Tag 2: Pavia – Castel San Giovanni

Aus wunderbarstem Zeltschlaf von Vögeln und Sonne geweckt werden, wolkigblauer Himmel, Bäumerauschen, der Fluss in der Ferne …

Bis dann der Zeltplatz, die Nachbarn mit den kreischenden Kindern, die Autos und überhaupt alles erwacht. Ein Fastinnenstadtzeltplatz, die Stadt pulsiert (Pfingstmontag ist hier kein Feiertag) – ich entscheide mich für schnellen Aufbruch. Ich habe keine Lust, inmitten der ringsum einpackenden Unruhe zu kochen, frühstücke lieber auf dem Marktplatz.

Dort sitzt es sich besser, ruhiger, gelassener, ich bleibe lange dort, unter den Arkaden des Straßencafés. Schreibe den gestrigen Blogpost und suche mir für abends ein Zimmer, was nicht einfach ist. Es gibt keine Campings, es gibt nur verlassene Dörfer. Nachdem ich gestern durch etliche gefahren bin, hoffe ich auf ein Quartier am Wegesrand besser nicht. Also buche ich per Internet und nach einiger Suche ein Zimmerchen, etwas ab vom Wege, südlich des Po. Dass dies nicht die günstigste Lage ist, überschaue ich im Moment noch nicht.

Jetzt trinke ich Kaffee und atme Sonne ein. Erst nach 12 Uhr breche ich auf, es fühlt sich gemächlich an, da es wie gestern nur um die 60 Kilometer sein werden. Was ich noch nicht weiß: der Weg führt heute zumeist über kleine Landstraßen, es gibt kaum Radwege. Und kleine Landstraßen bedeuten Asphalt etwa aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts, geschätzt. Dutzende Sommer und Winter hatten Gelegenheit, die Oberfläche mit Rissen, Spalten, kindskopfgroßen Löchern zu durchfurchen. Als Fotosujet ergäben sich wunderbare Strukturen. Aber ich habe, da ich mich hindurchrüttele, keinen Nerv dafür. Über weite Strecken des Tages fände ich die Fortbewegungsbezeichnung Rumpeln sehr treffend. (Bei der Gelegenheit fällt mir auf, dass meine Vordertaschen immer noch so klappern wie letzten Sommer. Nicht, dass ich fast ein Jahr Zeit gehabt hätte, dies zu richten …)

Glücklicherweise bin ich auf den kleinen Straßen meist ganz allein und kann nicht nur meinen Weg frei durch die Asphaltfurchen wählen (oft ist die Straßenmitte die einzig fahrbare Spur), sondern mich auch ungestört in die Landschaft vertiefen. Flach, flacher, am flachesten. Mohnblumen wohin man blickt. Hin und wieder Bäume. (Nur gut, dass wir nie im Sommer die Idee hatten hierherzufahren. Unschattig sind auch 20 Grad warm genug.) Verlassene Ortschaften. Stille Ruinen. Reisfelder und sonstige Landwirtschaft. Der Weg auf dem Deich. Kaum Menschen. Selbst die am Nachmittag aus den Schulbussen ausgeschütteten Kinderscharen verlaufen sich schnell in den Gassen, und alsbald ist es wieder menschenleer.

Erst spätnachmittags, und nur in den Bars an den Dorfplätzen wird es belebter. Dort trifft man sich, dort treffen die Männer sich. Wirklich, ich sehe keine Frauen. Und ich stelle mal wieder fest, an wie vielen kleinen Details sich Fremdsein festmacht. Ich weiß schlicht gar nichts über das Leben in den italienischen Dörfern, wie es sich anfühlen mag, hier seine Tage zu verbringen, was die Menschen umtreibt, wovon sie leben, was sie beschäftigt. Ich rolle hindurch, werfe meine Blicke auf die sichtbare Oberfläche und kann nichts, aber wirklich fast nichts einordnen.

