Tag 4: Piacenza – Cremona

Immer später wird es bei mir morgens. Zwar muss ich in der Herberge schon bis 9 gefrühstückt haben – ein karges italienisches Frühstück mit Keks, Zwieback, abgepacktem Cornetto und einem immerhin guten Cappuccino, für den das Aufstehen dann doch lohnt – doch dann packe ich in aller Ruhe, schreibe, suche nächste Unterkünfte, alles noch im Ostello-Wlan. Es ist fast mittags, als ich aufbreche. Zunächst in die Stadt, ich muss auf dem Weg zur Po-Brücke eh mitten hindurch

Wie gut, dass ich gestern schon durch die Gassen geschlendert bin. Heute ist dort Markt, allüberall. Voll, eng, kaum zum Durchschieben, und das in der gesamten Fußgängerzone. Zwischenzeitlich bin ich mit meinem Rad so in den Gassen verkeilt, dass ich kaum noch weiß, wo oben und unten ist und ob ich je wieder hinausfinde. — Doch, es gelingt letztlich. Darauf einen zweiten Kaffee an einer ruhigen Ecke des Marktes. Und einen wiederum langen Blogpost fertigschreiben. Die Länge meiner Posts verhält sich offenbar umgekehrt proportional zur Tagesstrecke. (Wenn dem so ist, dann kommen jetzt bald Tage mit weit kürzeren Posts:))

Heute ist nochmal Kurzstrecke. Aus den 50 Kartenkilometern werden zwar durch Verfahren letztlich 60 (was??? so viel verfahren???), doch ich bin trotz der erst nachmittäglichen Abfahrt in aller Ruhe gegen 6 Uhr in Cremona.

Ja, verfahren habe ich mich heute. Ein Novum auf dieser Tour. Es war gerade so ein angenehmer Zustand, ich fahre ohne Karte, ohne Navi, ohne Kilometerzähler, ohne Wetterbericht, einfach geräte- und techniklos vor mich hin, immer auf dem Deich. Man kann gar nicht falsch abbiegen, zumal der „Ciclovia del Po“ hier komfortabel ausgeschildert ist, ist ja einfach. Bis zu der Stelle, wo aus deM Deich ein blätterteigartiges Deichverzweige wird, wo sich selbst die Radwegeschilder nicht entscheiden können, wo es ständig die Wahl zwischen rechts und links oder zwischen Schotter und Straße gibt, und wo ich mich offenbar einmal zuviel für Schotter entscheide. Schwupp, bin ich im Niemandshinterland. Traumlandschaft, Mohn wie überall, Felder, Deiche, Gebüsch, Rehe, Vögel, all das. Aber kein Ort mehr in Sicht. Und keinerlei Übereinstimmung der Wege und Himmelsrichtungen und Kartenangaben. Oben hängen mittlerweile düstere Gewitterwolken, und ich weiß nicht, wo ich bin. Schalte also doch das Navi ein und fitzele mich mit seiner Hilfe durch wildeste Gebüschlandschaften zurück in die dörfliche Zivilisation. Es gelingt. Wenn ich in diese auch auf sehr ungewöhnliche Art einfalle. Ich komme nämlich – unbemerkt – durch die Hintertür in einen Landwirtschaftsbetrieb, stehe plötzlich mitten zwischen Kuhställen und Traktordepots und muss nur noch zum Tor hinausmarschieren. Die Bauern und die Kühe schauen gleichermaßen verdutzt.
Jedenfalls: Ich habe meinen Weg wieder. Er schickt mich an einem riesigen Castello vorbei, baut mir ein paar Brücken über Nebenflüsschen und Kanäle, führt immer wieder auf Schotterdeichen entlang und lässt mich sehr unvermittelt im Stadtzentrum von Cremona stehen. „Unvermittelt“ natürlich nur scheinbar, es fühlt sich so an. Das mag mit meinem heute verträumten Zustand zusammenhängen. Die Zeit und ihr Verstreichen spüre ich kaum, die Kilometer auch nicht.

