Morgenfärbung

Aus den Traumfetzen – eine Reise, eine Gruppe naher Menschen, ein Wettstreit, eine Wegsuche der anderen Art – lässt sich kein Traum mehr zusammenfügen, es bleiben Schemen einer Welt, die gerade eben noch da und warm war und jetzt nur noch als Gefühl nachhallt. Das wüsste ich zu gern, was mir da immer im Traum erscheint. Ich bin eine schlechte Traummerkerin, spüre morgens immer nur noch die Farbe, kann nur hoffen, dass diese vermutlich reiche Welt auf unbewusste Weise doch in mir bewahrt bleibt und wirkt. Der heutige Traum war sanftbeige-ocker und lässt deswegen Frieden in mir zurück. Irgendetwas gelang da.

Dagegen fühlt sich mein heutiger Tag eher schrillfarbig an, als einer von jenen, in denen unbarmherziges Gerattere aus Aufgaben, Dringlichkeiten, Terminen sich in großer Einigkeit verzahnt mit Gedankenketten unendlicher und kreisender Art.
Wie wär’s denn, flüstert mir mein holprig in die Tasse stolpernder Kaffee zu, wenn Du mich nicht gleich beim Eingießen verschütten würdest. Und den Tag auch nicht.
Ha, denke ich, dem Tag also eine andere Farbe geben, wie das wohl wäre? Eine samtige Kaffeefarbe vielleicht?

Nee, Farben sind Farben, schrill bleibt schrill. Sie hat ja irgendwie Recht, diese mich mit Entmutigung volldröhnende Stimme, mein Auge sieht, was mein Auge eben sieht. Jetzt schreibe ich hier zum Beispiel auf der mir unangenehmsten der fünf Farben meiner Kladdenblätter, und auch nach mehrfachem Umblättern und so vielen Zeilen hört diese Farbe nicht auf mich zu stechen. Es könnte sich doch auch mal einen Hauch wärmenden Oranges anziehen, dieses grelle Rosa, denke ich, nur für mein inneres Auge und Wohlgefühl könnte es das. Statt mich weiter zu pieken und zu irritieren.
Überhaupt: Farben im Innern umfärben können. Das alarmierende Hellrot in ein besänftigendes Sattgrün etwa. Oder für den Anfang wenigstens das Alarmene in Richtung Bordeaux umtönen. Ob das geht? Ob man das lernen kann?

Ach, das ist nur Wünschen und Hoffen, und mittendrin immer ein saftiges Stück Unfähigkeitsgefühl, weil es mir einfach nicht gelingen will, anders zu sehen.
Bei Räumen ja auch. Zum Beispiel, was ich als groß und weit oder als klein und eng empfinde, das müsste ich mir doch ändern können. Den Raum, etwa auf dem Schreibtisch, oder in einem Zimmer, einer Bahnhofshalle oder wo immer, mir größer dehnen im Inneren, wenn es im Äußeren einfach nicht da, nicht machbar, nicht schaffbar ist, dieses Weite, was ich zu brauchen glaube. Anders sehen also, um mich nicht von außen in Enge gepresst zu fühlen, mich nicht durch Äußeres eingrenzen zu lassen.

Ja, das wär’s: Alles auch anders sehen können. Menschen etwa, die ich stets und ständig einordne in meine innere Welt, meine Raster, meine Vorstellungen und Interpretationen, meine Empfindungen und Empfindlichkeiten – diese einfach zu belassen, ihnen zuzusehen und zuzuhören, sie aufzunehmen als Erweiterung meines Raums. Und mich selbst dann in diesem geweiteten Raum nur als Steinchen, Körnchen, Eckensteherchen zu erleben. In einer Ecke stehen muss ja gar nichts Kleinmachendes sein. In großen Räumen stehe oder sitze ich gern in der Ecke, einfach um den gesamten Raum aufnehmen zu können.

Sprung. (Vielleicht.)

Was diese Woche alles aufzunehmen war, wie wir alle so unterschiedlich reagierten – Eltern, Kollegen, Schüler – auf diesen furchtbaren Unfall, der in die heile Dorfwelt hineinbrach. An einer Stelle, die wir alle immer schon als gefährlich wahrgenommen hatten, ist es jetzt passiert, das lang Befürchtete.
Wir alle reagierten aus unserem je eigenen Muster heraus. Ganz schnell wurde mir mein Muster zum einzig möglichen. Und das, was andere lebten – Rückzug, Angst, Verdrängung, Panik, Entscheidungen für die Kinder: sie dürfen nun gar nicht mehr mit dem Rad zur Schule oder nicht mehr diesen Weg fahren, oder gerade doch dort, aber nur noch auf dem Gehweg – alle diese Reaktionen waren mir so fern.
Ich kann diese fremden Innenwelten abwehren, weil sie der meinen nicht entsprechen. Oder ich kann versuchen hineinzugehen und mich zu fragen, ob ich mir nicht etwas mitnehmen kann. Wenigstens das: Ich nehme mir mit, dass meine eigene Farbe, in der ich alles töne, die mir als die beste oder passendste erscheint, dass diese Farbe nur eine ist von unzähligen Farben, Sichten, Zugängen.

