es sind Kinder, einfach Kinder

„Was brauchen Kinder, um sich von schweren seelischen Verletzungen zu erholen? Die Antwort ist nicht schwer zu finden. Sie brauchen vor allem einfühlsame und geduldige Erwachsene. Aber wo gab es sie in Kriegszeiten und in den Elendsjahren danach? Wer hatte noch die Aufmerksamkeit, die Nerven und vor allem die Zeit, um ein verstörtes Kind in den Schlaf zu streicheln? Wer nahm ihm die Angst vor bösen Träumen? Wer verstand die Wut von kleinen Mädchen und Jungen, weil ihre Welt entzweigegangen war, und reagierte mit Liebe statt mit Schlägen? Wer vermochte es, mit einem verstummten Kind zu schweigen und ihm dabei ganz nah zu sein? Wer verzichtete auf jede Eile, damit eine kleine Hand sich in einer großen Hand geborgen fühlen konnte? Wer redete mit ruhiger Stimme, und wer war ein guter Zuhörer…?

Auf dem Treck ist es zuerst ganz lustig, jedenfalls ungeheuer interessant. Die Kinder sehen sich mit großen Augen um. Als aber die Dämmerung kommt, wird es ihnen unheimlich! ‚Wir wollen ins Zimmer, Mutter, warum gehen wir nicht ins Zimmer?‘ Es wird kalt, es wird dunkel – die Kleinen zwischen zwei und sechs Jahren verstehen nicht, was dieses soll; sie sind verzweifelt wie aus dem Nest gefallene Vögel, überwältigt von dem Unbekannten.

Das Kind beginnt zu vergleichen: ‚Alle Kinder haben Spielzeug. Bloß ich habe keine Spielsachen.‘ ‚Warum haben wir keine Äpfel? Die anderen Leute haben doch alle Äpfel?‘ Es wird Ostern und obwohl es ja ’nichts gibt‘, haben doch die Kinder der Hauswirte schöne bunte Eier gebracht bekommen. Ganz genau hat Hubert (viereinhalb Jahre) es gewußt: auch ihm wird der Osterhase etwas bringen; aber er brachte nichts. Als er weinte, schenkte ihm eine Frau ein großes Pappei. Er öffnete es voll Erwartung, es war leer. – Eine Welt hatte er zusammenstürzen sehen, aber auf den Osterhasen hatte er sich doch verlassen. Und nun war auch das nichts gewesen, auch dies hatte getrogen.

Barbara ist inzwischen acht Jahre alt geworden; längst bewegt sie sich mit der Sicherheit eines Eingeborenen in ihrer neuen Welt. Sie spricht die breite westfälische Sprache ihrer zweiten Heimat; hinter ihr liegen die Zeiten, wo sie jeden neuen Menschen mit Mißtrauen ansah. Und doch passiert folgendes: Beim Abendbrot ist die Rede davon, daß eine Nachbarsfamilie aus der Wohnung herausmüsse. Das Kind wird totenbleich, legt den Löffel hin. ‚Mutter, müssen wir wieder weg?‘

‚Nicht wahr, Mutter, wenn wir das nächste Mal fliehen, dann darf ich mein Rucksäckchen doch behalten?‘ … Die Welt dieses kleinen Kerls sieht so aus: Man geht eben ab und zu auf Flucht.“

Aus Sabine Bode: „Die vergessene Generation“. Über die, die in den 40er-50er Jahren als Kriegs- und Flüchtlingskinder durch die Welt irrten. Und deren Wunden bis heute nicht geheilt sind.

Man möchte es zur Pflichtlektüre machen …

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3 Kommentare

  1. …und wir sind deren kinder, so ungefähr jedenfalls.
    ich las einen blog oder bericht, in dem über das trauma des 2. weltkrieges geschrieben wurde und wie es sich auf die folgenden generationen auswirkt. demzufolge haben auch wir „kriegsenkelinnen“ immer noch daran zu tragen, auf einer anderen ebene halt. ja, das hört so schnell nicht auf.(mist aber auch.)
    lg!

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