Hier in Cremona beginne ich mich zu erinnern: wir waren schon einmal für eine Übernachtung hier, haben in einer Pizzeria gegessen, welche darum heute Abend auch die meine werden wird. All die riesigen Gebäude und Fassaden sind mir noch dunkel in Erinnerung, ich schlendere eine Runde durch die Stadt, bevor ich den Zeltplatz suche. Dieser liegt nicht weit, aber doch abseits genug, hinter dem Po-Deich, so dass man sich in der Einöde wähnt.
Ich treffe drei radelnde Frauen und ein radelndes Paar, alles Deutsche, wir tauschen Übernachtungstipps aus und die Tageserlebnisse. Ich baue mein Zelt auf, staune über die Stehtoiletten – Erinnerungen an Bulgarienurlaube in den 80ern werden wach – bin fasziniert von der Heruntergekommenheit dieses Zeltplatzes und der auf ihm dauercampenden Wohnwagen und freue mich auf die Nacht an der frischen Luft. Es soll regnen. Mal schauen, wie sehr.
(Vorher muss ich noch das Zeltplatztor überwinden. Es soll um 23 Uhr schließen. Pünktlich gegen 22.38 stehe ich davor, und – es ist zu! Von gestern bin ich ausdauerndes Klingeln ja geübt. Tatsächlich, nach wenigen Minuten schlappt jemand mürrisch im Bademantel daher und öffnet. Uiuiui, die um 23 Uhr schließenden Tore sollte man also schon ernst nehmen.)

Übrigens fahre ich heute mehrfach gegen Einbahnstraßen und über rote Ampeln. Vermutlich machte ich das schon früher und öfter, aber im Moment fällt es mir auf. Ist doch dieses Verkehrsthema irgendwie aufgeploppt in unseren Twitter-Unterhaltungen. Ich war mir nicht bewusst, wie alien-artig ich anscheinend wirke, wenn ich von mir sage, dass ich quasi nie über rote Ampeln gehe. So genau habe ich mich dabei bisher gar nicht beobachtet, und schon gar nicht über die Hintergründe reflektiert. Erst heute, als sie staunten und sich verwunderten und mein Brav-vor-roten-Ampeln-warten gar mit Gesetzestreue in Zusammenhang gebracht wurde, begann ich darüber nachzudenken.
Ja, warum bin ich eigentlich so? Als ersten Grund nannte ich spontan die Kinder. Mit denen könnte diese Gewohnheit natürlich zusammenhängen. Sind doch Kinder erst nach ein paar Jahren in der Lage, ihre Impulse in der Verkehrssituation ausreichend zu kontrollieren und dann einzuschätzen, wann wirkliche Gefahr droht und wann nicht, wie schnell sich etwa ein Auto nähert und ob man es noch schafft. Der Sohn erreichte diese Reife ca. mit zehn, die Tochter mit sechs, schätze ich. Also war ich für die Kinder etwa zehn Jahre lang das Rote-Ampel=No-go-Vorbild. Erst jetzt allmählich kann ich das auflösen und tue es auch.
Und trotzdem stehe ich brav an roten Ampeln. Nicht mehr wegen der Kinder also, und schon gar nicht wegen Gesetzestreue, oh nein. Gerade im Straßenverkehr schaffe ich mir allzuoft meine eigenen Regeln; so oft (und zuweilen unbedacht) jedenfalls, dass die Bußgeldstellen gut an mir verdienen. Zu Studentenzeiten war ich die, die mit Freunden zusammen nachts Verkehrsschilder abschraubte und an anderen Stellen wieder anbrachte, damit wir von nun an besser zu unserem Wohnheim fahren konnten. Warum also dann gehe ich nicht oder sehr selten über rote Ampeln?
Hm, darüber habe ich heute erstmals nachgedacht. Ich glaube, meist bin ich einfach verträumt. Der rote-Ampel=steh-Reflex wirkt noch tief aus der Kindheit, wurde jetzt durch die eigenen Kinder kräftig aufgefrischt, und dann stehe ich eben träumend vor einer roten Ampel, ganz automatisiert. Und wenn grün wird, laufe ich automatisiert los. Ich denke darüber nicht nach, ich stehe da, ohne es zu merken.
Ich sehe ja auch gar keinen Grund, bei rot loszulaufen. Warum denn? Was ist auf der anderen Seite besser als auf dieser? Warum sollte ich nicht stehenbleiben? Zeit verliere ich? Nein, so erlebe ich das nicht. Das war eine der wichtigsten Lektionen meines Russlandjahres: Zeit lässt sich nicht verlieren. Sie ist immer noch da, auf dieser oder auf jener Seite.
Also: Ich glaube, ich werde weiterhin an roten Ampeln stehen, weil ich keinen Grund sehe, dies nicht zu tun. Nennt es einfach Marotte. Und wenn es Euch stört, langweilt oder unverständig scheint, dann geht doch schonmal ohne mich auf die andere Seite. Es wäre schön, wenn Ihr dort auf mich warten würdet, bis auch ich – bei Grün dann – die Straße überquere. Dann können wir nämlich zusammen lachen, über mich und diese meine Marotte. So jedenfalls gehen meine Kinder damit um. Sie lachen über mich, ich mit ihnen, und wir haben wunderbar lustige Momente zusammen.

