Tag 9: Crespino – Porto Levante

Die Wetter-App wird Recht gehabt haben. Es gäbe Gewitter um 7 und um 14 Uhr, sagt sie. Das um 7 Uhr kommt pünktlich. Wir liegen es schön eingekuschelt im Bett aus. Später an das um 14 Uhr werden wir nicht glauben und darum voll hineingeraten.
Doch zunächst starten wir ruhig am Spätvormittag, denn auch heute sind’s nur 50 km. Mit der gestrigen Geschwindigkeit des Kindes würden wir bei allzu frühem Start möglicherweise schon um die Mittagszeit ankommen. Viel zu früh:)

Als es zunächst ausgeregnet hat, brechen wir auf. Es ist kühler als gestern, der Himmel bleibt den ganzen Tag grau, das Grollen in der Ferne lässt nicht nach. Außerdem ist Montag, folglich sind keine Radler mehr auf den Wegen. Eine düstere, einsame Strecke verbreitet einen Hauch von Unheimlichkeit. Irgendwo sind Waldarbeiter am Tun und starren uns Vorbeifahrende an. Unser erster Picknickplatz ist von der Straße gut einzusehen, alle Autos verlangsamen oder bleiben sogar stehen und schauen uns eine Weile zu. Hm. Unangenehm. Vielleicht befinden wir uns hier so abseits des Radweges, dass wir wie eine Fata morgana daherkommen? Oder ist mit uns heute irgendetwas nicht in Ordnung?

Nach der Hälfte der Tagesstrecke wird aus dem ruhigen Dammsträßlein eine belebtere Straße. Nach der gespenstischen Morgeneinsamkeit sind mir vorbeiziehende Autos fast schon angenehm. Wir rollen ganz ruhig, die Tochter nach Anweisung am rechten Rand, ich ein Stück hinter ihr mittiger in der Spur, und die Autos fahren wirklich weiträumig vorbei. Gar nicht so schlimm.

Derweil beginnt es zu tröpfeln. Mit dem Begriff „angenehmer Radlerregen“ (den hab ich geklaut:)) versuche ich mir im Kopf das Gewittergrollen in der Ferne zu übertönen. Das klappt im Moment gut.
Obwohl das Grollen näherrückt. Klar, ist ja bald 14 Uhr. Und die Wetter-App hatte schon heute Morgen Recht gehabt. Das aber lässt sich wunderbar ignorieren. Zwar regnet es inzwischen regenjackenstark, aber noch immer sind halblange Sommerhosen und Sandalen die Beinbekleidung der Wahl. Finden wir.

Die Tochter wird mittlerweile von einem heftigen Hunger heimgesucht, wir biegen vom Damm in ein Dorf ab. Zwanzig Häuser, eine Kirche, zwei geschlossene Restaurants, keine Bar. So ist die traurige Lage, das Kind wirkt zerknirscht.
Vor lauter Hunger drängt sie zu sofortigem Weiterfahren. Die Kirchtürme der 5-6 km entfernten Stadt scheinen verlockend nahe, und sie hat eben Hunger. Nein, keine Regenhosen, keine Galoschen, keine Riegel, kein Studentenfutter – weiterfahren!

Hier hätte ich eingreifen müssen, sie hätte sich mit ihrer Ungeduld nicht durchsetzen dürfen. Denn hier stehen wir geschützt unter einem riesigen Regendach, es ist Platz und Trockenheit genug zum Anziehen, zum Picknicken, zum Abwarten. Stattdessen lasse ich mich fahrlässigerweise auf ihr Katzensprung-Argument ein.
Und so geraten wir nach wenigen Minuten mitten hinein in das Gewitter, das mittlerweile direkt über uns grollt und sich infernoartig entlädt. Abseits jeder Ortschaft, ohne Strauch, Mulde oder Nische zum Unterstellen, gefangen auf einer Dammstraße, die als Ausgang nur die Stadt vor uns bereit hält, werden wir von Wind und eiskaltem Regen gepeitscht. Es tut weh im Gesicht und auf den Sommerhosenbeinen, die Böen schlenkern uns, zum Glück meist nach rechts, nicht in die Fahrbahnmitte, und dass uns die Autos von hinten immer sehen, kann ich nur hoffen. (Ja, tun sie. Sie fahren alle sehr langsam vorbei.)
So muss sich die Sintflut anfühlen.

