Ungleiche Gespräche übers Gleiche

Beim Aufräumen alter Texte, lauter Entwürfe, Bruchstücke, weggelegte Anfänge und Enden, fiel mir am Wochenende ein vier Jahre alter Text in die Hände:

 

Er ist wie er ist. Sage ich mir. Und sage ich zu denen, die da sagen: Er ist nicht wie er sein soll.
Elterngespräch in der Sohnesschule.

Ich bin mit offenem Ohr gekommen. Aber das Nicht-wie-er-sein-soll kommt so schrill daher, ich möchte weglaufen. Und weiß doch, dass ich jetzt für ihn hier sitze und sitzenbleiben muss. Das anhören, das aushalten, über ihn sprechen, die harte Sicht aufzuweichen versuchen – das bin ich ihm schuldig.
Ich weiß nicht, ob sie am Ende des Gesprächs ein anderes Bild von meinem Sohn mitnehmen. Ich habe getan, was ich konnte.
(Wieso eigentlich, wenn es doch so schwierig mit ihm ist, sind sie in den vergangenen anderthalb Jahren nie auf uns zugekommen???)

Von dem Moment an, da ich das Gespräch verlasse, bellt das laute Nicht-wie-er-sein-soll mein tiefahnendes Er-ist-wie-er-ist an. Ob ich nicht verharmlose, verkläre, zu sehr liebe, zu wenig achtgebe, zu wenig fordere, zu gelassen, zu wenig präsent bin für ihn. So nagt es in mir.
Tränen fließen, als wir reden. Bei mir im Innern, bei ihm brechen sie sich Bahn. Er wisse ja gar nicht, was die beiden Lehrerinnen meinen. Und erzählt, wie er seine Schultage erlebt. Alles ist ganz anders, als mir vorhin erklärt wurde, und mir wird sichtbar, wie er all diese schwierigen Situationen empfindet. Mir wird alles verständlich, und irgendwie ist es gut so. Er ist eben wie er ist.
Und doch pocht es in meinem Ohr … nicht wie er sein soll … nicht wie er sein soll … nicht wie er sein soll …

Der weitere Tag öffnet mir die Augen.
Beim Einkaufen treffe ich eine Mutter, die auch ein „solches“ Kind hat. Sie weiß, wovon ich spreche. Ihrer ist nun schon groß, sie haben es geschafft, diese schwierigen Jahre. Das macht Mut.
Am Abend spielt mein Nicht-wie-es-sein-soll-Kind ein kleines Konzert mit einer Cellofreundin. Sensible Musik, ergreifend, tröstend. Das kann er eben auch.
Und als wolle er sich mir in seinem ganzen Wie-er-ist zeigen, macht er noch später am Abend seiner Schwester ein Geschenk, gibt nach, springt über seinen Schatten, wie ich es noch nie wahrnehmen durfte.

So als wolle er sagen: Vertraue doch, das wird schon mit mir.
Ich höre und sehe. Und vertraue.

 

Vier Jahre ist das her. Beim Lesen kamen mir immer noch die Tränen. Es war keine leichte Zeit damals für ihn, und für uns mit ihm.
Jetzt ist in der Schule schon lange alles gut. Am Gymnasium – er ist ja an meinem – schlich ich anfangs sehr um die Kollegen herum, immer meine Nicht-wie-er-sein-soll-Angst im Hintergrund, jede beruhigende Andeutung, dass alles gut sei, dankbar aufsaugend. (Ja, so ein Elterngespräch hinterlässt einen nicht unberührt. Das damalige hat lange Monate und Jahre nachgeweht.)
Jetzt hatte und habe ich tatsächlich das Gefühl, dass er, jedenfalls von den meisten Kollegen, in seinem Er-ist-wie-er-ist gesehen wird. Und dass all die Eigenheiten, mit welchen er sich wahrlich nicht leicht einfügt in den eng getakteten Schulbetrieb, zu ihm gehören dürfen und liebevoll gesehen werden.

