Tag 6: Parma – Mantua

Es waren zwei lange Ritte, die letzten beiden Tage, zweimal über 100 km. Daher war – oder nahm ich mir – dazwischen keine Zeit zum Schreiben. Zumal ich vorgestern abend so wunderbar still auf einem einsamen Agriturismo vor meinem Zelt saß und … eben einfach nur da saß.

Nun mag ich trotzdem noch ein wenig vom vorgestrigen Tag – und danach vom gestrigen – erzählen. Aber am besten, ich fange mit epischer Breite gar nicht erst an. Ein paar Erinnerungstüpfelchen, ungeordnet, ohne roten Faden, das mag passen zu diesen beiden Tagen, an denen ich so viel gefahren bin, dass ich mich mit meinem Fahrrad schon ganz verschmolzen fühle.

Alle möglichen Fäden könnte ich weiter erzählspinnen, wäre mehr Zeit. Zum Beispiel …

… wie ich am Morgen in Parma zu Fuß durch die Stadt gehe, ich muss ja mein Fahrrad aus der Hotelgarage holen, und dabei wie so’ne Italienerin in einer Bar frühstücke, Kaffee und Cornetto, stehend am Thresen, mit „Buona giornata“ verabschiedet werde (immerhin noch nicht mit „Buon lavoro“:)) und bemerke, wie sich in den wenigen Tagen meine Scheu vor dem Fremden in ein wirkliches Hiersein verwandelt hat, ich ganz anders schaue und auf die Menschen, Dinge und Situationen zugehe – und ob Fremdsein derart nicht immer auch in uns selbst begründet ist?

… wie ich bei der Abfahrt ein älteres Radlerpacktaschenpaar treffe, Nr. 9 und 10 oder so, sie anspreche, einfach weil „wir“ so wenige sind, aber die Frau so gar nicht antwortet auf meine Frage, wo sie hinfahren, und ihr Mann auch nicht, und ich noch kilometerlang nachsinne, was da wohl schiefgegangen sein mag in unserer Minikonversation, ob ich Smalltalk eben einfach nicht kann, oder ob die beiden nicht gut unterwegs waren, oder ob ich mir sowas einzuschätzen nicht anmaßen darf, nur weil sie mit mir nicht reden wollten?

… wie ich mich am Wegesrand erstmals in eine Bar traue, in der sonst nur Männer sitzen – ja, ich hatte die letzten Tage eine Hemmschwelle deswegen – und es gar nicht „schlimm“ ist, sondern alle immer sehr freundlich grüßen, manche fragen, und ich hier auch wieder über Fremdsein und Michfremdfühlen nachsinne.

… wie ich mich auf den langen, langen friedlichen Deichwegen in einen – vermutlich dann doch nie geschriebenen – Blogartikel über die Zeit und ihr Vergehen und mein Verstehen und Empfinden derselben hineindenke.

… wie ich in einem kleinen Dorfladen ins Gespräch mit den Inhabern komme – dass das geht, hätte ich vor einer Woche noch nicht gedacht – über mein Unterwegssein und das Sein überhaupt.

… wie ich über viele Kilometer einfach nur vertieft in mir und der Landschaft bin, ohne das Viele und das Schnelle zu spüren, das die heutigen 100 km mit sich bringen.

… wie ich wiederum von einer Pontonbrücke fasziniert bin; ja, die sind technisch nicht unbedingt ein Wunder, aber für mich dennoch ein Faszinosum, wie an Seilen hängende Schwimmkörper einen Flussübergang ermöglichen, wo sonst eine riesige Brücke ins Naturschutzgebiet gehauen werden müsste. Und welche Geräusche die Brücke von sich gibt …

… wie mir in einem Café kurz vor Mantova eine alte Frau ihr Leben erzählt, wobei ich nur grob die Eckpfeiler verstehe, aber wohl an geeigneten Stellen passende italienische Floskeln einwerfe, so weit ich dem Faden eben folgen kann, so dass sie sich am Ende fürs Zuhören bedankt, und wie gut ich italienisch könne – ich winke ab: dass das ja nicht stimme – und ich dann weiterfahre mit dem Gedanken, ob unser Zuhören wohl vom Verstehen der einzelnen Wörter gar nicht abhänge?

… wie ich in die Stadt Mantova einrolle, wo ich schon einmal für einen Tag war, und erschrocken bin über die Touristenfülle und den Lärm und das Treiben und Getriebene in den Gassen, und sofort Fluchtinstinkte entwickle, weil ich mich aus irgendeinem Grund hier – unter so vielen Deutschen und sonstigen Touristen – sofort fremd fühle. Fremder jedenfalls als im Hinterland, auf den Dörfern.

… wie ich beim Verlassen der Stadt einmal mehr – das ist heute mein Thema – über Fremdsein und Dasein nachsinne: ja, ich habe hier in der Woche einiges über mich erfahren.

… wie ich mich auf der Suche nach dem Agriturismo, wo man zelten darf, zwischen meinen beiden Navigationssystemen zerrissen fühle, den – wie ich meine – vernünftigen Mittelweg zwischen beiden Anzeigen wähle und damit erst recht in der Pampa lande, was mir eine schöne Kanalfahrt beschert, einmal mit, einmal gegen die untergehende Sonne, allerdings mit eklig ins Gesicht fliegenden Insekten, und mich erst nach 8 Uhr beim Bauernhof anklopfen lässt.

… wie ich, auf meine Fertigsuppe wartend, mit dem Wirt ins Gespräch komme, und dem neben mir zeltenden holländischen Paar, wie der Wirt dann einen Wein aus seinem Keller holt, und einen hausgebackenen Kuchen, und wie wir dort auf dem Hof der untergehenden Sonne zuschauen, trinken, reden, und alles, alles gerade sehr gut ist.

… wie ich, als die anderen schlafen gegangen sind, mit meiner Suppe und dem vom Wirt geschenkten Bier und meiner Stirnlampe in der absoluten Dunkelheit sitze und es weiterhin sehr gut ist …

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