klassen zu verdrießen. Sie erwarten das nicht, sie wollen das nicht mehr. Ringsum in den Stunden guckt man Filme, frühstückt, geht Eisessen, nur Frau Rebis kommt mit ihrem blöden Drehimpuls daher. Tja, da müssen wir jetzt alle durch. Bei den Drehhocker-Experimenten sind sie immerhin verblüfft, und, als am Ende via Youtube doch noch ein paar kurze Filmchen des Wegs kommen, versöhnt.

Nach vier Physikstunden bin ich geschafft und denke, dass ich sie ja verstehen kann. Mir fällt es auch nicht mehr leicht, und ich bin für heute froh, in die schülerlose Phase des Arbeitstages überzugehen.
Wir müssen dringend unsere Zeugniskonferenz vorbereiten, wir, der Coklassenlehrer und ich. Weil der Coklassenlehrer sich sehr anders organisiert als ich, was Zeitabläufe, Strukturierung der Prozesse, Ordnung der Dinge angeht, waren die vergangenen Monate, in denen wir kooperierend zusammenfinden mussten, eine lehrreiche Zeit, für uns beide.
Heute kulminiert das Ganze in gegenseitigem Übereinander-den-Kopf-schütteln und einem dann entschlossenen Wir-müssen-es-jetzt-aber-fertig-bekommen. Bestimmt geben wir ein witziges Bild ab, wie ich immer wieder versuche, den roten Faden der Konferenzvorbereitung nicht aus dem Auge zu verlieren, er seine Unterlagen über sämtliche Tische der Kaffeeküche ausbreitet, ich viel zu genervt an die Uhr und ihr rasend schnelles Ticken erinnere, er noch mal eben wegläuft, um ein paar vergessene Formulare zu suchen, ich immer ungeduldiger werde, er aber auch nach Kräften versucht … ach, es ist nicht einfach. Und doch. Es geht. Es geht irgendwie, wir respektieren einander ja in unserer Unterschiedlichkeit.
Nach weniger als zwei Stunden schon haben wir alle Bemerkungen, alle Absprachen, alle Noten, alle Fehlzeiten im Kasten bzw. auf der Liste. Und damit sie bis morgen nicht wieder verschwunden sind, tippe ich sie gleich in die Protokollvorlage und die Zeugnisformulare ein. Ändern und löschen geht schnell, dann können wir morgen nach der Konferenz gleich alles fertig machen.

In das emsige Treiben hinein – alle Klassenlehrerteams sind so fieberhaft am Wirken wie wir – stoßen zwei Kolleginnen mit einer Pizzabestellliste (Heldinnen, dass sie an so etwas Elementares denken!), und kurze Zeit später nochmals mit einer Salatliste, weil nämlich der Italiener im Dorf seit kurzem mittags keine Pizza mehr anbietet. Als die Salatelieferung kommt, fehlt einer und einer ist der falsche, wir einigen uns gütlich, irgendwie bekommt jeder was ab, und so sitzen wir kurz mal ruhig an unseren vollgekramten Schreibtischen: Salate an Papierstapel, dazwischen aufgeklappte Laptops, eine Essenslandschaft voller Ungemütlichkeit, aber tief im Magen tut es gut.

Der Nachmittag ist ja noch lang. Eine Klassenkonferenz nach der anderen, dazwischen verwartet man Viertelstunde um Viertelstunde. Seit Jahren versuche ich, in den Wartezeiten irgendetwas zu arbeiten, oder wenigstens zu lesen – nein, es geht nicht: zu unruhig, zu hektisch, zu  spät am Tag. Winzigkeiten sind es, die man erledigen kann. Das Klassenbuch vervollständigen, den eigenen Tisch aufräumen, kurze Gespräche über diese und jene Klasse, vorbereitende Ideen fürs nächste Jahr abgleichen, ein Gedankenspringen zwischen Hü und Hott.
Als die 7. Klassen immer noch nicht begonnen haben, es schon 18 Uhr ist und wir im heißen Schulhaus schier wegfließen, trägt G. – der schon fertig war – plötzlich zwei Kästen eiskalten (alkoholfreien) Biers herein. Solche Kollegen braucht man:)))

Ich glaube, es ist nach sieben, als ich gehe. So genau kann ich in diesem Zustand und um diese Zeit die Uhr nicht mehr lesen. Ein Glück, dass ich für morgen keinen Unterricht mehr vorbereiten muss. Es gibt Konferenztage, da steht auch das abends noch an. Heute nicht. Heute darf der Rest des Abends faul in den Ü30-Temperaturen wegfließen.

 

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2 Kommentare

  1. Einander in seiner Unterschiedlichkeit respektieren, das würde uns vieles im Leben erleichtern.
    Die Rolle des Coklassenlehrers, ich denke ich könnte sie gut ausfüllen. Es gibt da so gewisse Züge bei mir… Ich leugne das nicht… Da könnte man schon die Begriffe einander, Unterschiedlichkeit und respektieren sowie die Wechselwirkungen gut verinnerlichen. ;-)

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