Von Brücken und Furten

Erst nehme ich sie gar nicht wahr, die Frage auf dem kleinen Blättchen, das hier im Hotel ausgelegt ist. Es geht darum, welcher „Waldtyp“ man sei. Wenn man etwa an einen strömenden, tiefen Bach komme, ob man dann
a) viele Kilometer bis zu einer sicheren Brücke laufe,
b) sich einen Übergang aus Steinen quer durch die Strömung lege, auf dem man irgendwie versuche ans andere Ufer zu kommen, oder
c) am selben Ufer bleibe, um sich dort – notgedrungen, oder die Situation akzeptierend – einzurichten.
So etwa übersetze ich mir die italienischen Optionen. Und denke spontan b). Ganz klar b): Ich versuche, mit allen Mitteln, die ich zur Verfügung habe, hier und jetzt auf die andere Seite zu kommen. Ohne leichtsinnig zu werden, vertraue ich doch auch wackligen Steinen. Wenn die Füße nass werden sollten, kann man die Schuhe trocknen. Wenn ich abrutschen sollte, kann ich mich mit den Händen abstützen. Zur Not auf allen Vieren, irgendwie werde ich ans andere Ufer gelangen.
Früher, als wir durch bulgarische und sibirische Berge wanderten, in Gegenden, die außer von uns wohl nur von wenigen Menschen betreten wurden, da kamen wir öfter an urwüchsige Bachübergänge. Auf Brücken durfte man dort nicht hoffen, auf gangbare Furten auch nicht. Daher bauten wir uns unsere eigenen Übergänge. Und es ging immer gut. Immer kamen wir ans andere Ufer. Ein bisschen nass vielleicht, aber das machte nichts.

Heute Nacht dann dieser Traum. Ich muss mit dem Fahrrad durch einen Fluss. Es gibt keine andere Möglichkeit – weder eine Brücke noch eine flache Stelle – als mitten hindurch zu fahren. Die anderen Radler tun das auch, ich treffe und sehe mehrere, und alle kommen wohlbehalten ans andere Ufer.
So mache auch ich mich auf. Zunächst ist es flach, nur die Reifen sind im Wasser. Dann geht es tiefer. Und tiefer. Unerwartet tief plötzlich, das weiß ich noch. Bis mein Fahrrad komplett im Wasser verschwunden ist, nur noch der Lenker herausschaut. Ein Lenker aber reicht um weiterzuschieben, denke ich, und so schiebe ich. Ich habe keine Erinnerung mehr, ob es dabei nass, kalt, strömend, kräftezehrend ist. Ich gehe ganz selbstverständlich weiter, immer auf die andere Seite zu, ohne etwas zu fühlen.
Das nächste Erinnerungsbild zeigt mich am anderen Ufer. Ich habe es geschafft. Einfach so.
Nur: die beiden großen Packtaschen sind in der Strömung abgerissen. Die beiden größten Gepäckstücke mit dem größten Gewicht sind weg. Irgendwie halbherzig mache ich mich noch auf die Suche nach ihnen, gehe nach hinten zum Wehr, suche im Schilf, aber da sind sie nicht. Damit ist es dann gut. Es wird nichts Wesentliches darin gewesen sein, denke ich.

Aha, möchte ich sagen. Dort ist ja alles gesagt, in diesem Traum. Ein Kinderspiel, ihn mir zu übersetzen.
Ich muss nur mein Fahrrad mutig durch eine Furt schieben, oder aber Steine legen, um auf die andere Seite zu gelangen. Das Vertrauen aus dem Traum und von meinen Bergbachwegen mitnehmen. Losgehen und hinüberlaufen. Bis ich drüben bin.

Ach, wenn es so einfach wäre …

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5 Kommentare

  1. Lieber Emil, ich werde das versuchen, nicht allzu nass, nicht allzu frierend hindurch zu gehen.
    Meine liebe Sonja, auch ich bin oft in Gedanken bei Dir – schön, dass Du Dich gerade jetzt meldest. Gerade jetzt, da Post unterwegs ist:)
    Liebe Frau Siebensachen, danke, vielleicht ahnst Du ja ein bisschen …

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  2. Es tönt ganz nach Aufbruch….und dafür wünsche ich dir ganz viel Mut und vor allem Vertrauen darauf, daß es schon der richtige Weg sein wird der einzuschlagen ist. Ich lese immer noch sehr gerne bei dir, auch wenn ich mich Ewigkeiten nicht mehr zu Wot gemeldet habe :-)
    Von Herzen liebe Grüße
    Rina

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