Die Freuden des weißen Wahnsinns -9

Minus 9. Unter 10. Das könnte Anlass zum Freuen, zum Vorfreuen sein. Das ist es sicher auch, tief innen irgendwo. Auf der mir sichtbaren Ebene jedoch macht sich Erschöpfung breit. Eine solche, die neben sich nichts zulässt. Das Wort „Freuden“ im Titel sollte ich gegen „Mühen“ austauschen. Im Moment geht nicht mehr viel. Dabei steht noch so vieles auf der Vorferienliste …

Der Montag beginnt mit zwei freien ersten Schulstunden für alle, wegen der Wochenendaktivitäten. Zu Hause fühlt sich so ein Morgen richtiggehend gemütlich an; kaum betrete ich das Schulhaus, ist es mit der Ruhe vorbei. Gewohnte Taubenschlagatmosphäre am Notenschlusstag, ständig kreischt jemand am Notencomputer auf, kannst Du bei Fabian aus der 3 ne 2 machen?, wer ist in der 8c-Liste, wie lange brauchst Du die noch?, hat jemand den Kopfnotenordner gesehen?, können wir die Eintragungen für Deine Klasse mal kurz durchgehen?, ab wann kommen die Fehltage ins Zeugnis?, gibt’s für die 11er auch ne Mitarbeitsliste?, wann werden die Blätter denn zum Abzeichnen ausgehängt? 
Was hier so harmlos dahergetippt steht, fühlt sich, sitzt man mittendrin, wie ein einziges nervöses Bienenstockgrummeln an. (Womit ich den Bienen sicher unrecht tue.)

Aber ich bleibe nicht lange mittendrin, in diesem surrenden Lehrerzimmer. Das wäre fast zu schön, wenn Noten und Listeneintragungen mein einziges To do für heute wären.
Da sind die drei Nachschreiber, von denen nur einer kommt. Die anderen suche ich im Schulhaus vergebens. Der eine kämpft, schreibt bis zur letzten Minute, und doch wird es nicht reichen, ich korrigiere die noch schreibfrische Tinte sofort. Auch in den anderen Fächern reicht es vorn und hinten nicht für die Kursstufe; in einem Jahr dann vielleicht. Es tut weh, auch mir. „Nicht versetzt“ ist das letzte, was ich unter ein Zeugnis schreiben möchte. Und doch weiß ich, dass es ihn, drückten wir tausend Augen zu,  schon im ersten Semester aus der Kurve schleudern würde.
Wann soll ich die Eltern informieren?, fragt mich mein Coklassenlehrer. Und dass um die anderen Eltern ich mich kümmere, verabreden wir, am besten jetzt gleich. Ein paar Entschuldigungszettel fehlen im Ordner – ja, er hätte noch welche zu Hause in der Kiste (orrrr!), übermorgen dann also. Und wann wir die Zeugniseinträge vorbereiten wollen. Vor Mittwoch wird es nichts mit einem gemeinsamen Termin, das ist verdammt knapp, uiuiui. Den Ausflug am Dienstag, soll ich den organisieren? (Klar, wer sonst, denke ich so bei mir. Gern doch.)

Oh, mir platzt hier gleich der Kopf. V. kommt angerannt, entsetzt, weil sie doch NIE unentschuldigt gefehlt hätte (ja ja, das hat sich schon geklärt, sage ich, an die Zettel in des Coklassenlehrers Kiste denkend und wiederum orrrr! fühlend). Bei Familie T. ist niemand zu Hause, ich spreche auf den Anrufbeantworter, bitte um dringenden Rückruf. Unsere Seele von Sekretärin schlägt vor, mir den Anruf – käme er denn – in den Physikraum durchzustellen. Ja, warum nicht.
Denn stimmt, ich hab ja jetzt gleich Physik. Drehimpuls, letztes Thema des Schuljahres. Läuft. Bzw. dreht. Zum Glück stürzt bei all den Experimenten niemand vom Drehhocker. Ein Unfall, das fehlte mir gerade noch.

Unterrichtsende, Notenschluss geschafft, schnell noch zur Schulleitung, mich in der Sache mit Familie N. vergewissern, dass wir’s jetzt tatsächlich so machen wie letzte Woche besprochen, den Ausflug nächste Woche beantragen, den Hausunterricht bei E. abrechnen, die Mathekurseinteilung für’s nächste Jahr koordinieren. — Ich frage mich, wie unsere Chefs das aushalten. In diesen Tagen stürzt doch jede und jeder so wie ich zu ihnen herein und hat mal eben noch ein paar kleine Anliegen. Seit Wochen. Und noch kein Ende in Sicht. Wie schaffen die das: immer ruhig, immer kreativ in der Lösungssuche, immer zugewandt? Ein Wunder, echt …

Ich habe die Infos für die Kurseinteilung, sage ich zu K., die auf ihren Stuhl im Lehrerzimmer gesunken ist und bewegungslos dort verharrt. Zu allem dazu kommen nämlich noch die dreiunddrölfzig Grad Hitze, von denen unser Schulhaus geflutet ist. Ohne uns zu regen, sprechen wir über unsere Kurse im nächsten Jahr, und wie toll wir es beide finden, endlich wieder parallel zu unterrichten. L. setzt sich zu uns, immer auf der Suche nach Erfahrungen der Alten. (Sie formuliert es anders:)). S. fragt dies, G. erzählt jenes, A. und H. lachen laut los, W. brabbelt vor sich hin, R. schreit die Spülmaschine an, B. rennt erratisch mit ihrem Klassenbuch herum. Wir müssen ein seltsames Bild abgeben, wir dort im Lehrerzimmer.

Irgendwann kann ich mich aufraffen, finde den Weg nach Hause. Das Bett ruft mit dem Schreibtisch um die Wette und gewinnt.
Nein, es geht nichts mehr; und schnell schon gar nicht.
Den Unterricht für morgen, die Seminarsitzung, die Reisekostenabrechnung, all das bekomme ich nur im Schneckentempo hin. Oder gar nicht mehr, es bleibt ein Rest für morgen früh, den 4-Uhr-Wecker bin ich ja gewohnt.
Immerhin aber gelingt am Nachmittag doch noch der Telefonkontakt mit Frau T. Es wird ein gutes Gespräch. Obwohl ich erst so Angst davor hatte, die Dinge anzusprechen. Würde mir eine Lehrerin meines Sohnes all das sagen, ich weiß nicht, wie ich reagieren würde. Wir vereinbaren weitere Schritte, das ist viel für den Moment.

Kleine Schritte, denke ich beim Einschlafen, kleine Schritte gehen bis zum nächsten Mittwoch. Mich vortasten, bis ich ankommen darf in der Ferienruhe. Bald.

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