Die Freuden des weißen Wahnsinns -18

Heute gibt es gar keinen weißen Wahnsinn*, jedenfalls nicht in der Schule, nicht mit festen Terminen. Einer der vielen Tage im Jahr, an denen Lehrkräfte eben „frei“ haben.

Wenn sie dazu aber noch Familie haben, stehen sie gern trotzdem früh auf, rütteln das eine oder andere Kind wach, sorgen dafür, dass alles gepackt und mitgenommen wird und begeben sich auf ein stundenlanges Abschlussfest in eine gar nicht so nahe Stadt. Ein solches Szenario ist jedenfalls denkbar:)

Nun, die Korrekturen reisen mit. Mental oder wirklich, bei mir eher letzteres. Ein Stapel, der schon Berlin und zwei ICEs besichtigt hat, fährt nun auch mit in die gar nicht so nahe Stadt. Hört mit mir die Eingangsveranstaltung und drei Vorträge an, schlendert mit mir und dem Kind in der Mittagspause durch die gar nicht so nahe Stadt, bringt mit mir das Kind wieder zu seinem Weiterfeiern, und fasst letztlich mit mir zusammen den Entschluss, den Rest der Veranstaltung zu schwänzen und statt dessen lieber ein Straßencafé aufzusuchen. Der Stapel ist mit mir, alle Zeit.

Physikkorrekturen also, erst an Kaltgetränk, dann an Heißgetränk. Im Hintergrund ein Klavier, von Passanten gespielt – eines von den vielen, die heute hier in der Fußgängerzone „Spiel mich“ sagen. Was die Menschen auch tun. Wie wunderbar.
Überhaupt muss so ein Lehrerinnensein, wie ich da gemütlich trinkend in der Halbsonne sitze und bisschen mit dem Rotstift wedele, gar wunderbar ausschauen. Toller Arbeitsplatz und so.

Den Druck, der sich in meinem Innern langsam aufbaut, sieht man wohl nicht. Wie auch.
Ja, Druck. Die Zeit wird knapp. Selten haben sich mir die Arbeiten vor der Deadline so quer gestellt. Diesmal kam die (vorauszusehende) Berlinfahrt dazu, die Projekttage, die sich wegen ihrer Konzeption unerwartet auftürmen, der überhaupt völlig unerwartete Hausunterricht und und und. Diesmal war es keine gute Entscheidung, alle 120 Arbeiten auf einmal schreiben zu lassen.
Ja, eben, wer da jetzt sagt, das hätte man doch besser verteilen können – stimmt. Vor paar Wochen hätte ich noch gekonnt. Im letzten Monat nicht mehr, da war’s festgezurrt.
Ohnehin schreibe ich lieber alles kompakt, weil ich dann – in der Regel – schneller bin. Verteile ich’s mir gleichmäßig über einen längeren Zeitraum, brauche ich länger, vertrödele mich, prokrastiniere mehr, alles wird mühseliger, so insgesamt. Ich bin eher die Auf-einmal-Schafferin. Bei Ferien ja auch. Statt die Arbeit gleichmäßig zu verteilen, arbeite ich mich lieber vor den Ferien fast in den Wahnsinn und habe dann richtig frei, zum Beispiel zum Radeln. Damit geht es mir insgesamt besser, habe ich ausprobiert.

Apropos Radeln. Lege ich alle Klausuren dieser Tage aufeinander, komme ich natürlich mitnichten einmal um den Äquator. Nicht einmal die Strecke Hamburg-München, und nicht einmal wenn ich alle zu korrigierenden Zeilen aneinanderhänge.
Ich schaffe mir trotzdem ein Radel-Bild. Wären alle 120 Arbeiten eine Radtour von Zuhause nach Berlin und zurück, dann wäre der Hinweg geschafft, letzte und vorletzte Woche schon.
Beim Rückweg bin ich kurz hinter Potsdam, denke ich abends am Schreibtisch. Weil ich am Montag um 11.15 in Eisenach sein muss, sollte ich heute bis zur Elbe kommen.
Gedacht, gesagt, angefangen. Kommen die Kinder reingetappst, beide, und brauchen mich. Gedacht „bis zur Elbe“, geschafft bis einen Millimeter hinter Potsdam. Dann war Einschlafen mit der Tochter. So ist das.
Mein Sonntag wird der Strecke nach Eisenach gewidmet sein:)

 

* Warum weißer Wahnsinn, wurde ich gefragt? Ein Freundin gebar diesen Begriff bei Twitter. Und mir gefiel er. Hier erzählte ich davon.

** Ich jammere nicht über meinen Beruf. Er ist und bleibt mein Traumberuf. Korrigieren ist wirklich die allerallerallereinzige Tätigkeit darin, die ich richtigrichtigrichtig langweilig und damit nervend, anstrengend, geisttötend und all das finde. So. Jetzt isses raus. Und mir geht’s wieder besser:)

 

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5 Kommentare

  1. Korrekturen haben es zusammen mit mir schon mehr als einmal mit in die USA geschafft. In den Weihnachtsferien. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich dick vermummt in einem (fast) ungeheizten Haus am Küchentisch gesessen bin und korrigiert habe. Und welche Angst ich immer hatte, mein Koffer mit den Klausuren drin könnte bei den Flügen verschollen gehen. Aber zum Glück ist diese Zeit längst Geschichte.

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    1. Solche Korrigiergeschichten hat wohl jede und jeder zu erzählen, der in diesem Beruf tätig war. Irgendwie kenne ich kaum jemanden, für den das nicht Last ist oder gewesen wäre …
      Aber ein Ende ist in Sicht, für diesmal. Insofern …

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      1. Eine Last sind mir Korrekturen eigentlich nie gewesen, insbesondere weil ich sie in Ruhe zuhause am Schreibtisch erledigen konnte. Nur vor den Zeugnissen war die Ruhe normalerweise dahin, weil ich dann oft Angts hatte, ich wuerde die noch ausstehenden Korrekturen trotz langer Nachtschichten nicht termingerecht schaffen.

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  2. liebe frau rebis, ich drück dir fest die daumen, daß du heute „bis nach eisenach“ kommst.

    ich werde in den nächsten tagen öfter an dich denken, denn ich fahre morgen – von deiner po-fahrt inspiriert/angefixt – für ein paar tage alleine mit dem rad los. was ich mich freue!

    alles liebe und gutes durchhalten für deine letzten wochen!

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