Herbstradeln Tag 3: Nördlingen – Gaildorf

Heute schwimme ich mich frei. Nein, kein Vorsatz, sondern Erleben.

Obwohl heute morgen die zeitliche Nähe des Bald-wieder-Alltags in meinen Kopf rückt, fast in Stunden schon ist sie zu messen, kann ich mich von ihr lösen.
Dieser sogenannte Alltag betrifft mich nicht in meinem Heute, bedrängt und bedrückt mich nicht. Er ist einfach nur da, als Wissen darum, wie es bald wieder sein wird.
So wie dieser hiesige, radelnde Tag da ist. Kein Konkurrieren, kein Wettlaufen, kein Bewerten dieser beiden so verschiedenen Zeiten. Friedliche Durchdrungenheit, eine Symbiose der beiden Pole. Einatmen und Ausatmen.

In solche ungestörte Gelassenheit auch in kurzen Ferien zu finden, und nicht schon mit rasend-hektischer Nervosität das Ferienende zu antizipieren, wo sie noch kaum begonnen haben, dazu habe ich eine lange Lehrzeit gebraucht.
Im Moment ist – so scheint es – Erntezeit. Von den Bäumen zu pflücken: stille, ruhige, unaufgeregte, friedliche Freude. Möglicherweise habe ich diese nicht mal gesät, wer weiß das schon.

Ich fahre also – und sammle von den Feldern, was sie darbieten. Für den kommenden Winter. Irgendwann kommt immer ein Winter. Manchmal auch im Sommer, manchmal morgen schon, manchmal in der nächsten Sekunde. Ich sammle also. Wie Frederik.

Heute ernte ich …

… Morgennebel auf den eigenwillig geformten Tafelbergen der Schwäbischen Alb,

… das Erleben einer Kraft, die sich nicht unwillig gegen die Anstiege stellt, sondern sie Schritt für Schritt einfach hinaufsteigt,

… Lichtblicke in und durch allfarbene Baumkronen,

… das Lächeln der Frau, die mir an der Kreuzung Vortritt ließ, und das von jenen Menschen im Café,

… meine Wiederbegegnung mit Jagst und Kocher, in noch ganz kleindkindartiger Größe,

… ein besonderes Gefühl, als ich die Wasserscheide überquere – auch wenn es dort oben sehr unspektakulär ausschaut,

… die Vertrautheit der Sprache, der schwäbischen – es fließen Erinnerungen an meine Zeit in Tübingen (natürlich, Ortsansässige werden umgehend erklären, dass die hiesige und die dortige Sprache SO unterschiedlich sind…),

… den Stausee, mit allem, was Wasser mit einem macht, wenn man nur lange genug seinen Blick darin verliert,

… die Überquerung des Buckels zwischen Jagst und Kocher, auf dem es sich alpenländisch anfühlt, so wohlig,

… die Rast am blätterbedeckten Waldtisch, inmitten einer raschelnden Idylle, und einem Blätterregensegen mit jedem Windstoß,

… den so glatt ausgebauten Jagst-Kocher-Radweg, der zum Ende des Tages derart ungeahntes Tempo zulässt, dass zeitlich sogar noch eine Kaffeepause drin ist, ohne dass ich anschließend in die Dunkelheit fahren muss.

Am Ende des Tages findet sich – trotz geschlossener Jugendherberge – ein Zimmerchen am Wegesrand, mitten in der Pampa. So habe ich keine Veranlassung, nochmals hinauszugehen und irgendwelche Straßen und Orte zu durchstreifen. Ich bleibe einfach nur im Zimmerchen und lese stundenlang – lediglich unterbrochen durch Abendessen und -trinken, natürlich.
Ein Tag voller Geschenke.

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