Zurückerinnert in ein reiches Jahr

Ja, ich bin zu spät. Die letzten Tage lag ich so erkältet und mit matschigem Kopf im Bett wie lange nicht. Aber auch ohne dies ist die Verspätung dieses Blogeintrags passend, ist doch eines der mich umtreibenden Themen, derzeitig besonders, ein anderer Umgang mit selbstgeschneiderten Terminkorsetts. Nichts anderes ist es, wenn einem das Kalenderdatum zum Zwang gerät. Besser wäre es doch, hier einfach sagen zu können: Ganz gleich ob am 31. Dezember oder am 2. Januar oder am 37. Juni – ich danke für ein vergangenes reiches Jahr. Und dafür, dass ich dies jederzeit, auch heute, am 5. Januar, tun darf.

An seinen letzten Tagen streifte ich – wie immer – gedanklich im vergehenden Jahr umher. Ließ meine Blicke durch Fotoordner, Tagebuch und Blogeinträge wandern, nahm den Familienplaner von der Wand und blätterte, ebenso im Taschenkalender. Ein Kaleidoskop des vergehenden, nun vergangenen Jahres kam zu mir zurück. Es entfaltete sich vor mir mit all seinen Schätzen, seiner Weite, seiner Fülle.
Ich staune. Ja, ich möchte danken.

Danke für mein Leben mit diesen wundervollen Kindern, immer und immer wieder …
… wie jedes auf seine Art, auf sehr eigenen Füßen durchs Leben geht und zuweilen mich sanft an die Hand nimmt, so dass auch ich neu schauen und meine Schritte anders setzen kann …
… wie der Sohn voll in die Pubertät eingetaucht ist (inklusive Schlafen bis 2 und größtenteils liegendem Absolvieren der Tagesstunden:)) und wir trotzdem nicht den Beziehungsfaden verloren haben, nach jedem – beiderseitigem – Laut- und Ungeduldigwerden wieder aufeinanderzu gehen können und uns eine neue Form der Nähe erarbeiten …
… wie die Tochter ihren Schulwechsel mit jauchzender Freude bewältigt hat, neue Freiheiten und Möglichkeiten gustiert, in ungeahnter Selbstständigkeit zurechtkommt (und auch ich – bei Kind2 nun also – lerne loszulassen, mich nicht mehr so sehr für ihr Lernen verantwortlich fühle und es darum umso besser läuft) und – das Wichtigste – endlich in einer Klasse gut angenommen ist, neue Freundinnen gefunden hat, sich verabredet, übernachtet, Geburtstage feiert, all das, was manche Kinder immer schon haben und hatten, darf sie nun auch erleben.

Danke für die Menschen, die ich als Geschenk auf meinen Wegen erleben darf …
… für nahe und fernere Freunde, mit denen wir häufig oder selten zueinanderfinden …
… für neue Menschen hier im Ort, die wir erst in diesem Jahr kennengelernt haben und mit denen es spontan so herzlich warm ist, dass wir uns auf mehr freuen dürfen …
… für innige Begegnungen in diesem Schreibraum; in diesem Jahr sind kostbarste Fäden hinzugekommen, die weit über das Virtuelle hinausreichen.

Danke für meine Arbeit, in der ich mich nach wie vor im schönsten Beruf der Welt wähne …
… für die täglich geschenkte Lebensfülle der jungen Menschen, die ich im Aufeinanderzugehen sehen darf …
… für meine in jeder Hinsicht herausfordernden 10. Klassen, mit denen wir noch Berge besteigen müssen, dann allerdings zum Ende des Schuljahres – als Belohnung? – gemeinsam nach Berlin fahren dürfen …
… für die Fragen in den Augen der 7t-Klässler, für die sie kaum Worte finden können, und für meine Ideen, die mir hin und wieder kommen, so dass manchmal ein „Ach so“ aus Schülermund und -augen mich ganz demütig macht …
… für unser Lehrerzimmer voller Kollegialität, Hilfsbereitschaft und Lachsalven, und für meine Schulleitung, die nach wie vor und immer noch mehr die beste der Welt ist.

Danke für mein Unterwegssein …
… für mehrere lange Radl-Alleinreisen, erstmals mit Zelt, mit noch intensiverem Draußenleben, an den frühlingskalten Mecklenburger Seen vorbei, sommers entlang der Ehemalsgrenze, und dann im herbstlichen Bayern  …
… für Reisen in den italienischen Schnee, nach München, nach Hamburg, nach Berlin, zu einem wiederum belebenden Klassentreffen, auf ein einsames Gehöft (das an jenem Wochenende alles andere als einsam war) …
… und nicht zuletzt für die Wege rund um unser Dorf.

Danke für die viele Musik hier in unserem Hause …
… wie die Kinder sich im Musizieren zu Hause fühlen, sich in immer neue Projekte stürzen, beglückt von Musikwochen zurückkehren, immer wieder gutgelaunt in ihren Unterricht gehen und von ihren Lehrern zurückkehren …
… dass wir nun das schwierige Thema des Klavierlehrerwechsels beim Sohn angegangen sind, mit hoffentlich erfolgreichem Ausgang …
… und auch wieder für unser Wettbewerbsdurchleben (wobei es dieses Jahr an unsere Grenzen ging, weil beide Kinder zum Landeswettbewerb und der Sohn wiederum zum Bundeswettbewerb fuhr; uns allen wurde spätestens dort bewusst, dass die Kinder unbedingt vor der Ehrgeiz- und Erfolgsfalle zu schützen sind, zumal beide dies selbst aus dem Bauch heraus signalisieren).

Danke für jeden Moment, in dem ich bei mir sein durfte …
… schreibend, lesend, fotografierend, Klavier spielend, Dinge betrachtend, staunend, atmend, sitzend, einfach nur da sitzend …
… insbesondere für die Ruhe, welche sich im letzten Vierteljahr in mir ausbreitete, da ich meine Teilzeitfreiheit vor allem dafür nutzte, alles langsamer anzugehen.

Danke auch für all das, was in diesem Jahr fehlte. Es wäre, schriebe ich es auf – wie vielleicht bei jedem Menschen? – eine lange Liste.
Wie letztes Jahr schon schreibe ich mir dies dazu:
Die wesentlichen Dinge kannst du nicht machen, sondern nur empfangen. Aber du kannst dich empfänglich machen!
(aus Martin Schleske: Der Klang)

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