Die Freuden des weißen Wahnsinns -21

Ob man jetzt, im Juli, im Sommer des Jahres, überhaupt noch lernen könne und solle, und ob es in der Schule nicht auch mit weniger und in langsamer ginge, zumal ich erschöpft wirke und bin, werde ich gefragt.
Der helle Wahnsinn sei das, antworte ich, der helle Wahnsinn immer in diesen letzten Schuljahreswochen. So wie hier dopple ich aus Versehen diesen Ausdruck binnen weniger Sätze, heller Wahnsinn im Quadrat sozusagen. Die Steigerung „weißer Wahnsinn“ wird geboren und gefällt mir so sehr, dass ich unter diesem Titel hier notieren möchte, woraus er denn besteht, dieser Alltag des Kaum-noch-Luft-holen-Könnens in den letzten Schulwochen.
Aus Mühen, aus Strapazen, aus Erschöpfung, das ist klar. Aus Freuden? Doch, ja, ich glaube, auch das. Jedenfalls wenn man ein bisschen sucht, bleibt es freudvoll, selbst in diesen Wochen. Und doch wäre diese Dichte auf Dauer kaum aushaltbar. Drum zähle ich den Countdown. In drei Wochen ist Tag 0: Schuljahresende und Ferienbeginn. So starten meine Schuljahresendprotokolle heute also mit Tag minus einundzwanzig.
(Ich bin gespannt, ob ich es schaffen werde, täglich zu schreiben. Und ob das Schreiben mir hilft, diese drei Wochen leichter zu sehen und zu tragen.)

Ein ganz normaler Schultag mit vier ganz normalen Stunden, das ist insofern bemerkenswert, als von jetzt ab eigentlich ständig alles ausfällt. Abschlussfahrten, Projekttage, Notenkonferenzen, Schulfest, Sportfest, Extradingens hier, Sondertermin da. Wann hat das angefangen, dass Schuljahresenden so zerfasern?
Drum also staune ich: vier ganz normale Physikstunden heute, oha.
Eine Klasse versorge ich mit dem letzten Thema des Schuljahres (und vor dem Abwählen des Faches:)), die andere Klasse ist meine, daher quillt es vor Orgazeugs nur so über. Für Künftiges: Mathekurswahlinformationen, Sportkursentscheidung, Kurswechselfragen. Für Baldiges: Projekttage mit Hin-und-Her-Überlegungen und noch so gar keinem Konzept von meiner Seite stehen vor der Tür, ich gebe mal eine Liste durch, das ist immer gut. Für Ständiges: warum das mit den Entschuldigungszetteln denn so schwer sei, verdammt. Und für Vergangenes: Nach der Rückkehr aus Berlin sahen wir uns noch nicht im Unterricht, wir müssen unbedingt so manches austauschen. Sie wirken begeistert, ich bin es auch. Wir kommen in ein gutes Gespräch, zuweilen brechen wir in Lachsalven aus.
Ein Schultag, an dem man nicht mit einer Klasse gemeinsam gelacht hat, ist kein guter Tag.

Das Lehrerzimmer ist spürbar von Schuljahresendgewusel geflutet. Die Projekttage wabern durch den Raum, kaum einer ist recht glücklich mit dem diesjährigen Konzept, Ahnungslose befragen andere Ahnungslose.
Klassenlehrerteams erbetteln frühe Noten, weil A, B und C die Schule wechseln wollen – klar, ich korrigier das schnell mal zwischendurch fertig;-)
Mein Co und ich erbetteln im Gegenzug ja auch Vorläufig-Noten, und im Aneinandervorbeirennen verständigen wir uns kurz, dass wir unbedingt noch die Elterngespräche wegen M, N und O führen müssen, wann auch immer wir die hineinquetschen. Zumal Eltern ja auch nicht rund um die Uhr Zeit haben. (Und gern denken, wir Faulen stellen uns nur an bei der Terminsuche.)
X, Y und Z dagegen haben sich für dies und das beworben und benötigen ein Gutachten, könntest Du mir nicht nachher mal paar Notizen geben, wie sie&er sich in Mathe macht. Hm, klar, immer gern doch.
Kollegin H bietet einen Nachschreibtermin an und wird dafür von allen geliebt. Nur ich bin zu doof zu bemerken, dass ich die K noch hätte reinsetzen müssen – vor Berlin war’s mir untergegangen – und verpasse diese bequeme Gelegenheit. Ärgerlich und naja, isso.
Die Abfahrkoordination für die Steuergruppentagung schleppt sich hin, noch immer wissen wir nicht, wer wann wo morgen mit wem fährt, wir sind dann halt spontan.
Für den Sonntagstermin ist’s nicht besser, immerhin zurre ich fest, dass ich bei B mitfahren darf und mich – Vorsatz! – hier mal um nichts weiter mehr kümmern werde.
Zwischendurch schneit die Schulleitung ins Lehrerzimmer und hängt die neuen Klassenlehrerteams für Stufe 5 ans Schwarze Brett. Weil es da am Freitag Nachmittag schon den Freundeskreisempfang gäbe – nun ja, wir sind doch mit der Steuergruppe weg, ärgerlich!, aber andererseits: Zeitliche Kollision sorgt dafür, dass ein Termin weniger im Kalender steht:)
Und dann juchzen wir uns gegenseitig zu: Ich werde mit einer Traumkollegin im Klassenlehrerteam arbeiten, lauter fantastische MathekollegInnen sind in den drei Parallelklassen. Was wollen wir mehr, wir schauen glücklich vorfreudig aufs nächste Jahr.

Der Griff in mein Fach lässt mich kurz erstarren: nur 10 von 30 Fehleranalysen der 7er liegen dort, die Klasse hatte schon bessere Quoten. Klar, die waren auch im Landheim und können nicht mehr. Dabei wollte ich’s doch als Zünglein an der Waage bei so manchen Zeugnisnoten nutzen … muss ich wohl andere Zünglein suchen. Der winzige Stapel lohnt kaum zum Nachhausetragen, ich entscheide, ihn schnell hier durchzuschauen, auf einem meiner nicht vorhandenen Arbeitsplätze im Lehrerzimmer, inmitten meines mittagessenden Kollegiums. Immerhin, niemand spritzt mir mit seinem Essen auf die Hefte.

Insgesamt bin ich sieben Stunden in der Schule: vier Unterricht, eine für die 7er-Durchsicht, der Rest ist Kommunikation.
Viel später als gedacht komme ich nach Hause, dort wartet Korrigieren, Korrigieren, Korrigieren. 90 Physikarbeiten to go. Wenn ich sie nächste Woche zurückgeben will,  muss ich in den nächsten Tagen den Turbogang einschalten. Heute läuft der auf Autopilot, ich bin begeistert von meinem Tempo und meiner Ausdauer:)
Tatsächlich schaffe ich noch vor Mitternacht den ersten von drei Stapeln fertig, mündliche und Zeugnisnoten inklusive. Geht doch.

Am Abend, in der Nacht sagt man wohl gemeinhin dazu, zähle ich meine Arbeitsstunden der bisherigen Woche zusammen, ich protokolliere sie ja seit Jahren mit, aus Gründen.
31,5. Bravo. Bei einer 80%-Stelle bin ich für die Woche sozusagen fertig und hab bis Sonntag frei. Scherzle zur Nacht.

 

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