Vergrößerungen

Die erste warme Sonne dieser Ferien zieht uns hinaus, mich und mein Kameraauge. Da ist so viel. Da ist Natur im Werden, das liegt im Frühling nahe. Natürlich – Blüten, Knospen, Keime, wohin man schaut. Durch den Regen noch verschönert, durch die Sonne ins rechte Licht gesetzt.

Das ist ja wie bei uns Menschen, denke ich. Wenn wir nur in heller Umgebung, ausreichend genährt und zudem gewärmt sind, dann haben wir die Möglichkeit, schön strahlend zu wirken.
Oh, stimmt das denn so? Erst dann, unter solch glücklichen Bedingungen, können wir erstrahlen? Dann aber, wenn schon das Umgebende so günstig gerichtet ist, dann aber bitte schön soll es auch wirklich aus uns nach außen leuchten?
Ach, diese Fragen sind rhetorischer Art. Die klare Antwort heißt nein, auf beide. Ich kann strahlen, ohne dass es außen hell ist. Und wenn es außen hell ist, dann muss das noch lange nicht meiner eigenen Stimmung entsprechen.
Zwischen äußeren Gegebenheiten und innerem Befinden gibt es zuweilen kaum einen Zusammenhang. Ebensowenig wie zwischen äußerer Erscheinung und der Wirkung, die etwas – oder jemand – tief von innen her aussendet. So springen meine Gedanken ein Stückchen weiter.

Zwischen den Blüten und Knospen des Gartens laufe ich heute wie unter Menschen umher. Am eigentlich Normalen, am strahlenden Gelb der Forsythien, am zarten Rosa der Blutbuchenblüten (was für ein Wort!), am grellen Lila der Krokusse, an all dieser frühlingshaften Unversehrtheit will mein Kameraauge einfach nicht hängenbleiben. Zu normal, zu glatt, zu langweilig?

Doch, ich weiß. Ich tue diesen frischen Blüten damit Unrecht. Sind sie es doch, welche mich letztlich hinausgelockt haben. Und sie sind es, die uns im Frühling wärmen, Hoffnung machen, neues Licht aussenden, all das. Wir brauchen sie.
Ebenso wie wir strahlende, unversehrte Menschen rings um uns brauchen? Ob es die eigentlich gibt, unversehrte Menschen? Möglicherweise nicht. Nein, vermutlich nicht in dieser Absolutheit. Alle Menschen tragen – wie alle Blüten – sicherlich Spuren gewesener und künftiger Verletzungen in sich, auf sich, an sich.

Nur werden diese auf Bildern oft ausgeblendet, weggezoomt, bis zur Harmlosigkeit retouschiert. So entstehen Bildnisse scheinbar unversehrter Schönheit. (Nein: das ist keine Schönheit, das ist höchstens noch „Hübschheit“ – dieses unmögliche Wort springt mir hier hinein.) Solche Bildnisse können mir zum Maßstab werden, wenn ich es zulasse. Wenn ich zulasse, dass ich dadurch ins Gefühl hinabgezogen werde, versehrt, nicht genügend, nicht vollkommen zu sein.

Und an diesem Wort bleibe ich hängen. Vollkommenheit. Das ist etwas anderes als Perfektion.
Perfekt – perfectum, das Gemachte, das gewollt Gefertigte.
Vollkommen – das ins Volle Gekommene, das in seine ganze Fülle Hineingereifte.
So höre ich die beiden Wörter. (Kundige Lateiner lesen vielleicht lieber weg.)

Wenn ich Vollkommenheit auf diese Weise verstehe und zu erfahren suche, dann sehe ich Vollkommenheit in allem, was da rings um mich ist. Mag es so versehrt sein wie es will.

 

1 Unebenheit

Vollkommenheit ist in der vom Zufall hingeworfenen Unebenheit jeglicher Form,

 

2 Knospe Sterben

… in der erst aus altem Sterben erwachsenden Knospe,

 

3 Knospe Grün

… und auch in jener, welche sich in grüne Geborgenheit hüllen darf,

 

4 Zwei Farben

… im Nebeneinander zweier so unstimmiger Farben, welche doch eine Zusammenheit bilden,

 

5 Aderngeflecht

… im verdorrten Aderngeflecht eines uralten Blattes,

 

6 Musterung

… in der filigranen Fleckigkeit einer sterbenden Blüte, der ein Regentropfen zur Lupe gewachsen ist,

 

7 Verknotet

… im verwirrten Durcheinander von Wurzelgeflecht, dessen unsichtbares Muster sich mir nie erschließen wird,

