sonntags, immer

Mir fehle das Ausflugsgen, sagte ich neulich zu jemandem. Ich habe keine Sehnsucht danach und kein Talent dafür, den Samstag mit Plänemachen und Vorbereitungen, den Sonntagmorgen mit Broteschmieren, Kinderwecken und hastigem Aufbruch und den Sonntagabend mit hektischen Alltagsvorbereitungen und stetem Blick auf die schon viel zu weit fortgeschrittene Uhr zu verbringen. Was dazwischen liegt – das Sonntagsausflugsdasein selbst – das könnte mir gefallen. Weil ich aber das Drumherum nicht ausstehen kann, krieche ich selten aus meinem Wochenendschneckenhaus. Kurzum, wir bleiben meist daheim.

Neulich aber, da sattelten wir unsere Räder, schlossen uns tausenden anderen Familien an und fuhren an den Rhein. Es war ein guter Tag, ja doch. In der Erinnerung ein farben- und wärmegefluteter Tag, im Innen wie im Außen. So verlockend wohltuend, dass wir, bevor wir noch die Rückfahrt antraten, sogleich neue Pläne geschmiedet hatten. Ins Elsass, das so nah ist. An die Quelle des Bächleins, das uns täglich vor den Füßen herumplätschert. In die große Stadt nur wenig südlich von uns, die wir noch kaum kennen.

Gesagt, nicht getan. Die Wochenenden für diese Unternehmungen sind schon längst wieder vergangen. Keiner hat die Pläne mehr erwähnt, so als wären alle froh, dass wir uns das Packen und Satteln sparen und unsere Sonntage einfach ganz ruhig verbringen. Angefüllt mit dem, was Sonntage eben zu Sonntagen macht.

In der meditativen Stimmung des Bilderbetrachtens und -sortierens nämlich springt mir vor und in die Augen, dass es ganz gleich ist, wo ich bin. Ein Sonntag ist ein Sonntag ist ein Sonntag. Und ist zuweilen auch ein Samstag oder ein ganz anderer Wochentag. Auf den Hügeln meines Dorfes verbracht, oder am heimischen Kachelofen (der ja schon längst keiner mehr ist), oder eben „im Grünen“, das auch schon keines mehr ist. Sonntag ist, was ich zu einem Sonntag mir mache.

Wenn ich nämlich eingefahrene Gleise des Alltags verlasse. Sei es auch nur, um abends wieder zurückzukehren.

 

 

Wenn ich die Zeit zwar im Augenwinkel behalte, sie nicht ganz vergesse, aber sie doch nicht mehr im Mittelpunkt meines Schauens steht.

 

 

Wenn ich mich freimache, den gewohnten Trott verlasse, hinauslaufe, im Innern wenigstens.

 

 

Wenn ich ein Stück Himmel entdecke. Das versteckt sich manchmal auch unter der Bettdecke.

 

 

Wenn ich einen Blick auf ungewohntes Licht in ungeahnten Weiten erhasche. Die Augen eines anderen Menschen reichen dazu, oder die Zeilen meines Tagebuchs.

 

 

Wenn ich mir selbst den Fluss sichtbar mache, in all seinen Dimensionen, seiner Behäbigkeit, seiner Kraft.

 

 

Wenn ich dahintreibe, auf genau diesem Fluss. Oder manchmal nur auf einem Rinnsal. Sonntage dürfen sich auch dürstend anfühlen.

 

 

Wenn ich all die Farben am Ufer sehe. Am anderen, oder an meinem.

 

 

Oder aber Farben, für die es keine Ufer braucht.

 

 

Wenn ich einen Weg gehe, der ins Irgendwo führt. Das manchmal im Innern, manchmal im Äußeren, manchmal im Nichts liegt.

 

 

Wenn ich mir dort – vielleicht gerade am Punkt des tiefsten Nichts? – meine Kathedrale bis in den Himmel errichten kann. (Wo habe ich nur dieses Bild von der Kirche im Inneren gefunden? Es ist mir zugeflogen.)

 

 

Wenn mir die eine oder andere morsche Stelle, manch Riss im Alltagsgefüge sichtbar wird.

 

 

Wenn Struktur, Ordnung, Muster für einen Moment verborgen und unerkannt bleiben dürfen.

 

 

Wenn scheinbare Unscheinbarkeit sich unversehens als atemberaubend Geschöpftes entpuppt.

 

 

Wenn Zeit ist, einfach dazusitzen und vor sich hinzuschauen. Wie Astrid Lindgren es so schön sagt.

 

 

So ist es hier, sonntags.
Wobei, wie gesagt, sonntags auch samstags sein kann. Oder alltags. Oder allnachts.
Oder gar immer?

 

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