Die Freuden des weißen Wahnsinns -14

Mein letzter extremfrüher Korrekturmorgen beginnt um 4 Uhr, ich wache um die Zeit schon fast allein auf, der Mensch gewöhnt sich an alles. Die letzte Hefterunde, go. Tatsächlich, klappt, bis 7 bin ich fertig, genauer bis 7.07, das ist knapp. Losfahrzeit, ab in die Schule. Wo ich nun vier Stunden lang die frisch rotstiftbeschrifteten Blätter zurückgebe. Für manche war es die letzte Physikarbeit im Leben, „Abwählen“ nennt man das, wenn man ein Fach in der Kursstufe nicht mehr besuchen wird. Ich habe – bei 90 Zehntklässlern – nicht im Blick, wer für’s nächste Jahr Physik 4stündig, wer 2stündig und wer eben abgewählt hat. Die meisten sagen mir das mit entschuldigendem Blick, wozu aber sich entschuldigen? Sie entscheiden für sich: welche Naturwissenschaften passen am besten zu mir, welche am besten zu dem, was ich – vielleicht – im Leben plane. Sie sind ja eigentlich noch zu jung, um schon das Leben zu planen, finde ich. Wir sprechen über dieses und jenes, das Künftige, das Gewesene, die Sorgen, die Freuden des vergangenen Schuljahres, und manchmal auch darüber, wie sich Ungerechtigkeiten veratmen lassen, wann im Leben man sich für eine neue Frisur entscheidet und ob S. mit seinen 2Metern2 nun eigentlich ausgewachsen sei oder ob da noch was komme – die Ärzte hätten gemessen: ja! -, wo man also 50er-Schuhe kaufen könne.

Meine Müdigkeit macht sich bemerkbar, in der letzten Gesprächsstunde werde ich spürbar ungeduldiger, unkonzentrierter, fahriger, frage zweimal das Gleiche, reagiere ungeschickt, als es um Strittiges geht, ach ja. Eigentlich normal zu spüren, dass ich nicht unendlich viel Kraft habe. Trotzdem grämt es mich, trotzdem möchte ich meine Sätze im Nachhinein lieber umformulieren.

Erschöpft und grübelnd stehe ich nach dem Gesprächsmarathon im Lehrerzimmer neben meinem Platz, benachbart zu dem der Lieblingskollegin. Ob sie Schokolade hätte, frage ich, mein ausgelaugter Zustand schreit laut danach. Eigentlich geht uns der Vorrat nie aus. Heute schon. Ausgerechnet in diesen Zeiten, das ist wohl auch Symptom.
Nein, Schoki ist alle“, sagt sie mitfühlend, sie sieht mir an, wie ich’s brauche. „Komm, wir machen nen Gesundheitstag“, grinst sie und zieht unter einem babylonesken Turm von Klassenarbeitsheften eine Banane heraus. „Nimm das, iss die.“ Ich tue alles, was sie sagt. Sie tut mir gut. Die Banane, und die Kollegin.
(Und für’s nächste Jahr, spintisieren wir, als ich bananenbauchgefüllt wieder zu mir komme, platzieren wir eine Obstschale auf unserem gemeinsamen Tisch. Gefüllt, versteht sich. Damit das mit dem Schokoladendauerkonsum durchbrochen wird. Aber natürlich, so werfen wir beide gleich ein, braucht die Obstschale ein Geheimfach für Schoki. Soweit der Plan für’s nächste Schuljahr.)

Bald ist’s 12 Uhr, meine Bereitschaftsstunde ist ereignislos vorübergegangen, ich konnte meine 120 Zeugnisnoten in den Computer eintippen (boah, schon, wow!) und darf nun nach Hause. So früh, ausnahmsweise. Fühlt sich verdient an. Die Gedanken an die morgigen Projekttage verdränge ich gekonnt. Ganz ehrlich, ich kann nicht mehr und will auch nicht und finde das ein geeignetes Übefeld für improvisierte Unvorbereitetheit.

Der Rest des Tages ist privater Natur. Feierabend, so könnte man es nennen. Ein Mittagsschläfchen, das erst nicht kommen will und dann, als es endlich zu mir gefunden hatte, abrupt von den aufgeregt aus ihren AGs heimkehrenden Kindern abgebrochen wird.
Machetenschläge durch den völlig brachliegenden Haushalt, Schulsachen und Bücher aufräumende Stunden mit der Tochter, Radkartenkäufe und erste Sommertourüberlegungen mit dem Sohn, Besteigung von Wäschebergen und Chaosschreibtisch, eine Latte Schriftkramdinge am Computer, Buchen von Bahntickets und Erledigung diverser Kleinigkeiten – das alles summiert sich zu einem vollen Nachmittag und Abend. Immerhin sind diese Stunden erwerbsarbeitsfrei. Darf auch mal sein:)

 

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4 Kommentare

  1. Bislang hat es mit der Folgerei noch nicht geklappt, aber hoffentlich jetzt* Liebe Frau Rebis, ich lese dich wirklich gerne und staune ob deines Pensums und denke an vergangene Zeiten zurück. Manchmal frage ich mich noch, wie ich das eigentlich alles geschafft habe, aber ich habs und es war im Rückblick weder anders möglich und im Hinblick sogar gut, Schulterklopf, auch für dich und bald eine erholsame Zeit ohne Korrekturen und all dem Frühaufstehen*
    herzliche Grüsse
    Ulli

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    1. Manchmal staune ich ja auch, dass das so auszuhalten ist. Es geht, ja, und im Innern geht es mir gut. Wohl weil es letztlich genau Meines ist, selbstgewählt.Für die arg dichten Zeiten kommen dann wochenlange Ferien … ich hoffe sehr, dass ich dann wieder mehr zu mir finde, mit allem, was im Moment arg zu kurz kommt. Danke für Dein Hiersein, Dein Mitlesen.

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    1. Das Wochenende ist ein bisschen prallevoll. Samstag Schulfest mit Vorher-Nachher-Aufwand. Viele Kinderdinge, 3 Konzerte zum Beispiel. Zeugniskonferenzen vorbereiten und so. Und trotzdem freu ich mich: Wenigstens HEIßT es Wochenende;-)
      (Ich glaube, die letzten vier Schulwochen sind quasi wochenendfrei, immer, bei allen.)

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