Ich weiß gar nicht, ob ich diese Fahrt ohne Kind leichter oder schwerer erlebt hätte. Anders jedenfalls. Die Tochter vor mir lenkt vom eigenen Unbehagen ab, bzw. vermischt es stark mit der Sorge, ob sie das durch- und aushält. Wie sie sich da winzigklein durch den gewaltigen Sturm strampelt …
Als wir nach einer gefühlten Ewigkeit den Ort erreichen, in die Bar an der Piazza einfallen – Haare tropfnass, beide ein Handtuch um die Schultern geworfen, von der Gürtellinie abwärts triefend – und dank Tee, Kaffee, heißer Schokolade und Toast allmählich wieder zu uns kommen, frage ich die Tochter, wie sie die Gewitterfahrt erlebt habe.
„Da müssen wir jetzt eben durch“, habe sie sich gedacht. „Ich muss jetzt nur immer weitertreten.“ So einfach. So sagt sie das. Ich umarme sie.

Es wird ein längerer Baraufenthalt, wir müssen ja erst von allen Seiten aufwärmen, bevor wir ans Weiterfahren denken können.
Der Rest ist schnell erzählt. Inzwischen scheint die Sonne, ist die Temperatur wieder über 20 gestiegen, die Kilometerzahl unter 20 gefallen, wir müssen nur noch aus der Stadt hinaus und in die Po-Delta-Landschaft hineinfinden.
„Nur noch“ dauert zwar doch länger als erwartet, weil wir zunächst eine autobahnartige Schnellstraße per Unterführung queren müssen und dafür mehrere Ehrenrunden in den zahlreichen Kreisverkehren eines Gewerbegebiets drehen, bis sich endlich der gesuchte Tunnel vor uns auftut. Doch dann ist es ein Katzensprung. Ruhige Sträßlein im Naturschutzgebiet, die Nachmittagssonne über uns, und irgendwann stehen wir vor dem Agriturismo am Zielort der Reise.

Hier werden wir die restlichen drei Tage bleiben. Hier feiern wir zunächst Tochters Geburtstag nach (sie hat sich soooo lange für ihre Geschenke gedulden müssen!) und beziehen ein Zimmer mit Lagunenblick (oder waren es Valle? die haben mehr Süß- als Salzwasser, sind also weiter vom Meer entfernt als die Lagunen, wirken aber ähnlich: Gewässer zwischen Meer und Festland sind sie beide). Wir essen gut und fahren gepäcklos Fahrrad durch die wunderbare Delta-Landschaft.
Natürlich einmal auch bis zum „echten“ Meer, also dem mit Sandstrand. Um barfuß am Strand entlang zu wandern, um Muscheln zu sammeln, um zu baden (nur die Tochter:)), um ordentlich Sand zwischen den Buchseiten und im Käsebrotpicknick zu spüren und um Wind und Wellen beim Singen zu lauschen.

Übrigens: Der Sohn bedauert nun wohl doch, dass er dieses Jahr gar nicht mitgeradelt ist. Jedenfalls eröffnete er mir während einer unserer Touren im Delta, dass er im Sommer gern mit mir nach Berlin fahren würde, die umgekehrte Richtung als vor drei Jahren also. Diesmal wolle er dabei Videos drehen und auf der Reise gleich schneiden. Aber auch schneller fahren als letztes Mal – 10 Tage, ob das ginge? Und überhaupt, seine Regenhosen passen ihm nicht mehr, sagt er noch. Und eine Fahrradtasche für vorn wäre nicht schlecht.
Oh, ich bin ganz ergriffen. War ich doch davon ausgegangen, dass die Zeit unserer Mutter-Sohn-Touren pubertätsbedingt endgültig vorbei sei. Und nun das. Zwar fühle ich mich von seiner 10-Tage-Idee schon jetzt leicht gehetzt, andererseits kann man die 1000 Streckenkilometer von damals vielleicht auf 800 zusammenschrumpfen? Erste Recherchen laufen. Zur Not sollte doch ein elfter Tag erlaubt sein. Regenhosen und Vordertasche jedenfalls sind lösbare Probleme.
Also: Nach der Radreise ist vor der Radreise.

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5 Kommentare

    1. Über die Kids staune ich selbst. Sie überraschen einen immer wieder:)
      Und weißt Du, gestern und heute das Schreiben, das war vor allem mir selbst ein Erinnerungsluftholen zwischen all dem Trocknungskram ringsum und dem Schulschreibtisch, der jetzt – jetzt! – auf mich wartet. Ich wollte noch ein wenig zurück auf die Reise gehen … und es gelang. Witzig: Jetzt, nachdem ich vom letzten Tag geschrieben habe, fühlt sich der Schulschreibtisch richtig an. Vorher nicht:)

      Gefällt 2 Personen

  1. Ein echter nasser Radel-Urlaubs-Abschluss ist euch da gelungen. Danke, dass Du uns bloggenderweise teilhaben ließest.
    Gutes Ankommen im Alltag und schöne Sommerpläne per Rad – mit oder ohne großem Kind.

    Gute Zeit und Ciao,
    K.

    Gefällt 1 Person

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