Tag 8: Bondeno – Crespino

Plötzlich war die Tochter mit auf der Reise. Da war so viel zu erzählen.  Und das Internet im Po-Delta ohnehin auf Tröpfelstärke reduziert. Die letzten Ferientage am Meer voller Ruhe, die so gar nicht nach Schreiben rief. Und unsere Rückkehr so turbulent. Drum riss der Reiseberichtsstrom vor ein paar Tagen jäh ab.
Eine Woche ist mein letzter Alleinreisetag nun her – so lange dauerte kaum die gesamte Radreise. Unglaublich, diese unterschiedliche Zeitwahrnehmung. Eine Woche also. Ich versuche mich an die letzten Reisetage zu erinnern. Sitze in Samstagmorgenstille im Schneidersitz auf meinem Bett, Handy und kleine Tastatur vor mir, der Barfußgang auf frischgemähtem Rasen hat Grünschnipsel und damit einen Hauch Zeltgefühl in mein Bett gebracht, der Kaffee ist Instant und trägt das Seine zum Erinnerungsfließen bei.

Vor einer Woche also war der letzte weite Ritt mit der einsamen Übernachtung im Agriturismo. Ja, am Morgen stelle ich fest, dass ich tatsächlich die einzige Übernachtende war. Das passiert hier öfter, viele touristische Unterkünfte sind wie leergefegt. Man fragt sich, wie die überleben. Natürlich sind hier derzeit keine Ferien, und überhaupt, so heißt es überall, ist anhaltend große Krise im Land. Die wenigen ausländischen Touristen, die es ins Hinterland verschlägt, können die Unmengen aus dem Boden geschossener Agriturismi nicht füllen, soweit so klar. Wie jedoch trägt sich ein aufwändig gestaltetes, einem Hotel in nichts nachstehendes Landhaus, wenn es nur zwei Monate im Jahr – wenn überhaupt – belegt ist? Wovon leben die Leute, wie kommen sie aus? Leider, mal wieder, kann ich nichts fragen, kann darüber nicht in Ansätzen mit dem Wirt sprechen …
Das Frühstück jedenfalls ist eigens für mich gerichtet, ein ganzes Büfett, eine riesige Platte mit Wurst und Käse, so dass es mir unangenehm ist, das alles stehenzulassen. Andererseits kann ich nicht annähernd soviel essen und stecke mir, damit das alles nicht gar so unangetastet aussieht, aus Anstand quasi, ein paar Vorräte für unterwegs ein.

Mein Unterwegssein beginnt heute früher als sonst, der Weg nach Ferrara hat noch knapp 30 km, und um 12 Uhr sind wir verabredet. Morgenverschlafene Felder liegen in fädenspinnendem Licht. Meine Gedanken und Worte träumen wie die Sonntagswelt vor sich hin. Nur ab und zu wird die Stille durchschnitten durch Gruppen von rasenden Rennradlern, die sich sportlich jung und sehr laut unterhalten. Ich erschrecke mehr als bei Autos.
Der Po-Deich führt bis vor die Stadttore; es bleiben wenige Kilometer Asphaltmoloch ins Zentrum. Schwierig, sich nicht aus der Ruhe werfen zu lassen; schwierig auch, nicht unter die plötzlich umherschießenden Autos zu geraten.
Das Zentrum mit seiner Fußgängerzone ist nicht besser, die Menschenfülle schlimmer als in jeder bisherigen Stadt, gerade als wäre hier mitten auf der Piazza in Kürze eine Demo angesetzt. Ich übertreibe nicht.
Der vereinbarte Treffpunkt – genau auf diesem Platz – wird unmöglich. Ich fliehe in einen Park, durch den ich soeben geradelt bin, und schicke den Kindern eine SMS, wo sich mich finden.

Eine leere Schattenbank finden, einmal Radtaschen komplett leeren und umpacken (ich lasse Vordertaschen und Zeltsachen da, muss stattdessen später die Tochterdinge unterbringen), ein paar Blicke auf die Karte für unseren weiteren Weg, ein bisschen um mich schauen – und schon halten drei glückliche Romrückkehrende mit dem Auto direkt neben mir.
Umarmungen, wirres Erzählfetzen-Durcheinander, Unbedingt-jetzt-Zeigenwollen von so manchem, nebenher mein Versuch, alle Radlersachen der Tochter aus dem Auto zusammenzuklauben (gelingt nicht ganz: ihren Personalausweis werden wir trotzdem vergessen), ihr Rad vom Dach holen, alles neu packen und beladen, ein gemeinsames Kurzmittagessen in einer Bar, ein Rundgang auf der wie von Zauberhand völlig geleerten Piazza (auf die Siesta in Italien ist Verlass!), und schon sitzen wir zu zweit im Sattel. Es ist gerade 14 Uhr, als wir starten.

Die Tochter ist kribbelig vor Vorfreude, wir finden einen ruhigen Parkradweg aus der Stadt hinaus und rollen bald nebeneinander auf dem Deich.
Natürlich muss sich am Anfang alles noch zurechtrütteln. Das dunkle T-Shirt ist zu warm, die Hose drückt, Sonnencreme-ach-ja, der Sattel muss verstellt werden, die Kette macht Geräusche, die Gangschaltung klemmt, die Reifen sind so platt – hach, es wäre nicht meine Tochter, wenn sie sich um all das vor der Abfahrt gekümmert hätte. Andererseits bekommt das Werkzeug in der Satteltasche endlich seine Berechtigung, die Luftpumpe atmet freudig aus und ein, der Klamottenbeutel wird auf der Suche nach hitzegeeigneter Kleidung nochmals neusortiert, warum auch nicht, und überhaupt ist alles bestens.
Sie erzählt und lacht und strahlt und singt pausenlos, hat eine Million Romerlebnisse zu teilen, erfasst aus dem Augenwinkel trotzdem alle Abbiegeschilder und reißt mich mit in einen Strom unbändiger Lebensfreude.
In ungeahnte Geschwindigkeit reißt sie mich auch mit, denn als erstmal alles an ihrem Rad gerichtet ist, schaltet sie ein paar Gänge hoch, jagt davon und ruft in die Welt, dass dies jetzt eigentlich ein ganz bequemes Tempo sei. Ich japse hinterher.

