Tag 5: Cremona – Parma

Im Zelt zu schlafen ist ja doch das Beste. Erstaunlich, wie viele Jahre meines Lebens ich das vergessen hatte, und wie sehr ich jetzt darin auflebe. Jedes Mal, wenn ich mich in mein Zelt lege, und jedes Mal, wenn ich darin aufwache, fühlt es sich einfach nur gut an.

Auch, als am frühen Morgen leise Regentropfen auf mein Zeltdach klopfen. Wie gut, denke ich, dann kommt das von der WetterApp für 7 Uhr angekündigte Gewitter früher, und ich kann nachher in Ruhe und trocken einpacken.

Doch es regnet sich ein. Aber sowas von. Dabei sagt die App ihre Gewitter erst wieder für 11 und für 17 Uhr voraus, dazwischen sei es nur wolkig. Bisher hatte genau diese App auf meinen Reisen immer Recht; ich will naiv sein und das auch heute glauben. Ja, ich werde nicht müde zu hoffen.
Mittlerweile schreibe ich, lese, tagträume, telefoniere natürlich mit der Tochter (denn die wird heute 10; erstmals verbringen wir ihren Geburtstag nicht zusammen, haben aber ein wunderbares Morgentelefongespräch, in dem sie plötzlich soooo groß wirkt), und hoffe immer noch. Erst als es auf 10 zugeht, ich alles im Zelt eingepackt habe und der Regen unverdrossen weiterklopft, entscheide ich abzubauen. Alles ist pitschnass, der Boden sandig und das Einpacken entsprechend bäh. Und es regnet und regnet …

Ein paar Minuten prokrastiniere ich noch in der Campingplatzklause – eine sehr spezielle Atmosphäre, da lauter alte Männer sich den Spielautomaten und dem Rotwein hingeben: ich staune – doch dann steige ich aufs Rad. Es regnet, es ist nass, was soll’s. In der ersten Unterführung ziehe ich meine „Mondfahrtkluft“ an, Regenkleidung von oben bis unten; von da ab werde ich nur noch von innen durchs Schwitzen nass. Und an den Händen und im Gesicht.

Was soll ich von diesem Tag erzählen? Es bleibt so, es regnet bis in den Abend hinein. So viele Stunden Dauerregen, zum Teil gießkannenartig, hatte ich auf meinen Touren noch nie. Ich ahne es, als ich losfahre. Es bleibt in mir trotzdem ruhig, es brausen keine hadernden Emotionen auf. Schon auf den ersten Metern wird das Rollen im Regen zu einem Seinszustand, der eben so ist wie er ist. Am meisten bedauere ich, dass ich nur wenige Fotos mache, weil ich Kamera und Handy nicht ständig in die Nässe zerren kann. Dabei sieht das nebligtrübe Grün an vielen Stellen einfach nur nach Fotografierenmüssen aus. Das ist schade, mehr nicht.

Der Rest ist Sichfügen, Sichhineinfallenlassen, Einfachfahren. Und wenn es nötig ist, kurzes Innehalten. Einmal treffe ich die drei Radlerinnen von neulich, ich darf mich für ein paar Kilometer „anhängen“, es tut gut, mich in ein fremdes Tempo zu fügen. (Über Zeit und Zeitgefühl, über Geschwindigkeiten auf Reisen und im Leben wäre ein andermal zu schreiben.) Und ich werde zum Pizzamittagessen eingeladen – vielen Dank!
Ein andermal entscheide ich selbst, jetzt einen Kaffee zu brauchen. Der wärmt auch mental, der lässt mich kurz aufatmen und verschafft dem Gesicht eine kurze Pause vor dem peitschenden Regen. Und dann fahre ich weiter, und weiter, und weiter.

Natürlich wäre es in sonnigem Wetter schöner. Wobei: was heißt eigentlich „schöner“? Ich würde vielleicht nicht an den Händen frieren, es wäre vielleicht ein wenig komfortabler im Gesicht und auf der Brille, wo mir klatschende Tropfen die Sicht und das Wärmegefühl nehmen, ich bräuchte keinen Scheibenwischer fürs Navi (wer von Euch erfindet den bald mal?), und die rechte Galosche wäre am Ende des Tages nicht undicht geworden, zumal ich sie dann gar nicht getragen hätte. Was also heißt „schöner“?

Letztlich bin ich hier sehr bequem, sehr im Komfort unterwegs. Für abends habe ich ein bezahlbares Zimmer in Parma reserviert, ich weiß also schon, dass ich im Trockenen ankommen darf. Es ist nicht kalt. Ich werde nicht tage- oder wochenlang im Regen fahren. Frau Soso schreibt mir auf Twitter in diesen Regentag hinein: Du tust das für Dich. Du kannst jederzeit abbrechen. Es ist alles gut wie es ist. So ungefähr schreibt sie. Ich spüre das, ich weiß das. Und trotzdem tut es gut, es noch einmal von außen gesagt zu bekommen.