Umgekehrt geht es denen, die mich beobachten, wohl ähnlich. Einige Male werde ich im Laufe der beiden Tage angesprochen, auch das ausschließlich von Männern. Meist kommt die Woher-Wohin-Frage, es geht um ein paar Details des Reisens. Dafür, dass ich Italienisch nur vom Zuhören während des Urlaubs gelernt habe, schlage ich mich wacker, finde ich. Verstehe in Grundzügen und kann wohl meist sagen, was ich meine. (Hoffe ich. Dass ich auf die Woher-Frage immer „di Germania“ sage und die dann wohl glauben, ich sei von dort bis hierher geradelt, dafür kann ich nichts:))
Aber für weitere, tiefere Gespräche reicht es leider nicht in Ansätzen. Denn die häufigste erstaunte Frage ist die nach meinem Alleinreisen. Gern würde ich mein knappes „Si“ ein wenig kommentieren, das vermag ich aber nicht. So bleiben meine Gegenüber mit ihrem Erstaunen stehen, und ich kann nichts dagegen machen. Gestern etwa bekam ich einen Kommentar mit „forza“, „coraggio“ und „violenta“. Insbesondere letzteres Wort hätte ich gern erläutert gehabt:)

Nun, so ist das in einem fremden Land. Immerhin ist es weniger unheimlich als vorher befürchtet. Ja, doch, ich hatte Respekt vor dem Alleinunterwegssein hier. Binnen kürzester Zeit fühlt es sich jedoch normal an. Eben bis auf die Sprache und die damit ausfallenden Gespräche am Wegesrand und an den Pausenstationen. Die fehlen mir, wirklich.

Und die Eigenheiten des Verkehrs, die sind gewöhnungsbedürftig. Im Radwanderführer heißt es dazu: „Stellen Sie sich auf eine etwas ‚andere‘ Fahrweise ein; wichtig ist vor allem, dass Sie flexibel auf verschiedenste Verkehrssituationen reagieren.“ Nun, ich übe mich darin.

Glücklicherweise begann ich zum Eingewöhnen ja an einem Sonntag, also in abgemilderter Verkehrsflussstärke. Schon da fiel auf: was den Autos die Hupe, ist dem Fahrrad der Stinkefinger. So beobachte ich das. Meinen eigenen Stinkefinger habe ich noch nicht eingesetzt, ja, noch nicht mal geübt. Ich vermute, ich kann das gar nicht.

Aber „flexibel reagieren“, das kann ich. In der Tat scheint nicht wie bei uns jeder Schritt und Tritt durch Regeln festgelegt. Vorfahrtssituationen an gleichberechtigten Straßen etwa werden durch Blickkontakt, Mut zum Vorfahrtnehmen und Entschlossenheit gelöst. Da ich im Verkehrsbereich eher die Omega-Radlerin bin, warte ich also oft sehr lange, bis ich „dran“ bin. Ebenso an roten Ampeln. Treubrav deutsch stehe ich davor und bin damit vermutlich Objekt der Belustigung für die Umsitzenden in den Cafés. Zu lernen also: einmal in dieser Woche möchte ich es schaffen, über eine rote Ampel zu fahren:) Was ich nicht lernen möchte: unter geschlossenen Bahnschranken durchklettern. Auch das machen hier alle, vermutlich weil die Zeitdauer zwischen Schließen und Zugdurchfahrt äußerst großzügig bemessen ist.

Radwege gibt es wenige. Am Kanal entlang waren sie gut zu fahren, woanders traf ich kaum auf welche. Durch die Städte hindurch ist manchmal ein Randstreifen für uns markiert. An jeder Straßenüberquerung und an Kreuzungen aber endet der Radweg und beginnt drüben neu. Auf der Straße selbst muss man dann sehen, wo man bleibt. Außer auf Pavias Hauptkreuzung: Dort gibt es das Gegenkonzept: einen Radweg nur auf der Kreuzung. Vorher nichts, nachher nichts, aber die Riesenkreuzung hat Radspuren. Hm. Alles wirkt erratisch.

Man fährt also oft Straßen. Auf den großen geht es zur Sache. Radwege gibt es nicht, eine ausreichende Straßenbreite manchmal. Dennoch wird viel knapper am Rad vorbeigefahren als wir es gewohnt sind und als ich es angenehm finde. Mein neuerlernter Trick daher: Ich fahre immer etwas mittiger auf der Spur als zu Hause, und erst wenn das Auto hinter mir zum Überholen ausgeholt hat, fahre ich nen Meter nach rechts. So schaffe ich mir meinen eigenen Wohlfühlabstand, das klappt ganz gut.

Bloß gestern abend, das war unheimlich. Ohne eine Wahl gehabt zu haben, hatte ich mein Zimmer auf der anderen Seite des Po gebucht. Mit der Folge, dass ich über die einzige Pobrücke auf einer vollen und engen Schnellstraße radeln musste. Von meiner erstmaligen Pobegegnung gibt es aus diesem Grunde kein einziges Foto. Und nicht genug damit: die enge, volle Schnellstraße führte in der Folge noch über eine Autobahn, einen Kanal und eine Bahnlinie, insgesamt etwa 5 Kilometer. Nein, das brauche ich nicht jeden Tag. (Werde es aber nachher wieder zurückfahren müssen.)

