Tag 7: Mantua – Bondeno

Mir bleibt noch ein letzter Alleinreisetag, und danach ein halber. Ein vereinbarter Mittagstreffpunkt in Ferrara wird meine Alleinzeit beenden und mich für den letzten Streckenrest mit der Tochter fahren lassen. Genau eine Woche war ich dann mit mir selbst unterwegs, fast 600 Kilometer Beimirsein. Es war eine unendlich gute Zeit, ich habe das Alleinradfahren selten als so nährend empfunden.
So gut und so stimmig gar, dass ich nicht mal das Ende dieser Zeit bedauere. Ich habe mehr gefunden als ich zu hoffen wagte. Und ich bringe in mir stärker als vorher noch Wünsche, Ideen, Träume mit, in denen ein Sabbat-Jahr, ein Fahrrad und besondere Länder die Hauptrollen spielen …

Zunächst aber beginnt dieser jetzige Völlig-allein-Tag, mit seinen letztlich wieder über 100 Kilometern. Der längste von allen, wird sich an seinem Ende zeigen. Während ich das sage, horche ich auf, weil ich in diesen Tagen sehr klar bemerkt habe, welche Rolle die Kilometer mir spielen – im guten wie im unguten Sinne.

Zunächst sind sie irgendwie ja immer durch das Ferienende, durch die begrenzte Zeit – eine Woche, das ist sooo wenig – den angepeilten Ziel- oder Treffpunkt bestimmt. Dann teilt man die Gesamtzahl der Kilometer durch die Gesamtzahl der Tage bis zum Treffpunkt, Rückflug, OrtmitdemBahnhof, wasauchimmer, und schwupp, ist eine Tagesvorgabe da. Wenn ich dann noch berücksichtige, dass ich wild zu zelten nicht wage und für Übernachtungsmöglichkeiten nicht unendlich hohe Summen auszugeben bereit bin, dann werden die Etappen sehr schnell von außen sehr bestimmt.
Wochenlang, monatelang Zeit zu haben, das wär’s. Und dann ohne Ziel fahren, das überhaupt. Naja, wirft mein innerer Zensor ein, ohne Ziel, das ginge ja auch innerhalb einer Woche. Stimmt, muss ich zugeben. Vielleicht sollte ich das versuchen: In meinen zeitlich stets durch ein Ferienende bestimmten Reisen wenigstens räumlich mir keinerlei Vorgaben zu machen? Ob ich ein solches Reisen mal angehe? Im Sommer schweben schon wieder Orte und Ziele im Raum, die sind lang anvisiert und hängen nicht von mir ab. Aber im nächsten Jahr? Mal schauen …

Doch innerhalb dieses Rahmens der vorgegebenen Kilometer habe ich klarer als je an mir beobachtet, wie ich damit umgehe.
Zunächst: mehr Kilometer bedeuten bei mir nicht automatisch mehr Erschöpfung, nein, überhaupt nicht. Im Gegenteil bin ich erstaunt, wiiieee unabhängig meine Müdigkeit am Abend von der Kilometerzahl ist. Das ist ja eigentlich wunderbar, denn das lässt Gestaltungsspielraum.
Was allerdings nicht unabhängig von der Zahl, nämlich konkret: der Zahl der auf dem Sattel verbrachten Stunden ist, sind meine sonstigen Tagesdinge, die für mich zum Reisen dazugehören. Ich möchte unterwegs sitzen, träumen, trödeln, schauen, nichtstun können. Ich möchte morgens und abends und dazwischen schreiben, ich möchte lesen, ich möchte in aller Ruhe der Welt frühstücken, picknicken, abendessen, ich möchte packen dürfen so langsam wie eine Schnecke. Ich möchte den Blick nicht auf die Uhr werfen müssen, weil eine Ankommensdeadline im Nacken sitzt, ein geschlossenes Tor etwa.
Und das – so habe ich hier gemerkt – gelingt mir bei Kilometerzahlen um die 80, 90, 100 (resp. mehr als 5 Stunden im Sattel) kaum noch. Jedenfalls nicht so, dass es für mich stimmig bleibt. Dafür müsste sich die Erde etwas langsamer um sich selbst drehen, was ich wiederum nicht erwarten kann:)