Wie schon letztes Jahr bin ich erstaunt, wie kooperativ sich mit ihr fahren lässt. Entscheidungen über Pausen, Abkürzungen, anstrengende Teilstücke und Essenssuche fallen gemeinsam, und zwar wunderbar unkompliziert. Sogar leichter als mit mir allein, denn bei gleichwertigen Varianten frage ich nun einfach sie. Mein Tausendfach-Abwägen-Gen scheine ich ihr nicht weitergereicht zu haben. Sie sagt einfach: So machen wir’s:)

Nach ein paar Kilometern steht eine Po-Brücke an, weil wir auf der Nordseite des Flusses übernachten werden. Wir müssen sehr suchen, bis wir eine kindverträgliche Überquerungsspur finden. Danach ein Eis, wie auch anders, es ist wirklich heiß. Die Abendkühle lässt sich heute Zeit. Gegen 5 Uhr fahren wir weiter, noch etwa 15 km vor uns. Meine Sorge, dass wir statt des stillen Radwegs nun auf vollen, ollen Straßen landen, war unbegründet. Die Dammstraße ist nämlich für Autos gesperrt, weil der Asphalt ein wenig bröckelt. Wie nett vom Asphalt. Wir können in aller Ruhe weiterrollen und sind irgendwie – so erinnere ich mich – ganz plötzlich da.
Kurz vor dem Ort, wir sehen schon lange den Kirchturm auf uns zukommen, entfährt ihr plötzlich: „Hoffentlich ist das Zimmer nicht auf’m Berg.“ Ich lache und verweise auf die in alle Richtungen sich mindestens 1000 km ausdehnende Ebene. „Naja“, sagt sie, „da könnte trotzdem irgendwo ein ziemlich hoher Hügel kommen.“ Sie scheint von bisherigen Radquartierserfahrungen traumatisiert;-)

Wieder wird es ein einsamer Landagriturismo, immerhin ist noch eine zweite Familie zu Gast, wieder wohnen wir herrlich abgeschieden. Und es gibt einen kleinen Pool. Dreimal dürft Ihr raten … (Nein, nicht ich. Ich mag baden nicht so. Aber vom Rand aus zuschauen ist auch schön.)

Abendessen könnten wir eigentlich im Dorf bekommen. Die Tochter aber verzieht das Gesicht, als der Wirt sagt, dass dort ein Fischristorante sei. Weil das nicht unbemerkt bleibt und weil sie hier ohnehin die Attraktion ist – viele Fernradler würden vorbeikommen, aber ein Kind noch nie -, bekommen wir vom Wirt – upps – das Angebot, uns mit dem Auto in eine entferntere Pizzeria zu fahren. Die Tochter scheint genug Italienisch zu verstehen, um einfach „Si“ zu sagen. Ich bin verblüfft. Vermutlich hätte ich sonst abgewunken, ein bisschen Fisch hätte ihr nicht geschadet. So aber sitzen wir später am Abend im Auto und alsbald in einer Pizzeria, das Wirtspaar isst dort ebenfalls, ein wenig Gespräch gelingt trotz der Sprachschranken, es ist wunderbar.

Die Tochter ist glücklich und aufgekratzt. So sehr, dass ich, als wir endlich im Bett liegen, mein Buch schneller schließe als sie. Sie streicht mir nochmal übers Gesicht – Schlaf gut, Mama! – und liest dann noch ein Kapitel.
Sie werden so schnell groß.

 

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5 Kommentare

  1. „Die Damenstraße ist nämlich für Autos gesperrt“- schöner Verleser, nicht wahr!
    Prachttochter – und auch sonst – wunderbar zu lesen! Und ein wenig subjektiv nachzuempfinden…Danke.
    Habt Ihr keine Schneckchen im Garten, die beim Flanieren zwischen die Zehen geraten könnten?

    Gefällt 1 Person

    1. „Damenstraßen“ wären manchmal eine gute Alternative;-)
      Schneckchen hatte ich noch nie zwischen den Zehen. Auch nicht auf unserem Rasen gesichtet, vielleicht in den Beeten? Aber insgesamt haben wir wohl echt wenig davon hier in der Ecke. Woran auch immer das liegt…

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  2. Ich hab ein bisschen so ein Wasser hinter den Augen, das ich mir *hüstel* wegdrücke. So schön hast du erzählt von diesen Stunden mit deiner Tochter.
    Meine ist auch so … oder war so, denn jetzt ist sie schon „groß“ … doch nach der schlimmen Pubertät ist es gerade wieder ganz arg schön. Auch, wenn sie nun erwachsen ist und wir so eine Art Wohngemeinschaft haben, in der auch ihr fester Freund seinen Platz gefunden hat.
    Was sind wir gesegnet, dass wir Mütter sein dürfen (mit solchen wunderbaren Kindern) (denk ich manchmal/meistens …).

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