Tag 18: Stockheim – Lehesten

Mein Respekt vor den heutigen Anstiegen lässt mich den Frühigkeitsrekord im Losfahren brechen: Punkt 9 bin ich schon auf der Straße. Dabei ist es gar nicht so furchtbar wie befürchtet. Immer gleichmäßig ansteigende Asphaltstraße, später Waldweg, kein Abwärtsstück, immer gleichmäßige Steigung in einem langgezogenen Tal. Das lässt sich stundenlang in gutem Rhythmus fahren. Ermüdend ist einzig, dass es keine Pausengelegenheiten gibt, keine Bänke, keine wiesigen Wegränder, keine Orte, nichts. Hin und wieder Industrie, sonst Straßengraben oder Dickichtwald. Nach fast drei Stunden greife ich mir eine Bordsteinkante als Ausruhmöglichkeit, direkt vor einer Fabrik – das erwartet man im Thüringer Wald ja eigentlich idyllischer:)

Kurz darauf führt der Weg querfeldein. Eine Spezialität dieses Radwanderführers: mit dem Ziel steter Grenznähe werden eingefahrene Pfade verlassen. Das ging manchmal gut, manchmal nicht. Oft habe ich die Weglein nicht gefunden oder erst gefunden und dann wieder verloren. Allen, die nach diesem Bike.line-Buch fahren, geht es übrigens genauso. Und Ausschilderung ist meist nicht vorhanden. Als gnadenlos optimistischer Mensch versuche ich es aber immer wieder.

Heute geht es überhaupt nicht. Hätte ich das vorher gewusst, ich wäre weiter die ruhige Landstraße gefahren. So aber verfranse ich mich offenbar gleich an der ersten Ecke, schiebe Schotterstrecke und lande – tata – dort, wo mich die Landstraße auch hingebracht hätte und wo ich gar nicht hinwollte: Naturpark-Infozentrum Spechtsbrunn. Bis auf die vielen Autos, Busse, Motorräder, Quads und Wanderer macht das ja nichts, dieser kleine Umweg. Hat zu, ich lese 100 Schautafeln und bin bald wieder weg.

Den Rennsteig entlang für ein paar Kilometer, bis zu einem stillen Rastplatz mit Gedenktafeln, aufgestellt anlässlich der Wiedereröffnung des Rennsteiges als verbundener und verbindender Wanderweg. Hier soll ich abbiegen – und habe drei Wege zur Auswahl. Offenbar entscheide ich mich für den falschen, denn nach immer grobkörniger werdendem Schotter und vielen Aufs und Abs stehe ich im Nirvana, ca. 20 m neben einer Straße, die mir laut Navi jetzt weiterhelfen würde. Bevor ich mein bepacktes Radel aber durchs Dickicht hinüberzerre (Brombeeren, Brennesseln, Graben und ein nur schmaler Spalt in der Leitplanke gilt es zu überwinden) steht wie aus dem Nichts der gute Geist einer Beeren sammelnden Frau vor mir. Sie bestätigt mir, dass ich so an der nächsten Abzweigung nach Lichtenhain komme, also zügele ich das Radel durchs Unterholz (eine mir noch unbekannte Form des Radwanderns) und atme kurzzeitig auf.

Bis es – ganz nach Radwegeplan – auf ¨Kolonnenwege¨ geht. Hätte ich die warnenden Radler gestern doch ernst genommen. Sie berichteteten von der absoluten Unfahrbarkeit dieser Betonplatten mit Längsschlitzen in Reifenbreite. Ich schiebe also. Bergauf keuchend. Bergab immer in der Angst, dass mir das Hinterrad die Beine umhaut. So steil ist es.
Das können die Bike.line-Auoren nicht ernst gemeint haben. Ehrlich gesagt ist meine Geduld mit dem Weg hier kurzzeitig zu Ende, sehr. Ich fahre gern auf und ab, darüber kann man sich vorher kundig machen, sich überlegen, welche Anstrengungen man sich zumuten möchte. Aber ich möchte eben RadFAHRen. Davon kann heute über weite Strecken nicht die Rede sein.