Mir diese Erkenntnis für künftiges Unterwegssein mitnehmen, das wär’s. Meine Tage, so sehnsüchtele ich, möchte ich bestimmt wissen von Morgenfrische, Mittagsschattensuche und Abendkühle, von den Veränderungen des Lichts über den Tageskreis, von Dunkelheit und Helligkeit, und von mehr eigentlich nicht.
Übrigens: ich gehöre zu den Menschen, für die ein Tag stets mit dem eigenen Schlafengehen und nicht etwa mit der mitternächtlichen Uhrzeit endet. Mein Schlafen und die damit einhergehende Zäsur durch Wegschlafen, Träumen und Neuaufleben untergliedert mir mein Erleben mehr als jede äußere Taktung. Darum nenne ich für mich einen Tag das, was zwischen zweimal Schlafen liegt.

Nun bin ich im Reisegedankenträumen hängengeblieben. Erzähle jetzt aber doch noch vom letzten Alleinreisetag, dem kilometrig so langen. Er beginnt mit einem ruhigen Agriturismo-Morgen. Weil ich – wie immer, ich hab da Talent:) – mein Zelt in die feuchteste Ecke des Hofes gestellt habe, dauert es, bis alles getrocknet ist. In aller Seelenruhe einpacken, schreiben, das Zelt in der Sonne hin- und herwenden, frühstücken – so wird es fast 11, bis ich aufbreche. Sicher ist das unvernünftig, im Angesicht der vor mir liegenden 100 km so trödelnd zu beginnen, aber manchmal kann ich das: unvernünftig sein. Es geht mir gut dabei;-)

Nicht so gut geht es mir, als ich durch die laute, hektische Stadt muss – schnell weg, wieder dieser Fluchtinstinkt – und an deren Ortsausgang kaum den richtigen Weg finde. Mit dem Auto wäre alles einfach, denn die großen Straßen sind ausgeschildert. Will man kleine Gassen fahren und die riskanten Raserpisten umgehen, hilft oft nur der Sonnenstand, das Orientierungsgefühl und ein bisschen Glück. Mein Falk-Navi scheint hier ein paar echte Aussetzer zu haben, und meine Karte ist zu grob. Ab und zu lande ich in Vorortsackgassen und mäandere auf erratische Weise durch Dorfstraßen. Ich möchte nicht wissen, was sich die an den Gartenzäunen stehenden Menschen denken, wenn sie mich dreimal an sich vorbeifahren sehen:)

Im Laufe dieses Tages lerne ich übrigens, dass ich nach dem Weg ja auch fragen kann. Eine Sache des Trauens. Einmal ausprobiert, funktioniert es fabelhaft. Ich bekomme sehr genaue, detaillierte Erklärungen über die wüstesten Feldwegverbindungen, verstehe offenbar ausreichend genau und lande immer, wo ich hin will. So einfach also.

Nach 25 Kilometern bin ich wieder auf dem Po-Deich, von dem ich mir immer unsicherer werde, ob ich ihn so eigentlich korrekt bezeichne. Wir sind ja nicht in Norddeutschland, heißt es daher nicht Damm? Egal, für mich ist und bleibt es der Deich, basta.

Es ist heiß, es werden bis über 30 Grad werden. Bäume gibt es da oben – eben auf dem Deich – kaum, und wo sonst sollte Schatten herkommen. Raststellen gibt es ebenfalls nicht, also Buchten, um sein Fahrrad abzustellen, oder gar Bänke, so dass sich das kurze Innehalten nicht so unwirtlich anfühlt. Nein, stehend am Straßenrand mag ich nicht pausieren. Sitzend auch nicht, denn auf beiden Seiten geht es steil bergab. Und zu Füßen der Räder und Autos zu sitzen – nein, dann lieber keine Pause. (Der Dammweg ist meist auch Autostraße, und ich staune nicht schlecht, als mir da einmal ein Riesen-LKW entgegenkommt.)

Einmal fahre ich hinunter in ein Dorf, finde dort aber keine Bar – dass es das in Italien gibt? -, sondern nur staubige Gassen in mittäglicher Menschenleere, einmal bleibe ich unter einer Autobahnbrücke stehen (schattig, ja), einmal fahre ich zu einer Baumgruppe hinunter und stelle mich kurz in deren Schatten (wegen staubigen Untergrunds ist Hinsetzen ungemütlich), einmal dient mir eine Eisenbahnbrücke als Schattenspenderin, und ansonsten fahre ich.