Übrigens habe ich natürlich auch Marotten, welche mich selbst stören und schmerzen – oder heißen sie dann nicht mehr einfach Marotten? Jedenfalls: Im Gegensatz zum Rote-Ampel-Tick würde ich über diese wirklich tiefgehenden, mich schmerzenden Seltsamkeiten nie flapsig irgendwo in der Öffentlichkeit schreiben. Ich wage sie ja kaum meinem Tagebuch anzuvertrauen. Heute während meiner Deichfahrt habe ich über eine von ihnen nachgesonnen. Da ist noch vieles zu erlösen. Aber nicht hier, nicht jetzt, das muss erstmal in mir selbst reifen. Heute begann mein Kopf während des Radelns ein wenig an dem Thema herumzukneten, es ist ein Anfang. — Und wenn das rote-Ampel-Gespräch nur dafür gut gewesen sein sollte …

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16 Kommentare

  1. Ein schöner Text, gerade auch die Ampel-Überlegungen.
    „Was ist drüben besser als hier?“
    Eine lapidare Frage, die ich ganz spannend finde. Dazu passt ein Buch, welches ich gerade lese, wo es um die Unterscheidung von Uhrzeit und Naturzeit geht und wie wir das Leben in beiden Sphären ausbalanciert bekommen.
    Danke, dass du dir Urlaubszeit zum Bloggen nimmst.

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  2. fein, dein text!!!
    schön, mal wieder eine radreise von dir -lesenderweise- miterleben zu dürfen!
    angenehmes wetter, nette begegnungen, heile reifen, schöne erkenntnisse – wünsche ich dir.

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  3. „Zeit lässt sich nicht verlieren. Sie ist immer noch da, auf dieser oder auf jener Seite.“

    Stimmt. Sonderbares Ding, diese Zeit. Und das mit den Gesetzen: auch sonderbar, daß ich mich an einige halte uns auf andere pfeife.

    Mancher Umweg, glaube ich, ist notwendig. Einfach für das gute Gefühl.

    Gefällt 2 Personen

  4. Hihi. Ein feiner Text. Und natürlich war das auf Twitter nur Neckerei, denn alle haben ja diese Marotten. Ich zum Beispiel probiere gerne das Gegenteil aus von dem, was „man“ so macht, und wie „man“ es eben macht. Ich gehe gerne ans Limit (gerade in verkehrstechnischen Belangen). Um Zeit geht es nicht, mehr darum mich nicht von Regeln einengen lassen zu wollen.
    Eine Form von Selbstbestimmung vermutlich?

    Und ja, da gibt’s noch viel zu befreien in uns – allen.

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    1. Wann immer wir in Zukunft gemeinsam Ampeln überqueren werden – wir werden doch gar nicht mehr anders können als aufzumerken;-)
      Es ist spannend, sich selbst in solchen Dingen zu beobachten. Vielleicht verrrät unser Alltagsverhalten uns mehr über uns selbst als so manch anderes?

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  5. du, ich geh auch nicht bei rot. dafür aber dann, wenn ich keine geduld zu warten oder den schlenker zu gehen habe, 20 meter weiter, unbeampelt über die strasse. jedem tierchen sein plaisierchen.
    schöne gedanken hast du dazu geschrieben, grad die mit der zeit/anderen seite.

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