Ich denke an Herrn Irgendlink, der auf seiner Nordseeumrundung in wochenlangen Regenzeiten und vor kurzem wieder in Schneekälte ausharrte. Und an die Menschen dieser Welt, die – im Unterschied zu uns Wahlreisenden – überhaupt nicht selbst entscheiden dürfen, ob sie im Regen unterwegs sein wollen oder nicht. Und das nicht nur für einen Tag, sondern ein Leben lang.

Es geht mir gut, ja. Insbesondere natürlich, als kurz vor Parma der Regen aufhört. Ich ziehe Galoschen, Handschuhe, Regenhosen aus und drapiere all das zum Trocknen auf meinem Fahrrad. In die Stadt hinein fahre ich als wandelnder Wäscheständer. Die Passanten mögen ihre optische Freude an mir haben. Ich meinerseits habe auch Freude, weil mich das Verkehrschaos erstmals nicht nervt, sondern – O-Busse und Straßenbild sei Dank – irgendwie an Russland erinnert. Echt jetzt. Ich fühle mich allein aus diesem Grund plötzlich sehr beschwingt:)

In der Stadt dann wartet mein Zimmer. Genau genommen wartet ein furchtbar umständlicher Check-in-Prozess. Beim Buchen hatte ich übersehen, dass diese Ferienappartments angebunden sind an ein Hotel, wohin man wiederum zum Check-in fahren muss, wobei das Hotel natürlich an einer Hauptstraße ohne Radabstellmöglichkeit liegt, das Appartment wiederum kann das Radl nicht beherbergen, während die Autogarage des Hotels mir zur Verfügung stünde, aber wiederum ist die weit entfernt, er könne ja mich und mein Gepäck mit dem Auto transportieren, nein danke, ich mache das schon selbst … ach, es war selten so kompliziert mit dem Beziehen eines Übernachtungszimmers.

Aber nun bin ich drin. Es ist trocken, das Radl steht notdürftig mit Kettenschmiere versorgt in der Garage, das Zimmer hat Fliesen und ist riesig (diese beiden Tatsachen sind von besonderer Bedeutung, wenn man sich erinnert, dass ich ein klitschnasses Zelt und zahlreiche durchnässte Kleidungs- und Gepäckstücke mit mir führe und zu trocknen wünsche), und letztlich wohne ich mitten in der Stadt.

Ich breite meine Zeltplanen und alles Durchnässte im Zimmer aus, dusche und wandle los in diese mondäne Stadt. Sie ist irgendwie unnahbar, so riesig, so vornehm, so unüberschaubar. Mag sein, dass das nur mein spätabendlicher Eindruck ist. Mehr als an den anderen Orten jedenfalls spüre ich hier mein Fremdsein. Ich irre in den dunklen Gassen umher und sehe das Gebäude eines faszinierenden Doms, ohne dass sich mir ringsum das Leben erschließt. Aber gut, ich bin natürlich viel zu kurz hier. Letztlich jedenfalls gibt auch diese unnahbare Stadt mir etwas zu essen. Ich hatte lange suchen müssen.

Und dann kehre ich in mein Zimmer zurück, welches „Residenz“ heißt, und sich auch so anfühlt. Eine fremde Welt, dieses Mobiliar, diese Atmosphäre, dieses Vornehme. Falls es mir heute Nacht zu arg wird in der „Residenz“, kann ich mir ja immer noch mein Zelt im Zimmer aufbauen. Groß genug ist es, das Zimmer. Im Zelt im Zimmer, da ließe sich sicher ganz wunderbar schlafen. Womit wir wieder am Anfang des Textes wären … 

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6 Kommentare

  1. Hoffentlich kannst du diese innere Ruhehaltung bewahren. Mich erinnert dein Text an unsre Pilgerwanderung auf den Gotthard. An diesen Starkregen auf den Gotthard hinauf und wie ich im Einklang mit mir war. Es ist, wie es ist. Mit ähnlichen Gedanken, wie du sie beschreibst.

    Besseres Wetter wünsch ich dir trotzdem!

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  2. Ich lese Dich unwahrscheinlich gerne, Deine Texte bringen mich so wunderbar zur Ruhe. Doch in den letzten Tagen meine ich, obendrein eine zunehmende innere Gelassenheit zu spüren. Du scheinst Deinen inneren Gleichklang gefunden zu haben. Hmh, meine Worte können leider nicht wirlich beschreiben, was ich meine…

    Jedenfalls freue ich mich für Dich und wünsche Dir noch eine besinnliche Weiterfahrt. Danke, daß Du uns an Deiner Reise so teilhaben läßt! <3

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    1. Ich glaube, ich verstehe, was Du meinst. Spüre es ja selbst. Ja, eine Veränderung. Wobei ich glaube, dass die gar nicht in dieser Reise begründet ist, sondern zu Hause, vorher schon, so im Alltag und überall.
      Dir wünsche ich gerade auch ein wunderbares Unterwegssein. Ich denke an Dich …

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    1. Upps, warum waren denn Ihre ganzen Kommentare im Spam gelandet … das tut mir leid. Jetzt habe ich sie gefunden.
      (Wenn sich wordpress und blogspot nicht so gegenseitig im Weg stehen würden …)

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