Um so ernster nahm ich, als mich gestern seine Klassenlehrerin ansprach. Sie würde mich jetzt auch anrufen, wenn ich nicht Kollegin wäre, sagte sie. Erstmals wolle sie ein Elterngespräch führen. Und weil es passte, redeten wir gleich.
Es ging vom Inhalt her um das Gleiche wie damals. Alles war sofort wieder da. Nur jetzt, bei dieser Lehrerin, hatte das Gespräch einen völlig anderen Fokus. Da schimmerte nirgends der Hauch eines Nicht-wie-er-sein-soll durch, sondern sie schilderte ganz einfach ihre zahlreichen Beobachtungen.
Wie sehr er sich im Moment selbst im Weg steht„, sagte sie. Und: „Ich sorge mich.“ Damit war das Wichtigste gesagt.
Die Details, die zu ihrer Sorge führen, sind gar nicht wichtig. (Ohnehin würde ich sie hier nicht ausbreiten.) Sie stimmen mit dem überein, was wir auch zu Hause wahrnehmen. Ja, möglicherweise ist die Sorge berechtigt. Vielleicht ist es auch nur seine spezielle Form des Pubertierens. Wie sollen wir das wissen …

Vereinbart haben wir, dass wir Eltern zu Hause mit ihm sprechen. Und dass sie mit ihm spricht, noch diese Woche, über all ihre Beobachtungen. Dass wir uns dann in einigen Wochen wieder austauschen, um zu schauen, ob er die Gespräche für sich nutzen konnte, um seinen Weg wieder mehr selbst in die Hand zu nehmen. Dass er dies vermag und dass er es tief im Innern will, darin waren sich die Kollegin und ich einig, das trauen wir ihm beide zu.
Ja, dass ich nach dem damaligen Gespräch ein „Vertraue doch, das wird schon mit mir“ aus ihm lesen durfte, das hilft mir jetzt.
Und die Kollegin trägt dieses Vertrauen ebenfalls in sich. Sie liebt ihre Schüler einfach sehr.

Mit Dankbarkeit (und doch einem etwas flauen Gefühl im Magen) radelte ich nach Hause. Das Gespräch am Küchentisch ergab sich ganz einfach. Und blieb so einfach. Weil ich ohne irgendetwas zu verändern oder wegzulassen erzählen konnte, wie seine Lehrerin ihn derzeit erlebt und worüber sie sich Sorgen macht. Da war kein Vorwurf, keine Erwartungshaltung, keine Forderung an ihn. Einfach nur dieser liebevolle Blick von außen.
Durch all seine Erklärungen hindurch – es wäre nicht mein Sohn, würde er nicht für alles und jedes eine detaillierte Erklärung aus dem Hut zaubern können:) – wurde ihm wohl das Wesentliche sichtbar: Dass es hier nicht um die Erwachsenen und ihre Vorstellungen seines Seins geht, sondern um ihn selbst. Und dass diese Lehrerin – die beste!, wie er sagt – ihm helfen will, seinen Blick wieder mehr auf sich selbst zu lenken, um durch die nächsten Jahre und darüber hinaus einen gangbaren Weg zu finden. Vor allem für sich selbst muss er den finden.

Und während wir dann am Küchentisch die vielen Schulbeobachtungen anschauten und konkrete Schritte sortierten, mussten wir zwischendurch immer mal lachen. Über die bizarren Ausprägungen seiner Pubertät nämlich, die er – im Spiegel – selbst zu sehen und zu beschmunzeln vermag. Gemeinsames Lachen tut gut.
Gut tat auch, was er sagte. Bei Einigem wurde mir sichtbar, wie er seine Schritte wieder selbst in die Hand nehmen will. Ich war schon jetzt – beim Miteinanderreden – ein bisschen stolz auf ihn, auf seine Offenheit, auf seine Bereitschaft, sich einzulassen, auf seine durchschimmernde Eigenverantwortung.
(Hier blinzelte mich übrigens meine eigene Baustelle an: Verantwortung abgeben. Auch oder gerade bei ihm.)

Jedenfalls: Das Gespräch mit dem Sohn fühlte sich gut an. Bestimmt auch deswegen, weil das vorangegangene Gespräch mit der Lehrerin gut war. Besser kann man sich Schulgespräche kaum wünschen.