Ich ahne ja nicht: Vielleicht sieht ein anderer Mensch sein Rot ganz anders als ich mein Rot sehe. Vielleicht sieht er es als das, was ich als Blau sehe, oder als jenes Sattgrün etwa, nach dem ich mich gerade so sehne, während ich bei Rot immer Alarm empfinde. Und vielleicht sieht er dafür mein Sattgrün als Düstergrau, empfindet Getrübtheit und Aussichtslosigkeit, wo ich Wärme und Geborgenheit erlebe.
Vielleicht also können wir unsere Bilder nie abgleichen. Unsere Bilder sind so sehr unterschiedlich, so unvergleichbar, wir schauen ja nie mit den Augen eines anderen.
Und trotzdem können wir unsere Bilder teilen. Ja, doch, ich glaube, man kann – zuhörend und zuschauend – die je eigenen Bilder teilen. Man sollte und muss dieses Teilen vielleicht sogar versuchen, wenn man nicht im Käfig des Eigenen gefangen bleiben möchte.

Ich taumele hier durch meine Morgengedanken, der Tag drängt an, ja, er bleibt ein wenig schrill. Und dennoch habe ich ihn gerade an seinem Beginn wenigstens umgefärbt. Die Verzahnung von Dringlichkeiten und Gedankenkreisen ist geblieben, ist – könnte man so sehen – sogar noch drängender geworden, da ich ihm diese Schreibstunde „weggenommen“ habe. Aber die neue Morgenfärbung tönt den gesamten Tag ein wenig sanfter.

PS:

Auch Zeiträume sind Räume.
Zeiträume kann ich schon sehr unterschiedlich färben. Was heißt ’schon‘? Das konnte ich nicht immer. Das lerne ich mehr und mehr: Mir die engen Zeiten dehnen. Vor allem durch inneres Es-anders-erleben-wollen. Die Dichtigkeit der inneren Ereignisse hat ja wenig mit einem äußeren Sekundentakt zu tun.
Heute habe ich – zur Unterstützung meines inneren Es-Wollens sozusagen – erstmals ein winziges Hilfsmittel genutzt, mit dem ich schon lange liebäugele. Dieser Text nämlich war in mir, in Gänze, sofort beim Aufstehen. Aber er war viel zu lang, um ihn in der knappen Morgenstunde vor dem Tagesbeginn der Kinder niederzuschreiben. Statt ihn – wie sonst notgedrungen – zu verwerfen und damit für immer zu verlieren, griff ich heute erstmals im Leben zur Diktierfunktion meines Telefons (und damit erstmals überhaupt zu irgendeinem Diktiergerät). Ich diktierte mich selbst dort hinein, um später abzuschreiben. (Auf Papier übrigens, bevor ich nun tippe. Stift und Papier auszulassen geht nicht.)

Es ist ein neuer Weg, den kleinen Zeitraum, den ich hatte und habe, auszudehnen, zu weiten, so dass sich mir die Enge öffnet. Vielleicht finden sich solche Wege auch in anderen Räumen, ja, bei all meinen Farben möglicherweise. Ein Diktiergerät zum Umtönen von Farbräumen, das müsste ich mir schaffen …

 

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4 Kommentare

  1. Sprachlos bin ich – ein Text, den ich wörtlich fühlen kann. So ähnlich nehme ich auch oft wahr. Mit den Farben und allem, aber ich hätte nicht solch treffende Worte gefunden. Danke!
    Und ich hoffe sehr, dass du mit dem Diktieren und Umdenken und Neufärben gute Erfahrungen machst, die du hier teilst.
    Ich diktiere oft, wobei das immer nur „Notizen“ sind, meist schweizerdeutsche, da ich ja so denke. Beim Schreiben und Formulieren brauche ich wohl den Weg über die Hand. Noch.

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    1. Wenn ich mir mein Diktiertes anhöre, klingt es tatsächlich, als hätte ich nebenher mit dem Stift auf Papier geschrieben, wie als würde ich dort mitsprechen. So langsam, und von der Intonation her. Vielleicht habe ich genau diese Schreibevorstellung also beim Sprechen gebraucht?

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  2. Ein sehr dichter Text. Er macht’s mir nicht leicht, ihn zu lesen, zu verstehen. Er fordert, und das auf dem Heimweg nach einem langen Tag. Morgen lese ich ihn nochmals. Ist es die Rhythmik des gesprochenen Wort, der ihm eine eigene Färbung gab? Wie auch immer, danke für’s Verbloggen der Gedanken.

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    1. Das wäre interessant zu wissen: ob ich sprechend anders schreibe als schreibend. Obwohl ich sehr, sehr langsam gesprochen habe, fast wohl im Schreibtempo.
      Allerdings ist die erste Hälfte noch direkt geschrieben, ohne Diktat – gibt es im Text also irgendwo einen Bruch? (Frage ich mich selbst …)

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