WmDedgT 07/2016

Frau Brüllen fragt immer am 5. eines Monats: Was machst du eigentlich den ganzen Tag? Ich habe es schon einmal geschafft durchzuhalten. Heute ein weiterer Versuch, meinen Tag bis zum Abend mitzuschreiben.

3.27 Der Wecker klingelt, huch, so früh. Ja, mich hatte es gestern vor Erschöpfung gegen neun ins Bett geworfen, die Aufgabenberge dieser letzten Schuljahreswochen sind aber so riesig, dass ich dafür den frühen Vogel fangen will und so. Ich komme besser aus dem Bett als gedacht und nehme mir – wie jeden Tag – meine erste ruhige Morgenstunde. Ohne die beginne ich kaum noch einen Tag. Mein Ritual mit Kaffee und Buch (das bis heute Abend zu Ende gelesen werden will, wegen Onleihe-Ende).

4.45 setze ich mich an die Seminarvorbereitungen, die letzte Sitzung ist zwei Wochen her und folglich aus dem Gedächtnis gelöscht: was haben wir gemacht, was ist heute dran, ich tappse durch meine digitalen Unterlagen. Zäh ersteht das Konzept aus meinen Erinnerungen, dazu Sitzungsfolien, Ablaufplan, Materialien. Zack ist es …

6.00, die Kinder wollen geweckt werden. Immer ein wenig früher als nötig, von wem sie das wohl haben. Im Tochterzimmer trifft mich der Schlag und die Vermutung, dass hier gestern Abend noch eine Explosion stattgefunden haben muss, Pubertierendeneltern wissen, wovon ich rede. Mist aber, mir rutscht ein Kommentar zum Thema heraus, das ist ja nicht so nett zum Wecken. (Meine Kinder werden später ein Trauma haben wegen meiner Unordnungsphobie.) Während die Tochter auf mich schimpft – zu Recht – schimpfe ich auf die noch unaufgeräumte Küche und widme mich ihr. Der Küche.

6.30 findet auch der Sohn aus dem Bett. Was soll auf Euer Brot?, hast Du Mensageld überwiesen? (oh, ich wusste doch, da war noch was), darf ich Gummibärchen mitnehmen?, wo sind bitteschön Eure Brotdosen?, kannst Du mir das Fahrrad beim Beladen halten? (Tochters Fahrradständer ist gestern „abgefallen, einfach so“), wann kommst’n heute aus der Schule?, wann reparieren wir das Fahrrad?,  schreibt Ihr dieses Jahr noch ne Arbeit?, Mama, ich hab Dich lieb, Sohn, mach hin, in 20 min klingelt’s. Der zweite Morgenkaffee ist mit reichlich Kommunikation gespickt.

7.30 schwingt sich endlich auch der Sohn aufs Rad, ich bin noch nicht so weit, mich für seine Pünktlichkeit nicht mehr verantwortlich zu fühlen:) Dann erst geht’s in die Dusche, ich sortiere dabei innerlich, was bis zur Abfahrt in zwei Stunden noch zu tun ist. Und dusche lange. Prokrastination an Wasserverschwendung.

8.00 etwa sitze ich wieder am Schreibtisch, die Sitzung ist fertig vorzubereiten. Dokumente auf Netbook und Stick synchronisieren, das ganze Zeugs ins Moodle einspeisen, so weit’s vor der Sitzung schon geht. Seminartasche packen, upps, vor zwei Wochen hatte ich noch nicht die alten Papiere weggeräumt, die quellen mir entgegen. Aufräumen wird jetzt knapp, bleibt für später liegen, ein neuer, x-ter Stapel auf dem Schreibtisch entsteht. Ich suche Unterlagen aus Leitz-Ordnern zusammen, klaube Bücher aus dem Regal, quetsche dazu neue Kaffee-Pads, Milch und Kekse in die Tasche, das muss sein, ohne das wollen wir dienstags nicht mehr arbeiten:)

9.15 ist das Dringende geschafft, puh. Nur noch das Beratungsprotokoll vom Unterrichtsbesuch, das wollte ich eigentlich auch heute ausgeben. Wenn ich sehr schnell bin …

9.50: Ich war sehr schnell, Rekordzeit. Naja, ohne Orthographie-Endkontrolle, ich gestatte mir das heute. Hauptsache ausgedruckt und eingesteckt. Zack ins Auto mit mir und dem Tageszeug, reifenquietschende Abfahrt, erst im Flusstal mit Musik und Landschaft werde ich ruhig. Wenn ich einen Parkplatz vor dem Haus finde, kann ich noch pünktlich sein.

10.40 Parkplatz vorhanden, Schlange am Kopierer und Lieblingskollegin auch. Doch nichts mit Pünktlichkeit, so kennen die mich nicht.  Die Sitzung dann läuft rund und stimmig, alles klappt und fühlt sich routiniert an. So ein positives Gefühl darf ja auch mal sein.

