Badezimmerspiegeltropfen

Wäre ich ein solcher, dann würde ich dort wohnen, auf dieser spiegelnden durchsichtigen Fläche des nacktesten, oft kleinsten Raums im Haus. Ich wäre selbst nahezu durchsichtig, fast unsichtbar, jedenfalls: unscheinbar.
Was aber würde sich mir nicht alles zeigen, mir winzigem Tröpfchen dort auf dem Spiegel.
Vielleicht bin ich ja ein solcher, so ein Tropfen, so ein winziges Tröpfchen?
Und sehe Dich?

Ich sehe Dich, wenn Du vor dem Spiegel stehst, in Deiner vollen Nacktheit. Oder eben in der Blöße, die Du Dir zu geben meinst, wenn Du vor Scham, Dir selbst nicht ohne Hüllen gegenübertreten zu können, kein einziges ungeschütztes Zentimeterchen Deiner Haut öffnest.

Ich sehe Dich in Deinem Mühen, morgens die Masken aufzutragen, die geschminkte Fassade, die dem Tag und seinen Situationen angepasste Frisur, all das, womit Du die Furchen und Schrammen und Narben Deiner Ungeschütztheit zu verbergen hoffst.

Ich sehe Dich in Deiner größten Müdigkeit, wenn Du morgens gerade Deine Höhle des Schlafs verlassen musstest, oder wenn Du abends kurz davor bist, wieder hineinzufliehen.

Ich sehe Dich in einem Zustand Deines Seins, in dem Du Dich niemandem, wirklich gar niemandem zeigen möchtest, in dem Du allzu oft die Tür hinter Dir verschließt.

Ich sehe Dich Tränen aus den Augen waschen, und Flecken wegreiben, und Spuren verwischen, all das.

Ich sehe Dich mal verzagt zweifelnd, mal blind wütend Dein Spiegelbild anschauen. Du schaust entsetzt beiseite, Du kannst es nicht lieben, wirst es nie im Leben zu lieben lernen.

Und plötzlich, eines Tages, sehe ich Dich staunen. Du staunst über Deine eigene Nacktheit, darüber, dass und wie Du sie zulassen kannst. Ich staune mit Dir.

Und ich sehe Dich lächelnd auf ein Stück Panzer verzichten. Nicht nur, weil der Kajalstift eh gerade aufgebraucht ist.

Ich sehe Dich, wie Du Dir Deine Müdigkeit beginnst zuzugestehen, wenigstens in jenem letzten Moment am Abend, in jener ersten Morgenstunde, in der niemand sonst Dich zu Gesicht bekommen darf.

Ich sehe Dich mutig einen anderen Menschen in Deine Nähe lassen, in Räume, die Du meintest ein Leben lang niemandem mehr öffnen zu können.

Ich sehe Dich ehrlich Deine eigenen Tränen betrachten, und Du sagst zu ihnen: Da seid ihr ja. Willkommen in mir.

Ich sehe Dich im Spiegel erkennen: Dich, Dich selbst, Dein Bild. Ein Bild ist ein Bild ist ein Bild. Und doch ist ein Bild ein Du, ist ein Ich.
Ein Ich, das sich selbst zulächeln darf.
Ich sehe Dich.

Ja, so ist das. Ich sehe Dich.
Es ist ein gar wundersames Leben als Tröpfchen auf dem Badezimmerspiegel.

 

9 Kommentare

  1. Tolle Bilder, die Du hier zauberst. Wunderbare Vorhaben, Erkenntnisse, Erfahrungen, die so ein Tröpfchen ausgelöst hat oder viele viele Tröpfchen, über die Zeit. Eine halbe Wand, eine ganze Wand nur Spiegel, der beschlagen scheint und doch mehr von Dir spiegelt(e), als Dir bewußt (und lieb?) war im Augenblick, da Du all das von Dir Geschriebene bemerktest …

    Danke für diesen sehr intimen Einblick (ich glaube, in ein Badezimmer).

    Gefällt 1 Person

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