Es einfach mal versuchen

Wie das wäre, einfach losschreiben zu können. Über irgendetwas, das in diesem Moment geschieht, an der Stelle der Welt, an der ich in diesem Moment sitze.
Hier zum Beispiel, auf einem Sofa einer kleinen Wohnung in einer kleinen Stadt – fremd und nichtfremd gleichermaßen, das alles – hier tippe ich drauflos, ohne zu wissen, wohin die Reise dieses kleinen Textes gehen wird.
Oder gestern abend in der Pizzeria, mit dem Füller, der mir plötzlich in die Hand gedrückt wurde, und der aus völliger Unbeholfenheit und dem Nichts heraus ein paar Zeilen auf den Schulschmierzettelrest warf. Beobachtungen, Gedankenanfänge, die Fortsetzungen in sich bergen. Ich war selbst erstaunt.

Es einfach mal versuchen: das schreibende Durchleben dessen, was geschieht. Und dessen, was nicht geschieht. Dessen, was ich also erschaffen kann und könnte. Eine Wortwelt, meine Wortwelt, aus Bausteinen zusammenzusetzen, welche mir in meinen Tagen entgegenfliegen. Oder nein: diese Bausteine als Gerüst zu sehen, allerhöchstens, um das herum sich Erfindungen ranken könnten, oder Träume – Fiktion jedenfalls, an Reales angeknüpft.

Möglicherweise ist das Leben weit weniger real als es den Anschein hat. Möglicherweise braucht es Fiktion, um das Tatsächliche auszuhalten. Möglicherweise kann das Schreiben und das Geschriebene Gedankenspielwiese sein, nicht mehr. Und nicht weniger.

Da ist eine Ahnung in mir, länger schon, dass ich mehr Worte aus mir herauslassen möchte und muss, damit es innen nicht überläuft. Ich weiß das ja.
Und dennoch habe ich meinen Alltag, meine ganz realen Zeitverfügbarkeiten, nicht darauf eingerichtet. Ich halte keine Räume bereit, um aus all den Wörtern in meinem Kopf, aus all dem Fließen, welches mich insbesondere in ungelegenen Momenten überkommt, Zeilen, Absätze, Texte zu formen.
Noch halte ich diese Räume nicht bereit. Die Ahnung sagt mir, dass ich dies sollte. Und dass ich dies werde.

Ja, doch, vielleicht versuche ich dies eines Tages ja: vom Stuhl zu erzählen, auf dem ich gerade sitze, und vom Muster der perlenden Tropfen am Badezimmerspiegel. Von der Kälte und Wärme des Biers und des Weins, und von ihren Farben. Von den Geräuschen der vorbeifahrenden Autos, die dem ins Zimmer hineingeworfenen Lichtkegel immer ein Stück hinterherjagen. Von all den anderen Geräuschen im Haus, dem Plätschern, Klopfen, Stapfen, Rauschen und Surren. Vom Spiel der Lichter all der Lampen ringsum, von ihrem Vermischen und Durchdringen.
Und, wenn ich mutig bin, traue ich mich eines Tages vielleicht sogar, aus einem zunächst arglos von einem Füller auf ein Schmierzettelchen gekritzelten, ganz der Realität entsprungenen Sätzchen eine Geschichte zu bauen, eine fiktive Welt zu erfinden. Eine, in der es um etwas ganz anderes, weiteres, allgemeineres geht.

Irgendwie so kann das sein mit dem Schreiben. Ich sollte es einfach mal versuchen.

 

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10 Kommentare

  1. Ja, versuchs! Tu es. Ih freue mich auf die Tropfengeschichte. Ich hatte diese Sehnsucht auch, dieses Drängen, dieses Verworten müssen dessen, was da mich umkreist… Bis die Trockenheit kam, das Verstummen. Und ich weiss nicht, ob es wieder kommt oder ob es ein erster Beginn des Sterben ist. Wie soll man das wissen?

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    1. Ach Gabriela. Mich machen Deine Sätze ganz traurig. Ich weiß ja um Dein Verstummen … Und doch hoffe ich, dass eines Tages auch das Verstummen wieder verstummen darf.
      Eine Tropfengeschichte ist gestern und heute tatsächlich gewachsen. Dein Anstoß war ihr Anfang. Und vieles darinnen – vielleicht kannst Du das ja erkennen – ist letztlich auch mit von Dir angestoßen worden. All die Jahre schon …
      Ich danke Dir, für so vieles!

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    1. Türen öffnen … ja. Ich beginne gerade, es in stärkerer Intensität als je zu erleben.
      Ich glaube, das ist auch, weil ich Euch alle kennengelernt habe. Das hat mich sehr ermutigt. Neben den vielen Geschenken, die ich sonst noch bekam …

      Gefällt 2 Personen

  2. Bei mir ist es so, daß das tatsächliche Leben ständig überlagert ist von Fiktion, von erfundenen Malheurs, von Freuden über Mögliches, von Gedanken zu den sich aus Ahnungen über Hintergründe zum Geschehen ergebenden Gedanken. Für mich ist diese innere Geschichtenerfinderei wirklich notwendig, um die Realität zu ertragen.

    Und ein bedingungsloses „Ja! Bitte! Mach!“ zu den letzten vier Sätzen.

    Danke für den EInblick.

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    1. Nun habe ich das „Ja! Bitte! Mach!“ umgehend in die Tat umgesetzt. Es fühlt sich gut an.
      Vielleicht bräuchte ich manchmal nur ein paar von außen gesetzte Imperative, um das zu leben, was von innen gesehen schon lange klar ist?

      Gefällt 1 Person

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