Tag 3: Castel San Giovanni – Piacenza

Immer wenn mir auf Reisen zu einem Tag zunächst nicht viel einfällt, wenn mir scheint, ich hätte kaum etwas wahrgenommen, jedenfalls nichts Aufregendes, das ich als erzählenswert ansehe, wenn alles einfach so dahinfloss und -fließt, dann bin ich hier. Hier angekommen. Oder wie immer man das nennt, wenn nicht viel Neues, nicht viel Auffälliges den Tag durchsetzt, sondern wenn alles so ist wie es ist. Dann hat der wunderbare Zustand des reisenden Seins eingesetzt, des Ruhens im Unterwegssein.

Und doch war und ist da natürlich etwas an solchen Tagen. Vieles sogar. Zum Beispiel abwechslungsreiches Wegpflaster. Verschiedenartigster Schotter wird mir unter die Reifen gelegt. Über viele Kilometer ein besonders unangenehmer, der mehr als 9-11 km/h kaum zulässt, bei dem ich um meine Reifen fürchte und der so lose auf dem sandigen Untergrund verstreut liegt, dass die vom Reifen weggepeitschten spitzen Steine sicher zahlreiche Frösche und Kröten am Wegesrand erschlagen. (Am Ausgang dieses Schotterdeichweges treffe ich dann übrigens auf eine radlersichere Schranke. Ich hätte gar nicht auf dem Weg sein dürfen, stelle ich an seinem Ende fest. Es bleibt nichts andres übrig als unter der Schranke hindurchzuklettern.) Holperasphalt wie an den vergangenen Tagen gibt es natürlich auch. Auf Straßen und auf zahlreichen asphaltierten Deichkilometern gibt es Untergrundabwechslung. In völlig undurchschaubarem Rhythmus folgt Gutasphalt auf Schlechtasphalt auf Gutasphalt usw.

Ich nehme es, wie es kommt. Ja, auch das ein Zeichen des Ruhens im Unterwegssein. Wenn ich nicht mehr hadere, nicht ob der Wind gegen mich oder mit mir ist, nicht ob Schotter Schotter ist und Asphalt gut oder schlecht, nicht dass die Sonne heiß und der Regen nass ist, wenn mich all das nicht mehr erregt oder gar aufregt, sondern wenn ich einfach fahre und fahre und fahre, wenn es mein Tempo und mein Rhythmus geworden ist, wenn mein Treten mit mir zusammen klingt, wenn die Begriffe Anstrengung und Geschwindigkeit aus dem Denken und Fühlen verschwunden sind … dann ist jeder Straßenbelag, jede Tachoanzeige egal geworden. Dann bin ich da.

Na gut, ich gebe zu, der Schotter sorgt mich trotzdem. Weil ich um die Reifen fürchte. Eine Reifenpanne – nein, das wäre doch nicht ganz mein Fluss. Aber, wäre sie denn da, würde ich sie vielleicht einbauen in dieses Fließen? Könnte ich das, so ganz im Innern? Ich weiß es nicht. Es  kam zum Glück bisher nicht dazu. Seit 6000 km sind die Reifen mir freundlich gesinnt. Aber eines Tages wird sich mir diese Frage beantworten.

Ich bin also im Fahren angekommen. Durch die Landschaft gleiten, ohne zu spüren (und zu wollen und anzustreben), dass es vorwärts geht. Die wilden Mohnblüten, die den Wegesrand fluten, das ungestüm-schöne in die Fahrbahn hineinragende Unkraut, die Weiten der unendlichen Ebene, dahinter am südlichen Horizont die Schemen von Bergen, der Fluss, das Grün, die einsamen Gehöfte, das alles. Das ist Da-sein in der Landschaft.

Oder ist es nicht eigentlich Da-sein in meinem Leben? Puh, was für ein großes Wort. Und doch: Es ist ja mein Leben, das hier um mich ist. In meinem Kopf trage ich viele Dinge von Zuhause mit mir, neben dem Hiesigen. Der Kopf tut, was er immer tut: er arbeitet und verarbeitet, bedenkt und zerdenkt, sortiert und konstruiert, schafft sich und mir in jedem Moment eine eigene Welt. (Viele dieser Welten werden nie nach außen sichtbar werden, ja werden auch mir selbst wieder verfliegen.). Mein Körper arbeitet auf seine Weise. Das tut ihm gut, weil er zu Hause oft zu wenig zu tun hat, weil er meist wenig beachtet ist. Und mein Ich, meine Seele, mein Herz, wie immer ich mein Ich mit einem Namen versehen könnte, dieses Ich ist in sich und in allem, ist hier und dort gleichzeitig, ist mit sich stimmig. Es ist einfach, das Ich. Wenn ich nun weitere Worte suche, dann beginnt es vielleicht kitschig zu klingen, oder esoterisch. Dann zerrede ich das Kostbare. Also höre ich mit diesem Faden besser auf.

Übrigens, weil ich vorhin vom Mich-Fügen in den Weg schrieb: Immer dann, wenn ich beginne mich hineinzufinden, dann findet der Weg auf wundersame Weise zu mir. Heute zum Beispiel hat er mir zum Ende hin ein langes glattes Stück Deichradweg hingelegt, das sich quasi von allein fuhr. Er schenkte eine sichere Einfahrt in die Stadt, auf einer von der Straße abgegrenzten Radspur über die Pobrücke, ohne ein Fünkchen Gefahr – im Kontrast zur Angstbrückenüberquerung am Morgen – und er führte mich (falknavi-gelenkt) auf gutruhigen Radwegen bis in die Herberge. So wie auf den letzten Kilometern erlebte ich Radwege hier noch nicht, so kenne ich sie nur von zu Hause.