 

15 Kommentare

  1. Ich muss mir grad die Tränchen wegblinzeln, damit ich schreiben kann. Ich wünschte, alle Kinder hätte solche Lehrpersonen wie deine Kollegin und solche Mütter/Eltern, wie dich. Es ist so ein wichtiges Alter für die Selbstannahme, für die Art, wie ein Mensch später sein Leben leben will. Kann. Wird.
    Danke, dass du das geteilt hast!

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  2. Lehrer-Elterngespräche… Kommt mir sehr bekannt vor als Vater und Protagonist solcher Gespräche. Alle wollen immer nur das Beste. Aber was ist das Beste? Einfach mal das Kind fragen. Damit sollte es losgehen. Und dann sortieren, abwägen, nachhaken… und drüber schlafen. Und sich nicht so sehr sorgen. Kinder wachsen. Eltern können mitwachsen. Wenn sie sich darauf einlassen. Klingt gefährlich! Ist aber spannend! 😄 Vielen Dank für den schönen, ermutigenden Text.

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    1. Und bei Dingen, die das Kind nicht selbst entscheiden kann, gilt es umso besser hinzuschauen und sich hineinzutasten, was ihm gut tun würde.
      Den vertrauenschenkenden Satz „Kinder wachsen“ würde ich mir selbst manchmal gern riesiggroß vor die Nase schreiben. Um ihn nicht wieder zu vergessen. Und manche meiner Miteltern und Mitlehrer dürften den ruhig auch öfter lesen …

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  3. Elterngespräche – so ein spezielles Thema … Mir gehen auch noch eines im Kindergarten und in der Schule im Kopf herum. Über eines und seine Folgen kann ich mich auch heute noch aufregen … und bin heilfroh, dass ich als Vater meine Jungs auch ganz gut kenne.
    Kinder sind keine Ebenbilder; weder die der Lehrer, noch unsere eigenen. Dieser Blick entlastet oft.
    Danke fürs notieren.

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    1. An furchtbaren Elterngesprächen herrschte bei unserem Sohn kein Mangel. Oh Gott, ich darf mich gar nicht erinnern. Ein Kindergartengespräch, eröffnet mit dem Satz: „K1 ist ja nun ein schwieriges Kind …“. Oder die Schulanmeldung, wo vor seinen Ohren der Satz fiel: „Das Kind hat in der Schule keine Chance.“ (Wir haben dann eine andere Grundschule gesucht, übrigens. Und die Tochter später weder in diesen Kindergarten noch in diese Grundschule gegeben.)
      Oh je, was geschieht in solchen Situationen mit Kindern, deren Eltern sich nicht zur Wehr setzen, nichtmal besonders darauf reagieren???

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      1. Ja, was geschieht mit diesen Kindern ohne den Elternrückhalt. Das frage ich mich auch oft.

        Wenn sich meine Mutter nicht so vehement gegen eine GS-Lehrerin und die Nachbarsmeinung gestellt hätte, wäre meine Biografie auch ganz anders verlaufen.
        „Was, aufs Gymnasium? Beide Kinder?“
        Aufwachsen im „Problemviertel“ mit Alkoholikerumfeld …
        So machte ich im Wohnblock den ersten und bisher einzigen Hochschulabschluß in 47 Jahren – Dank des Selbstbewusstseins meiner Mutter.

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      2. Erzieher/innen haben oft nur Momentaneindrücke vom Kind und psychologisieren herum. Das ging mir mit K1 so, als Gattin mit K2 im Bauch 6 Monate in der Klinik am Tropf hing.
        Als „alleinerziehender“ Vater kam ich im Weltbild nicht vor. Jedes Verhalten des 4jährigen wurde in diesem Kontext interpretiert. Nervig!
        So wurde dann ein Gespräch mit einem Psychologen angesetzt, dem ich dann etwas über Entwicklungsschritte bei Kindern erzählt habe …