Hinzu kommt, dass ich kein Übernachtungsquartier in meiner Zielgegend finde. Keiner nimmt das Telefon ab, auch die Touristeninformation nicht. An anderer Adresse heißt es empört, man hätte überhaupt keine Zimmer. Da und dort sind Betriebsferien. Und es wird grau und grauer am Himmel, beginnt zu tröpfeln. (Meine Gedanken schweifen ab: nächste Stadt, nächster Bahnhof – wie wäre das jetzt …)

Erstmal schnell vom Berg runter, falls ein Gewitter kommt. Unten in Lauenstein (nach 20-%-Steigung, zum Glück abwärts) an einer Kreuzung ohne Bank, mit hupenden tutenden Autos, die ständig neben mir mit laufendem Motor stehen bleiben, telefoniere ich weiter und finde doch noch eine Übernachtung in der Nähe meines Tagesziels. Gut. Also weiter. Wieder 300 Höhenmeter rauf.

Und wieder Wegsuche. Der Bike.line schreibt erstmals ¨unwegsam¨, ein Attribut, das er den bisherigen Strecken nicht gegeben hat. Ich möchte gar nicht wissen, was mich dort erwarten würde und will das Stück umfahren. Mit Navi und Karte, denke ich, klappt das. Und dann noch eine Radwegeausschilderung nach Lehesten – ich wiege mich in Sicherheit …. und lande wieder am Ende der Welt.
Nach verheißungsvollen zwei Asphaltkilometern stehe ich in einem Steinbruch nebst zugehöriger Staubproduktionsfabrik, und die Straße endet abrupt. Karte und Navi zeigen sie als durchgehend an, obwohl doch hier 40 Jahre lang eine Grenze war? Ich, naiv, vertraue wieder der Karte (hab ja keine Wahl, irgendwie muss ich ja auf den Berg kommen) und lande auf dem Weg, der den Tag toppt. Untergrund: zerbröckelter Asphalt, durchscheinendes Mittelalterkopfsteinpflaster, loser Schottersand und dicht gelegte faust- bis kindskopfgroße Gesteinsbrocken. Absolut unfahrbar. Aber wohl durchgehend zum Zielort. 8,4 km. 2-3 Stunden schieben. Die Berge sind hier überall saftig, Zurückfahren ist keine Alternative.
Also schiebe ich los. Und habe ein bisschen Angst: wenn das Navi irrt? Wenn der Kompass nicht stimmt? Wenn der Weg doch noch endet und ich am Ende durch Getreidefelder schieben muss? Das ist schon unheimlich. Andererseits ist es erst 5 Uhr, und ich bin, wie ich schon sagte, ein hoffnungslos optimistischer Mensch.
Heute hat mir das sehr geholfen. Ich weiß nicht, in welche Stimmung ich sonst verfallen wäre …

Irgendwann bin ich da. Für nur 50 km elf Stunden unterwegs. 850 Höhenmeter aufwärts, 650 abwärts. Bestimmt ein Drittel davon geschoben, auch abwärts.
Eine sehr nette Wirtsfamilie erwartet mich, hält Essen und Bier und Wlan bereit (denn hier ist Funkloch) – und ich lasse los. Da waren heute schon Sorgen und Ängste in mir, so abseits, so allein.

Während ich sitze und still werde, kommt Herr Irgendlink am Nordkap an. Ich teile mein Bier und mein Rostbrätl mental mit ihm – und denke, dass er bestimmt tausende solche Situationen durchlebt hat, und immer allein. Mir Gelassenheit abschauen ..

Wir erzählen mit den Wirtsleuten, von ihrem Leben im Sperrgebiet, damals und jetzt, und wie der Grenzzaun aussah – und dass sie aus dessen Material jetzt jenen Verschlag für ihr Kaminholz gebaut haben.
Ich spaziere durchs Dorf, und ich plane im Kopf die letzten beiden Tage, die mir noch bleiben. Werde mich mehr an Straßen halten, mich auf Waldwege nicht mehr einlassen. Werde mich gleich früh um eine Übernachtung kümmern. Werde versuchen, die letzten beiden Tage noch gaaaanz tief durchzuatmen. Es ist ja – bei allem – trotzdem gut, so unterwegs zu sein. Auch an solchen Tagen.

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