Einheimische radeln diese Straße übrigens auch. Vermutlich sind sie im Innern viel unbekümmerter. Ob man gelassenen Umgang mit diesem Verkehr erlernt, wenn man ein Leben lang hier wohnt? Ein wenig wohl schon. Am Morgen etwa, als ich vom Zeltplatz ins Stadtzentrum fuhr, hätte ich im früherwachten Fußgängergedränge wieder, wie abends, geschoben. Vor mir aber fuhren zwei Italienerinnen und bahnten den Weg durch die Menge. Wie sie das machten, hat sich mir nicht erschlossen, aber es funktionierte. Und ich konnte mich einfach anhängen in dieser freigeschaufelten Schneise zwischen all den Fußgängern.

Upps, der Tag ist längst erwacht, und ich sitze auf meinem Ostello-Bettchen und schreibe immer noch. Ein wenig schaue ich ja doch auf die Uhr. Frühstücken, einmal durch die Stadt kurven (die ich gestern abend bei einem Spaziergang nur im Dunkeln sah), über die lange furchtbare Brücke zurück auf den heutigen Deichradweg, und dann nach Piacenza, wo wiederum kein Zeltplatz, sondern ein Ostello auf mich wartet.

Mein Unterwegstag beginnt …

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13 Kommentare

  1. Bei deiner Beschreibung fällt mir mein Gemeckere über die noch immer zu wenigen Berliner Fahrradwege ein … Tja … wie froh wir eigentlich sein können, fällt immer erst auf, wenn wir woanders auf reichlich Unangenehmeres stoßen.
    ich wünsche dir gute, befahrbare Wege und freue mich sehr über dein Erzählen.
    Italien ist auch eines meiner Lieblingsländer und es mit dem Fahrrad zu durchstreifen, muss nochmal ganz besonders sein.
    (Im Übrigen kenne ich das Nicht-Bedientwerden als Alleinreisende auch … sehr merkwürdig.)

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      1. Super, dass du es angegangen bist.
        Es sind immer die Gedanken vorher, die sich als hemmend erweisen, ist es nicht so? Dass man sich einen Kopf macht … und wenn dann die Entscheidung getroffen wurde, wenn die ersten Schritte gemacht werden, dann rollt es fast von allein.
        Allseits gute Fahrt weiterhin.

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  2. Hier in den USA wird einem Radler geraten, nie ganz rechts am Straßenrand zu fahren, sondern deutlich weiter in der Fahrspur, um so die Autofahrer zu einem weiteren Abstand zu zwingen, d.h. bei zweispurigen Straßen auf die Gegenfahrbahn, bzw. bei Gegenverkehr gar nicht zu überholen. Der Tipp kommt natürlich nur von Rad- und nicht von Autofahrern. ;) Aber, wie ich immer wieder feststelle: er wirkt. Im Übrigen: normalerweise wird hier wirklich rücksichtvoll überholt, mit weitem Abstand. Für mich immer wieder überraschend in diesem Autofahrerland.
    Weiterhin gute Reise und, wie ich hier immer sage, safe bicycling,
    Pit

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  3. dein fahrtrick ist wirklich sehr effektiv. er wurde mir damals in der motorradfahrschule schon beigebracht, zu eben genau dem zweck, autos zu vorsichtigem überholen zu zwingen. nur so nehmen sie dich als vollwertige verkehrsteilnehmerin wahr. weiter so!

    „della germania“ wäre übrigens perfekt – „sono partito da milano“ könnte die illusion nehmen, du seist aus deutschland hergefahren.

    alles gute weiterhin!

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      1. die menschen in italien sind total dankbar für jedes italienische wort und sei es noch so radegebrochen. es vermittelt ein entgegenkommen statt überheblichem per-se-englisch-reden. von daher: trau dich, denk an französisch oder latein – allein die aussprache ist anders ;-)

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        1. Französisch und Latein kann ich ja auch nicht:( Aber ich geb mir wacker Mühe.
          Finde es ja auch erschreckend, wie manche Touristen nichtmal Bitte und Danke auf Italienisch herausbringen, ich finde das ein Minimum an Respekt gegenüber dem Gastgeberland.

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