Tag 19: Lehesten – Juchhöh

Es ist nicht so, dass ich den Abschiedsschmerz schon heute spüre. Aber ein wenig zieht es. Vorletzter Tag der Reise, ein vorletztes Mal morgens auf den Weg gehen, ein Ziel suchen, abends einlaufen. So plötzlich ist die Reise um. Während sie mir anfangs unendlich schien, auch weil ich noch nie so lange allein unterwegs war, während ich zwischendurch an den Schlechtwettertagen in bergigem Gelände in leichte Zweifel verfiel, warum ich weiterfahre, warum ich mir die Anstrengung im Regen antue, ist das Fahren jetzt zur Normalität geworden. Seit wenigen Tagen sogar ohne Zeitdruck, ohne ständigen Blick auf die Uhr, einfach nur durch die Landschaft treideln.
Und plötzlich ist es um.
Mein Kopf wälzt Plänchen für die nächsten Ferien, während diese noch nicht zu Ende sind. Absurd.

Ich fahre also morgens los. Bedeckter Himmel, Kälte, Nieselregen – im Gegensatz zu den Ansagen der Wetterapp – und böiger Wind. Bergauf. Ich schleiche mit knapp über Fußgängergeschwindigkeit – und es fühlt sich normal an. Tritt Tritt Tritt. Monoton. Ohne nachzudenken. Ohne zu hadern. Das vor allem. Gutes Fahren ist Fahren ohne Hadern. Über die Anhöhen und Winde und Beschwerlichkeiten des Weges gar nicht mehr nachdenken, sie nicht im Voraus betrachten, nicht als Berg vor sich sehen, sondern sie Tritt für Tritt durchlaufen. Meditativ. So ist mein Fahren geworden, in den letzten Tagen schon, spätestens heute. Selbst als ich schiebe. Denn man hat mir eine lange 20%-Steigung in den Weg gesetzt. Die schaffe ich nicht zu fahren. So ist das eben auf diesem Grenzweg.

Nachmittags im Supermarkt – an die Abwesenheit von Cafés und Picknickplätzen habe ich mich gewöhnt, wenn ich Glück habe gibt´s nen Stehkaffee beim Discounter – treffe ich ein Radlerpaar, das die Saale längs fährt. Sie hatten sich unter Flussradweg etwas anderes vorgestellt. (Hätte ich wohl auch, wenn ich mir diese Tour ausgesucht hätte.) Wirken müde von den ständigen Steigungen, genervt von den großen Straßen und empört über die Einfachheit der Unterkünfte.
Hm. Ich bin viel jünger als die und fühle mich nicht ermächtigt ihnen zu erzählen, dass man die Dinge auch anders sehen kann. Ein bisschen kommen wir aber trotzdem ins Gespräch, sie fragen nach meinen Tagen, und ich erzähle, wie sich mein Blick auf Berge und Hindernisse im Laufe der Tage geändert hat. Sie hören zu. Wir wünschen uns gute Fahrt – mögen sie noch in einen wirklichen Fahrttritt hineinfinden.

Und einen Wanderer treffe ich. Oben am Rennsteig schon, denn mein Radweg führt über viele Kilometer darauf entlang. Und dann unten, an seinem Ende in Blankenstein, da hat er mich eingeholt. Sechs Tage ist er entlanggelaufen – schneller war ich mit dem Fahrrad auch nicht:)
Nun läuft er noch vor bis zur Saale und sucht eine Stelle, um seinen Stein aus Hörschel hineinzuwerfen. Er wirkt versonnen.
Ein anderer Wanderer hat sich im Supermarkt mit wohl den gleichen Dingen versorgt, die auch ich als Stärkung brauche, und macht sich singend auf den Weg. Hochzu. Es gibt schon viele Menschen, die auf dem Weg sind ….