Es ist heiß, ja. So fühlt sich Trance an, denke ich fast schon, als ich immer müder werde, als ich die 70 Kilometer überschreite, ohne eine wirkliche Pause gemacht zu haben, und ich einfach nur trete und trete und trete.

Weil ich noch lange nicht da bin, verlasse ich meinen stillen Weg nun doch und werfe mich in den Nachsiestaverkehr einer kleinen Stadt. Dort ergreife ich die erstbeste schattige Bar-Gelegenheit. Wasser, Cola, Toast, Eis, Kaffee, ich nehme alles. Eine Stunde und diese eigenartige Nahrungsmischung reichen mir zum Regenerieren, gegen 6 Uhr fahre ich weiter.

Die Abendstunden sind die Besten, das habe ich schon an so manchen Tagen gedacht. Das Licht wird besonders, die Menschen kommen wieder aus ihren Häusern gekrochen, überall lebt es auf, der Wind beginnt zu kühlen – von kalt kann noch lang keine Rede sein – und es fährt sich einfach leicht. Erstaunlicherweise finde ich gerade an langen Tagen die letzten Kilometer sehr einfach, vielleicht weil der „Motor“ warmgelaufen ist, der Körper in sich angekommen ist? (Während er morgens immer sehr behäbig, manchmal gar mühsam startet, merke ich.)

Ich trinke mich in den letzten Kilometern also am Fahren satt, bevor ich die Zielgegend meiner Übernachtung erreiche. Eine letzte Verirrfahrt in Bondeno, und kurz nach 8 stehe ich vor dem Agriturismo. Vor dem Haus sieht es leer aus. Es ist so, wie ich schon ahnte: das Ristorante ist heute chiuso. (Wie, am Samstag?) Auch sonst gibt es in diesem Ort nichts. Da hinten am Stadtrand, eine Pizzeria, sagt mir der Wirt. Ja, da bin ich vorbeigekommen, sage ich. Vor drei Kilometern war das, geht ja noch.

Der Rest des Abends ist duschen, zur Pizzeria fahren, sitzen, essen, trinken, beobachten, mich am Leben erfreuen, und spätnachts durch die Mondnacht über Landstraßen, Kanalbrücke und Dörfer zurückfahren. Heute habe ich alle Schlüssel, Schließkarten und Codes der Unterkunft bei mir. Ich komme ohne jedes Problem in mein Bett, das fühlt sich auch mal ganz schön an:)

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14 Kommentare

  1. Spannend ist die Ähnlichkeit meiner und deiner Gedanken ja schon.

    Was ich schon immer fragen wollte:
    Was genau steckt hinter deiner Wildzelt-Angst und warum kochst du nicht unterwegs?
    Ich frage aus reinen Verstehen-Wollen-Gründen.

    Gute Weiterfahrt.

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    1. Hättest Du allein keine Wildzelt-Angst? Erklär mir, warum nicht. Ich glaube, ich bräuchte ein Mut-Vorbild. Ich habe allein – zumal in Dˋland, wo es ja offiziell nicht erlaubt ist, und hier im fremden Land, einfach wirklich Angst, die wohl 80 oder 90% aller Frauen hätten. Ich keine KEINE einzige Frau, die das macht/gemacht hat. Lerne ich die erste kennen, werde ich die zweite;-)
      Hier kochte ich an zwei von drei Zelttagen nicht, weil ich nicht so viele Lebensmittel mitschleppe, dass ich was leckeres draus machen könnte und weil es hier in Italien einfach IMMER nur gut schmeckt. In D’land unterwegs hab ich ja gekocht. Da ist Essengehen selten so angenehm (und preiswert) wie hier.

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      1. Ach so, und das Essenbesorgen und Kochen dauert auch. Da ist dann die Entscheidung Langbloggen oder Kochen bisher immer zugunsten des Langbloggens ausgefallen:) (J. schrieb ja auch mal, dass ihn das Bloggen manchmal das warme Abendessen kostet.)

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      2. Als ich jung war, hab ich mal allein im Wald geschlafen. Seither auch nicht mehr. Aber ich glaube, ich würde es tun. In der Schweiz und in Skandinavien hätte ich keine Angst, anderswo schon eher. Ich verstehe sie schon, die Angst – wobei einem Zelt sieht man ja nicht an ob Mann oder Frau? Von J. hab ich viel über Platzwahl in der Pampa gelernt.