Ich vergleiche also. Alles ist voller Vergleiche, dauernd ziehe ich das Heimische heran, um das Hiesige einzuordnen. Heute zum Beispiel kamen mir auf dem Deichweg abgeerntete braungrüne Felder entgegen. Strohrollen, wie wir sie von Spätsommerbildern kennen. Hier gehört das Bild in den Mai. Alles ist anders.

Alles ist anders. Das erlebe ich bei dieser Reise durchs fremde Land viel mehr noch, als ich vorher vermutete. Es ist ja nicht nur die Sprache. Diese wage ich inzwischen zu benutzen, es klappt, ich werde beim Wichtigsten verstanden, ich verstehe das Wichtigste. Sogar eine Mail an eine Unterkunft schrieb ich auf italienisch. Anders ist das ganze Sein. Weniger noch als in den Dörfern kann ich etwa in das Leben der Menschen in der Stadt hineinschauen. Am Abend leert sich die Innenstadt, man spürt nicht, dass hier jemand wohnt. Die Pizzerias und Trattorias sind auf Touristenfang aus, sie winken mir zu, ich winke ab. Das sind nicht die Orte, wo ich sein möchte. Ich mache ein paar Fotos von Dom, Plätzen und Palästen, aber echtes Leben finde ich hier am Abend nicht. Wo leben die Menschen? Auf dem Heimweg zur Herberge führt mich meine Spürnase für die Essensquellen der Einheimischen in ein unscheinbares Eckkneipchen mit karierten Tischdecken. Hierher kommen die Leute von der Arbeit, hier gibt es leckerste Pizza, hier reden alle mit- und durcheinander, hier pulsiert das Feierabendtreiben, und hier werde ich bedient. Lächelnd und umgehend, und nicht wie neulich nach endlosem Warten. Hier ist ein echter Ort. Und doch bleibe ich die Fremde. Jedenfalls vom inneren Gefühl her. Von außen – das fällt mir jetzt beim Schreiben erst auf – starrt mich niemand an, fragt mich niemand. Ich scheine in die Runde der Feierabendmachenden aufgenommen.

Die Fremde bin ich dann wieder in der Herberge. Ich übernachte dort fast allein. Warum ist hier sonst niemand? Für den witzigen Preis von 25,38€ – ja, man kann spekulieren, ob das an Steuer, Rabatt, Seniorenermäßigung oder einfach am Zufall liegt – darf ich hier schlafen und frühstücken. Bloß eines darf ich nicht: Später als 23 Uhr heimkommen. Das allerdings sagt man mir nicht, das hätte ich doch sonst verstanden. Jedenfalls stehe ich um 23.15 vor verschlossenem Tor. Sowas von verschlossen, das hätte ich mir so nicht ausmalen können. Vielleicht ist es Glück, dass ich ein Bier und einen halben Liter Wein getrunken habe, denn ich sehe meine Lage zu keinem Zeitpunkt als aussichtslos an. Die Nachtwächtertelefonnummer funktioniert zwar nicht, und auf das Klingeln reagiert zunächst niemand, aber der Zaun ist nicht unüberkletterbar, denke ich. Als ich gerade probieren will, reagiert doch jemand aufs Klingeln. Versteht aber offenbar mein Problem nicht, denn auf sein „un attimo“ passiert wiederum eine Viertelstunde lang nichts. Ich entscheide mich für erneutes Klingeln und schildere meine Lage noch einmal in holprigstem Italienisch. Aha. Jetzt versteht er. Und kommt sogleich. Ein junger Angestellter, der in der Herberge wohnt. Er entschuldigt sich tausendfach, dass er mich beim ersten Klingeln nicht verstanden habe, ich entschuldige mich tausendfach, dass ich die 23-Uhr-Regel nicht mitbekommen habe, wir entschuldigen uns ein Weilchen hin und her, und dann – nachdem auch noch die Haustür verschlossen ist und er mich durch die Labyrinthgänge eines Bedienstetentraktes in mein Zimmer führt – liege ich endlich in meinem Bett. Da war schon der Gedanke in mir aufgeflackert, dass ich im Freien übernachten müsse. Jedoch tief im Innern war irgendwie Gewissheit, dass es einen Weg ins Haus hinein geben müsse. Solch eine Gewissheit könnte man doch öfter im Leben gebrauchen …

Eine durch Schlafen im Freien ausgelöste Polizeibegegnung bleibt mir also erspart. Auch auf andere Weise komme ich mit der Miliz nicht in Berührung. Obwohl ich heute beginne über rote Ampeln zu fahren. Im Pulk noch, aber es ist ein Anfang. Obwohl ich in der Stadt stets gegen die Einbahnstraße fahre. Wie es alle machen, vermutlich weil man dann nicht gefährlich nah von Autos überholt wird. Obwohl ich in der Fußgängerzone fahre. Obwohl ich unter Alkoholeinfluss fahre. All das bleibt unauffällig und unbehelligt. Dabei hatte ich gehört, dass ausländische Verkehrssündigende hier gern drakonische Strafen zahlen? Mal schauen. Bisher hat mich die Miliz jedenfalls geflissentlich übersehen.

Und nun breche ich auf und gebe ihr neue Gelegenheit, mich wahrzunehmen …

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