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        1. (Es gibt aber auch wirklich gute Erzieher/innen:-))
          Ja, das Weltbild, hier in Süddeutschland auf dem Dorf zum Beispiel, das musste ich nach unseren Jahren in Berlin erst „erlernen“. Hier kamen/kommen(?) nämlich keine berufstätigen Mütter vor. Die Kinderpsychologin zB zu mir. „MÜSSEN Sie arbeiten?“, da war K1 7 und K2 2 Jahre alt. Das Sohnesverhalten wurde von ihr dann meiner Berufstätigkeit zugeschrieben, ja, „in diesem Kontext interpretiert“. Mir blieb damals der Mund offen stehen …

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  4. Ganz wunderbar, dass deine Kollegin zu der Sorte gehört, die versucht, ihre Schüler wahrzunehmen und zu verstehen.
    Es klingt so, als ob dein Sohn gut über sich Bescheid weiß, reflektieren kann und dir auch vertraut, dass du das weißt. Wenn dann noch Humor dabei ist, kannst du dich ein bisschen entspannen.
    Diese Kinder, die „anders“ sind, die dann junge Erwachsene werden und heranwachsen … das sind ja immer mehr – zum Glück. Denn wie sollte sich irgendwann mal unser Schulsystem ändern, wenn nicht genau durch sie. Sie zeigen eben genau auf, wo was nicht stimmt und wo was hakt an dieser Art, wie und was noch immer unterrichtet wird.

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    1. Ja, wir haben sehr viele (immer mehr?) Kinder, die mit diesem System nicht klar kommen. Oder ist es ein Nichtklarkommen mit dem gesamten Leben, mit der gesamten Gesellschaft? Wir, als Schule, sind ja nur ein Teil davon, ein arg spiegelnder sicherlich.
      Ob er – auch später – wissen kann, was ihm hier im „System“ gefehlt hat? Ich kann das selbst auch nicht benennen. Sein Glück ist vielleicht, dass es mir damals genauso ging, dass ich seine Innensicht, seine Probleme also SEHR gut nachvollziehen kann. Ich saß ähnlich verloren wie er auf der Schulbank. … Immerhin: Vielleicht kann er später dadurch seine eigenen Kinder ebenso gut verstehen:)
      (Du siehst, ich bin ein wenig pessimistischer, was Schulsystemsveränderungen angeht:) Ich bin ja aber auch eine im System „Gefangene“. Der Blick von außen tut deshalb gut und macht (wieder) wach.)

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      1. Es ist ein gesellschaftlicher Wandel im Gange, ob wir wollen oder nicht … und nicht nur in Deutschland. Ob unsere Kinder da noch eine deutliche Veränderung spüren oder ob das mehrere Generationen dauern wird (was ich vermute), wer kann das sagen. Man kann nur immer wieder sein Bestes geben und innerhalb der Familie und für sich selbst so leben, dass man aufrecht in den Spiegel schauen kann, seinen Kindern ein liebevolles Umfeld gestalten und darauf vertrauen, dass sie ganz und gar richtig gemeint sind.

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  5. Danke♡ und wieder einmal bin ich froh bei dir lesen zu dürfen! Du hast mir sehr geholfen mit deinen Worten und deine Sicht auf das Lehrer-Eltern Gespräch. Wir stehen gerade in ähnlicher Situation und ich fühle mich manchmal nicht in der Lage seine Sicht der Dinge vor den Lehrern zu stärken. Beim nächsten Gespräch werde ich mich an dich erinnern und vor den Lehrern vor allem die Sicht meines Kindes stärker ins Gewicht legen. Danke!
    Rina

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    1. Ja, das ist manchmal schwer, ich weiß. Ich bin ja auch oft genug geknickt aus diesen Gesprächen geschlichen. Und die besten Worte fallen einem immer erst zu Hause ein.
      Im Laufe der Zeit – wir hatten ja wirklich viele Gespräche, viele Situationen – habe ich vieles gelernt.
      Und Du bist doch auch so mutig, das wird besser und besser gelingen. Unsere Kinder brauchen es schließlich …
      Einen Herzgruß von mir – schön, Dich hier mal wieder zu lesen!

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