Die Freuden des weißen Wahnsinns -16

Vor vier schon ist der Wecker hellwach, ich brauche ein bisschen länger. Kaffee sei dank komme ich in Tritt, der Korrekturstift wandert von links nach rechts, der Stapel abzuarbeitender Hefte in die Gegenrichtung, kurz nach halb sieben steht die letzte Note fest. Bleibt für die Freistunden nachher nur noch, Zahlen, Datum, Kommentare drunterzuschreiben. Und natürlich Smilies zu kleben. Ich liebe Smilies. Die 16jährigen auch. Vor mir verbergen sie ihr Lächeln natürlich. Aber ihren Mamas zeigen sie es, und die erzählen es dann mir.
Jetzt packe ich erstmal ein und fahre in die Schule, da warten irgendwie noch zwei Klassen auf mich.

In beiden Klassen gebe ich eine Arbeit zurück, draußen vor der Tür, einzeln oder zu zweit kommen sie heraus. Ein paar Fragen an sie: ob sie zufrieden mit sich sind, was sich in dem Jahr verändert hat, was sie sich in der Zukunft wünschen, von mir und von sich. Ein paar Worte von mir: wie ich sie wahrnehme, was ich an ihnen bestaune, wovor ich meinen Hut ziehe. Und was ich ihnen in der Zukunft zutraue.
Ich liebe diese Gespräche, und nicht nur ich, vermutlich. So wichtig, sich ab und zu gegenüberzusitzen, innezuhalten, in die Augen zu schauen und zu reden. Man müsste mehr Zeit, weniger Klassen, weniger Schüler, weniger Unterrichtsstunden haben. So, in der Hochgeschwindigkeitsmühle eines fastvollen Deputats, schaffe ich es dreimal im Jahr, maximal. Ein winziger Tropfen für jedes einzelne Gesicht, wieviel mehr Einzelzuwendung hätten sie verdient.
Wenn ich dann aber höre, dass Physik zwei Jahre lang doof war und jetzt endlich gut geworden ist, weil dieses Formelzeugs ja doch einen Sinn ergibt und überhaupt sogar Spaß machen kann, und dass Mathe gar keine Angst mehr macht und es ja irgendwie toll ist, wie ich immer betone, dass Fragenstellen so wichtig ist – wenn ich das höre, dann weiß ich, dass sich die Arbeit des Jahres gelohnt hat. Und dass es auch mir gut tut, diese Gespräche zu führen.
Nur manche, die unter Tränen geführt werden, weil die letzte Note oder die auf dem Zeugnis zu erwartende nicht die beste oder einfach nicht die von den Eltern erwartete ist, diese Gespräche tun mir weh. Eines Tages werde ich den Mut haben, unter diese Arbeiten zu schreiben, was ich jetzt den Kindern immer nur in die Augen sage: „Sag Deinen Eltern, sie sollen nicht schimpfen. Sag ihnen, sie sollen am besten überhaupt nichts sagen. Sie sollen Dich einfach nur in den Arm nehmen. Und dann mit Dir ein Eis essen gehen. Ja, ein Eis, das ist es, was Du jetzt brauchst. Denn traurig bist Du ja schon von allein.“ Manche Kinder saugen diesen Satz gierig auf. Wer weiß, was am Nachmittag zu Hause los sein wird …

Viele Gedanken bleiben mir von diesen Gesprächsvormittagen, und viele Hachs. Und das Bedürfnis tief durchzuatmen.
Eigentlich will ich nicht zurück ins Lehrerzimmer. In diesen Tagen ist es chaotisiert vom hektischen Treiben in der schier nicht enden wollenden Mühle zwischen Noten, Gesprächen, Listen, Abrechnungen, Berichten und Fazitgedanken des alten und Planungen, Vorausschauen, Vorbereitungen des neuen Jahres. Müßig auch nur einen Bruchteil davon aufzählen zu wollen. Das To-do-Gedränge durchwabert die Wochen, man bekommt kaum Luft.
Dazu die Projekttage, unmuterzeugend, klar, da von der Gemeinde aufgepfropft und nicht passend zu uns, wir schimpfen uns durch die Vorbereitungen. Übermorgen schon, und noch kaum ein Konzept steht. Mein Co-Kollege hat mal wieder nen Zettel verbummelt, und jetzt steh ich da mit der halben Klasse und ihren nichtvorhandenen Ideen. Es lebe die Improvisation, wir schaun dann halt am Donnerstag, wie wir’s aufziehen.
Für heute trage ich, bin ich schonmal hier, die ersten Noten ein. Die Zeugniscomputer streiken aber, die Computeradministratoren bekommen es ab. Überhaupt bekommt so mancher und so manche so manches ab. wir mögen uns trotzdem. Irrlichtern flackert immer wieder Gelächter im Lehrerzimmer auf, anlasslos, scheinbar. Alle sind wir auf dem Weg zum Gaga.

Mein Nachmittag vergeht mit Schläfchen und in Langsamkeit. Ich korrigiere weiter, mühselig und schleichend. Dazwischen Vorbereitungsgedanken für morgen – Seminarsitzung und Hausunterricht. Ein Kollege ruft an und teilt mit mir Redseligkeit, als hätte er alle Zeit der Welt.
Ihm auf einem Ohr zuhörend und ja-ja-sagend, sortiere ich Wäsche, tapse durch ein wenig Haushalt, nur das Nötigste, und dann sind da ja noch die Kinder, die eigenen. Die Bewerbung für das Auslandsjahr, all die Konzerttermine, letzte Schulsachen, Geburtstagsplanungen. Und erste Ferienvorbereitungen, unwirklich noch. Mich drauf einzulassen will nicht gelingen.
Noch liegt ein letzter Klassenarbeitsstapel auf dem Tisch. Fertigzustellen bis Mittwochmorgen, ich kämpfe mich Seite um Seite voran, bis es nicht mehr geht. Als ich ins Bett kippe, ist es kurz vor zehn, wen wundert’s. Die 3.57-Weckertaste hat schon ne Delle.

 

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5 Kommentare

  1. Morgens habe ich nie (richtig) arbeiten koennen – also am Schreibtisch, meine ich. Vor der Klasse zu stehen und zu unterrichten – kein Problem. Aber egal wieviel Arbeit anlag und wie sehr sie draengte, am Schreibtisch ging’s nicht. Ich habe es dann aufgegeben, frueh aufzustehen um zu korrigieren. Es war Zeitverschwendung. Ich habe scherzhaft formuliert, ich sei so beschaeftigt damit, mich zum Arbeiten zu zwingen, dass ich zum Arbeiten selber gar nicht mehr kaeme. Ich habe es dann auf den Nachmittag, den Abend und die Nacht verschoben, auch bis, wenn noetig, in die fruehen Morgenstunden, und dann lief es prima.

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