Viel mehr bleibt mir von diesem Tag gar nicht zu erzählen. Ich bin glücklich unterwegs gewesen. Habe an Gartenzäunen und Rastbänken Schwätzchen gehalten, Wärme in so kleinen Begegnungen gespürt, die Frauen an der Bushaltestelle…
Habe die Nieseltröpfchen auf der Haut gespürt und den Wind im Gesicht, und irgendwann auch die Sonne. Habe den Rennsteigschotter gustiert – nach dem gestrigen Tag – und das waldige Auf und Ab, das heute gar nicht verirrträchtig war. Bin mehrmals viele viele Höhenmeter hinaufgetreten und habe das langsame Hinabrollen geübt. Ja, doch, beim Hinunterrollen muss man bremsen. Dann ist es nicht so schnell vorbei. Zumal wenn man Blicke in die Landschaft geschenkt bekommt, die vermutlich bis an die Ränder des Kontinents reichen. So weit ist es hier. Nach jedem Aufstieg ein tiefes Aaaahhh über das, was sich dem Blick öffnet. Und dann bremsend hinabrollen und sich wie im lebendigsten Film des Lebens fühlen.
So war das heute.

Und nun bin ich in Juchhöh. Eine Siedlung bestehend aus genau vier Häusern. Betont wird der Name auf der zweiten gedehnten Silbe, so höre ich es von den Einheimischen. Schon morgens rief ich hier an, denn es ist das letzte Gasthaus vor dem Dreiländereck. Dünn gesäht sind die Quartiere hier, immer noch. Es war und ist eben Grenzstreifen. Also: nach den gestrigen Erfahrungen rief ich morgens an. Sie hätten Urlaub, sagte die Frau, aber sie machten für mich auf. Und auch was zu essen bekäme ich. Unglaublich. Extra für mich?! In ihren Betriebsferien?!
Juchhöh! Juchhe!

Am letzten Tag – jetzt gleich – wird es in ein geteiltes Dorf gehen, das darum von den Amerikanern einst ¨Little Berlin¨ genannt wurde. Dann ans Dreiländereck, welches eigentlich gar kein Dreiländereck mehr ist:) Ich werde meinen Fuß kurz nach Tschechien setzen – leider ist keine tschechische Ortschaft in der Nähe, sonst würde ich zu gern all die tschechischen Leckerlis … nun gut, ist nicht.
Dann nach Hof. Und um mich am letzten Radeltag nicht hetzen zu lassen, werde ich nicht mehr abends mit dem Zug nach Hause fahren, sondern in aller Ruhe ausrollen und in der Jugendherberge übernachten. Bevor dann morgens der Zug bzw. die ZügE: ich rechne mit 6-8 mal Umsteigen.
Aber das finde ich heraus, wenn ich am Bahnhof bin. Die Berge nicht im Voraus anschauen, sondern wenn sie des Wegs kommen. Vielleicht erschafft die Bahn ja ab morgen eine Direktverbindung von Hof in mein Dorf. Warum also soll ich mich heute darum sorgen?

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5 Kommentare

  1. Schön war es, Dich begleiten zu dürfen und schade, dass sie vorbei ist, Deine Fahrt.
    Heute, in Hof, könnten wir uns sehen .. denn hier lebe ich.
    Sei herzlich gegrüßt .. meine Heimatstadt erwartet Dich mit offenen Armen und dem schönsten Sonnenschein ..

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  2. deine reiseberichte lesen sich so gut. ich kann bis in meine zellen hinein spüren, was du schreibst, denn alles erinnert mich an meine(unsere) im vergleich minikleine tour im juli. und auch ich habe gestaunt über einblicke und ausblicke, und darüber, wie viele menschen sich diese wunderbare erfahrung gönnen, unterwegs zu sein.
    hab dank fürs teilen!

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  3. Deine Reiseberichte wecken Sehnsucht in mir nach dem unterwegs sein. Es ist schon so lang her, dass ich Urlaub auf diese Weise verbracht habe, aber ich erinnere noch diese gute Gefühl bei mir selber anzukommen. Danke für deine intensiven Berichte und einen schönen Aus- und Nachklang deinerReise. Herzliche Grüße, Christine

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  4. Ich bin eine lausige Kommentarbeantworterin :(
    Unterwegs war es auch immer ein wenig schwierig, aber nun bin ich ja schon wieder ne halbe Woche zu Hause …
    Jedenfalls: Über jeden einzelnen Kommentar freue ich mich sehr! Seid bedankt dafür!

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