        Zum Kochen: Ich grinse. Ja, Italien. Versteh ich.
        Für mich ists neben der Kostenfrage immer auch das Kochvergnügen des Kochens vor dem Zelt.

        Gute Weiterreise!

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        1. Ich habe gerade auf dieser Reise erlebt, wie meine Ängste vor allem Möglichen immer mehr schwinden. Ich vermute, dass ich eines Tages so weit sein werde, wild zu zelten …
          Und das Kochen (naja: Lebensmittel zusammenrühren, mehr kann ich auf einer Flamme nicht:( ) vor dem Zelt empfand ich immer dann schön, wenn ich nicht nah und zu Füßen riesiger Wohnwagen saß, wie meist auf den hiesigen Zeltplätzen. Vor einem Jahr in Mecklenburg, da war es tatsächlich leer und daher konnte ich es genießen …

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    1. Ich habe wohl gar keine so gute Kondition, bin auch nicht besonders sportlich. Was ich auf den Touren allerdings gelernt habe, ist durchzuhalten. Wenn der Po (:-)) oder der Rücken wehtut (meine beiden Schwachpunkte), dann fahre ich trotzdem weiter, weil ich das Wehtun mental wegschalten kann. Ebenso wie den Gegenwind und – seit letztem Jahr auch – die Anstiege.
      Aber selbst wenn ich das nicht könnte, dann würde ich eben weniger fahren. Käme es darauf an?

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      1. Es kommt wohl nur darauf an, wie du mit einigermaßen Wohlgefühl die Strecke schaffst. Dass du Erschöpfung und/oder Schmerzen so wegschalten kannst, finde ich beeindruckend. Ich kenne das ein bisschen vom Laufen, wenn ich denke, ich muss jetzt sofort aufhören … und dann ist das ein Punkt, wenn ich da drüber komme, dann geht es wieder weiter.

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  2. ja, deine kondition bewundere ich auch. (ja, die poebene ist eben (sic!), aber trotzdem: boah. in 5 stunden!)

    dein reisebericht weckt in mir von tag zu tag größere lust, in den sommerferien mal ein paar tage alleine rad zufahren. nichts großes, nur von hier aus weg und dann eine große runde. es gibt ja auch hier viele schöne ecken und genug flachland in reichweite. (obwohl ich ja vom elberadweg oä träume. aber klein anfangen ist immerhin ein anfang!)

    alles gute für den rest der fahrt und gutes wiederindenaltagrutschen!

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    1. Ja, das solltest Du machen, wenn es Dich auch in ein Alleinunterwegssein zieht! (Die großen Flussradwege sind gar nicht die, auf denen man das finden kann. Alles was bekannte Namen hat – Elbe, Rhein, Main, Mosel – fand ich überfüllt. Die kleinen Flüsse sind mir immer viel lieber.
      (Und nein, die 5h gehören nicht zu den 100 km, eher zu den 80. Aber nur reine Rollzeit, was der Tacho halt aufzeichnet. Meine Gesamtunterwegszeit ist mindestens anderthalb mal, eher doppelt so lang, damit ich mich behaglich und nicht gehetzt fühle. Essen, Trinken, Schauen, Fotografieren, Schreiben, Schwätzchen und nicht zuletzt auch mal einfach nur wo sitzenbleiben, das brauche ich ganz unbedingt und ganz ausführlich:)

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  3. Alles für dich, was du da unternimmst. Zeugt von einer perfekten Grundstruktur. Woher du die wohl hast. Hat ja nicht jede und nicht jeder.
    Ein Sabbatjahr hätte ich nie können machen, denn ich wusste: einmal an der Freiheit geleckt – und ich hätte mich nie mehr einreihen wollen. Bei dir ist es anders. Also mach!
    Gruß von Sonja

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    1. Hm, ob das so „perfekt“ ist?
      Jedenfalls habe ich in den letzten Jahren einiges über mich und für mich gelernt.
      Und das Sabbat-Jahr, das geht erst – wenn es so sein soll, wie ich es mir (jetzt) vorstelle – wenn die Kinder aus der Schule sind. Nur sollte ich langsam mal überlegen und durchrechnen, wann ich den Antrag stelle.

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