13.00 Sitzungsende. Darf ich Sie noch kurz fragen … Das kurz dehnt sich zu einer halben Stunde, dann bin ich allein. Ich notiere mir, was es zu merken gilt: die Absprachen des spontanen Beratungsgesprächs, wie weit wir in der Sitzung gekommen sind, was nächste Woche nachzutragen ist, was vorzubereiten, was mir an neuen Ideen jetzt gerade schon kommt. Direkt nach dem Unterricht fließen Gedanken zur nächsten Stunde immer sehr bereitwillig, dies nutze ich. Nebenbei räume ich den Raum auf, fahre alle Geräte runter, logge mich aus. Und spüre Müdigkeit.

13.50 Mittagspause im Dozentenzimmer, umgeben von surrenden Computern und laut plaudernden Kollegen. Ein Joghurt, ein Brot, ein kalter Kaffee mit reichlich Zucker, man versüße sich was geht. Bisschen Bloglesen, bisschen Füße ausstrecken. Die Stühle hier federn, paradiesische Zustände im Vergleich zur Schule.

14.15 ein kurzer Gang nach draußen, die Dauerbaustelle stinkt wie immer, beim Parkuhrumstellen komme ich dem Strafzettelverteiler knapp zuvor – puh! – und beim Gang ums Karree merke ich, wie schwül es ist. Schnell zurück in den kühlen Altbau.

14.35 Korrigieren, korrigieren. Bis ich los muss, will ich eine Aufgabe geschafft haben. — Das wird sich durch die nächsten 10 Tage ziehen. Wo immer ich gehe, stehe oder bin, werde ich korrigieren. Vor der Schule, nach der Schule, zwischendurch, immer halt. Der Wahnsinn des Schuljahresendes …

15.55 schmeiße ich den Korrekturstapel und mein sonstiges Geraffel zusammen und fahre mit dem Auto die paar Meter rüber zur Musikschule. Wie immer dienstags kommt die Tochter mit Bus und Bahn angereist, holt sich ihr Cello aus meinem Auto und verschwindet im Musikschulpalais. Ich finde einen ruhigen Parkplatz und nehme eine halbwegs bequeme Korrekturposition ein: quer auf den Vordersitzen, angelehnt an die Fahrertür, Fenster auf. Und weiter geht’s, Aufgabe 3. Korrigieren macht nicht unbedingt Spaß, sagte ich das schon?

17.40 kommt das Töchterchen endlich von ihrer Probe und erlöst mich. Wir holen uns ein Eis, setzen uns auf eine Bank, erzählen vom Tag und von so manchem. Auch im Auto auf der Rückfahrt ist sie in Erzählstimmung, ich genieße.

18.45 sind wir zu Hause, ich brauche eine kurze Schlummerrunde auf dem Sofa, der Sohn kommt eh erst später. Bisschen in der Küche aufräumen, Tisch decken, und um

19.30 essen wir. Wenn ich die blöde Frage Wie war’s in der Schule? weglasse, erzählen sie sogar etwas. Wir palavern so herum, und plötzlich kommen wir aufs Auslandsjahr. Heute unerwartet konkret, es soll nächsten Sommer beginnen und steht auf einmal sehr nah vor uns. Zumal als wir uns am Computer ins Bewerbungsverfahren der Austauschorganisation einloggen und die Unterlagen ausdrucken. Ein Jahr noch bis dahin. Nach der Rückkehr knappe zwei, dann wird er weg sein, der Sohn. Loslassen in großen Schritten, ich schlucke. Und andererseits bin ich natürlich ergriffen, wie genau er weiß, was er will, wie groß er ist, wovon er träumt, wie er sich auf seinen Weg macht. Ach ja: es soll nach Italien gehen, das weiß er genau. Ob er in dem Jahr bis dahin Italienischunterricht haben dürfe. Come no.

21.20 ist es, als die Kinder in ihren Zimmern verschwunden sind. Ich bin müde vom Korrigieren und überhaupt, beschließe, zunächst den um Mitternacht ablaufenden Onleihe-Roman zu Ende zu lesen. Es wird

22.45 Uhr. Ausgelesen. Berührendes Buch. Kommt ein Pferd in eine Bar, von David Grossman. Auf weitere Korrekturen kann ich für heute verzichten. Ich packe meine Sachen für morgen, erinnere mich zum Glück daran, dass ich noch zwei Nachklausuren ausdrucken muss, und schreibe ein paar kurze Schulmails. Feierabend.

23.25 dusche ich und verschwinde im Bett, lesend. Erstaunlicherweise bin ich nicht müde, trotz des frühen Tagesbeginns. Hm, ich lese in Blogs herum. Kurz bevor ich ein neues Buch anfangen will, fallen mir aber doch die Augen zu.

 

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