 

8 Bizarr

… in der bizarren Zartheit eines verirrten Wurzelholms,

 

9 Ungleichheit

… in der unregelmäßigen Ungleichheit der Tropfen – ein jeder, wie ihm zu wachsen geschenkt wurde,

 

10 Bedrängnis

… in der (scheinbaren?) Bedrängnis des Wassers zwischen zwei Blättern,

 

11 Blattrand

… im unaufgeregten Blattrand, welcher erst bei näherem Hinsehen sein Glattes aufgibt,

 

12 Absterben

… im Absterbenden, das sich mitten aus der Frühlingsfrische hinauszurecken wagt,

 

13 Lichtflecke

… ja, in den Lichttröpfchendes Vergehenden,

 

14 Himmelsverzerrung

… und im Himmel über uns sowieso, sei er auch noch so verzerrt.

Wenn unser Spiegel nur ein wenig gekrümmt ist, wird das Bild sehr besonders.

 

Das Perfekte ist mir für heute ausgeblendet; das Vollkommene wird dadurch umso sichtbarer. Das so ganz anders vergrößernde Kameraauge tut gut. Es ist tröstlich. Es fühlt sich nach Geborgenheit an.

 

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10 Kommentare

  1. Auch bei dir Frühling und noch vom Winter Zurückgebliebenes. Ich sehe auch immer noch so wunderschöne verblühte Dinge und fast kommt mir der Frühling zu früh … oder nein …das ist falsch ausgedrückt … Vielmehr überlagern sich die Jahreszeiten. Und das Neue, Frische gewinnt jeden Tag ein bisschen mehr die Oberhand.
    Schön sind deine Fotos … und deine Gedanken sowieso.

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    1. Das Überlagern von Jahreszeiten, Phasen, Dingen – das ist ja eigentlich immer so. Auch in Bereichen, in denen wir schwarz-weiß zu denken gewohnt sind. Ob ein solches „Überlagerungssehen“ wohl helfen würde, differenzierter hinzuschauen?

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      1. In manchen Jahren hatten wir ja gar keinen richtigen Frühling. Da war es kalt und dann schlagartig sehr warm. Insofern ist dies mal wieder ein echter Frühling.
        Sicherlich ist auch hier die gewisse Langsamkeit entscheidend, differenzierter wahrnehmen zu können.

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  2. Ganz hervorragende Fotos. Am besten gefallen mir die mit den Regentropfen. Danke für’s Zeigen.
    „Die erste warme Sonne dieser Ferien zieht uns hinaus, mich und mein Kameraauge.“ Daran sollte ich mir ein Beispiel nehmen, denn hierzulande ist der Frühling schon seit ein paar Wochen voll da, mit wunderschönen Motiven. Ich muss mir einfach mal einen Tritt geben.
    Liebe Grüße,
    Pit

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    1. Den Tritt musste ich mir auch geben, den brauchen wir wohl alle von Zeit zu Zeit. Hier war es einfach, weil die Pflanzen schon auf der Terrasse standen. Aber manchmal gehe ich weiter … und egal wie schwer der Aufbruch anfangs war: dann ist es immer gut, hinausgegangen zu sein.

      Gefällt 1 Person

  3. Liebe Frau Rebis, ich mag deine Wörter, deine Wortbilder und deine Vergrößerungen. Zusammenheit mag ich ganz besonders und deine Interpretation vom Vollkommenheit.

    Ein nährender Bildbericht, Wortbericht, Wortbildfutter fürs Herz.

    Und ich ahne, dass das Bilderupload-Ding nun gut läuft. Richtig?

    Hach, du machst Mut zum un-perfekt Vollkommenenen. Wohlklang für Herz und Augen.

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    1. Hach, Mut zu machen finde ich gut:)
      Der Text ist übrigens durchaus nicht losgelöst von den gestrigen (?) Normalseinsgedanken entstanden. Ich habe sehr an Dich denken müssen beim Schreiben.

      Und ja: das mit den Bildern hat sich mir jetzt erschlossen. Deiner war der ulitmative Hinweis. Weiß ich ja, wen ich frage, wenn’s mal wieder irgendwo klemmt:)

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    1. Bestimmt gibt es dort auch eine Ausdrucksmöglichkeit dafür. Nur haben manche Sprachen Wörter, welche man in anderen erst umschreiben muss.
      Ob dieser unterschiedliche Wortvorrat zufällig entsteht? Oder seine Wurzeln in einem unterschiedlichen Lebensgefühl hat?

      Gefällt 1 Person

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