Tag 16: Meiningen – Bockstadt/Eisfeld

Es ist sonniger und trockener hier oben, trotzdem trocknet das Zelt nicht. Die Werra scheint besonderes Wasser zu haben. Zeltlerfesthaltewasser.
Macht nichts, ich bin eh eine Nachmittagsfahrerin. Auch bei trockenem Zelt komme ich morgens nicht gut weg. Es ist aber auch zu schön hier auf der Bank in der Sonne.

Als ich´s dann aber geschafft habe, empfängt mich Meiningen mit einer Wow-Innenstadt. Ich sitze auf dem Markt, trinke Kaffee, höre Orgelmusik aus der offenen Kirche und will hier bleiben. Mal wieder die Sache mit den Orten, von denen man nicht wegwill …

Aber das Wegfahren lohnt heute. Den ganzen Tag geht es im Werratal aufwärts. Grün, so dass es satter nicht geht, Flussauen, Hügellandschaft, kleine Dörflein mit uralten Steinbrücken. Später wird das Tal enger, die Landschaft fast almenartig. Irgendwo las ich mal das Wort ¨Genussradeln¨ – DAS hier muss gemeint gewesen sein.
Irgendwo unterquere ich die A71, unsere Berlinfahrautobahn. Als Ritual schon machen wir immer in irgendeinem Thüringischen Ort Rast, ist die Hälfte der Strecke. Die nächsten 37 Male werden wir also in Meiningen Rast machen.

Erstmals, glaube ich, auf dieser Tour, vergesse ich heute die Zeit, die Kilometerzahl. Und werde langsamer, ganz von allein. Noch weit entfernt von langsam, aber ein ruhigeres Tempo. Eines, was nicht das Maximale herausholen will, sondern sich rundum stimmig anfühlt, weil ich jahrelang genauso weiterfahren könnte.
Es ist ein unselig Ding mit dem Beeilen. Unser – oder jedenfalls: mein – Leben hat das Hasten so internalisiert, dass es viel Mühe braucht, sich davon zu lösen. Heute ist es so weit, heute hat die Reise eine neue Qualität bekommen, sozusagen.
Ich sorge mich nicht mehr, wie weit ich komme, ich sorge mich nicht mehr, wo ich bleiben werde, sondern ich fahre einfach.

Irgendwann bin ich in Hildburghausen, es ist schon Nachmittag, Zeit für einen Eiskaffee – ein riesiger, unbelebter Marktplatz hält immerhin gleich zwei Cafés bereit. Ich sitze lange dort, blättere in Karte und Internet, auf der Suche nach meiner weiteren Route und Übernachtungsmöglichkeiten. Hier irgendwo werde ich vom Werraradweg abbiegen und zurück zur Deutsch-deutschen Route queren. Die Landschaft ist bergig, die Radwege schlängeln sich irgendwie, ich versuche mit dem Navi eine Strecke mit möglichst wenigen Achttausendern auf dem Weg ausfindig zu machen. Dabei das Übernachten im Auge behalten: schwierig, weil hier wieder so ein touristisches Niemandsland anbricht.

Noch völlig unentschlossen fahre ich erstmal los – und tata! – werde von einer Wespe gestochen. Nicht beim Eis, nicht beim Essen, sondern einfach so. Beim Fahren seitlich in den Fahrradhandschuh reingekrochen und zweimal zugestochen. Kann ja noch von Glück sagen, dass sie es nicht öfter getan hat, bevor ich das enge Ding ausgezogen hatte. Und dass ich nicht vor Schreck vom Fahrrad gestürzt bin. (Meine Güte, tut das weh. Mein letzter Stich war in der Kindheit, ich hatte das verdrängt.)
Weil ich die Wespe übrigens nicht aus dem Handschuh habe wegfliegen sehen, bin ich jetzt von einer irrationalen Panik besessen, dass sie da noch irgendwo drin sitzt; ich werde diesen Handschuh nie mehr anziehen:) Und meine Hand ist nun wieder komplett faltenfrei, wie zu Babyzeiten. Dass es mörderisch juckt, bedeutet ja wohl, dass es mörderisch heilt, oder?

Wie als Ausgleich löst sich wenigstens das Übernachtungsproblem wie von selbst. Immer noch unentschlossen, wo ich suchen soll, steht plötzlich ein Campingplatzschild im Weg. Ein privater Minicamping, ich ganz allein. Rufe an – der Besitzer kommt erst morgen früh zurück, ich solle mich ausbreiten, und im Nachbardorf gäbe es auch eine Kneipe. Holla, so schnell komme ich zum Alleinübernachten in einsamster Gegend. Niemand hat mich gefressen (obwohl ich bis Mitternacht noch eifrig nach akustischen Anzeichen dafür gelauscht habe). So ist es bis zum Wildzelten ja eigentlich nicht mehr weit.

Eine Episode noch: in Thüringen ist Einschulungswochenende. Schon vor zwei Jahren waren deswegen in Jena alle Hotelzimmer ausgebucht – hä?, und heute verstehe ich warum. Mädchen mit Hochsteckfrisuren, hochzeitsgesellschaftsgroße Begleitverwandtschaften, Festaktivitäten, wie man sie bei uns nicht mal beim Abitur findet. Ich bin verblüfft.
Abends dann, in der Kneipe im Nachbardorf, steht – wie in allen anderen Gasthäusern am Wegesrand – ein Schild davor: ¨Heute kein Speisenangebot¨. Ich frage nach und habe richtig vermutet: die sind ALLE mit Catering für diese Einschulungsfeiern beschäftigt. Da habe ich als simple Touristin jetzt einfach Pech.
Aber nein, ganz so schlimm ist es nicht. Im Gasthaus meiner Wahl klopfe ich mit aller mir verfügbarer Nettigkeit an die Küchentür, schildere mein Schicksal als einsame Alleinreisende und ob ich – nur ich allein – denn nicht trotzdem ein bisschen was … und ein Bier. Und natürlich: es geht. Klar lassen sie mich nicht verhungern:)
Und während ich diese Ausnahmebehandlung genieße, fahren tatsächlich zwei PKW im Minutentakt Kofferräume voller warmer Essenskisten in die Region …

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3 Kommentare

  1. Jetzt versuche ich es mal wieder mit Kommentieren. Hoffend, dass der Kommentar nicht wieder im Nirvana veschwindet wie ein paar zuvor.

    Unter Einschulungswochenende kann ich mir so überhaupt gar nichst vorstellen. Bei uns gehen die Kinder ja mit sieben in die Schule. Und dann gehen sie eben in die Schule. Von da ab. Der erste Tag ist vielleicht nicht grad ein Tag wie jeder andere, aber doch fast. Natürlich macht man bisschen was verspieltes, Vorstellspiele und so, aber das ist es dann auch. Ich glaube, in Dtld ist das doch sehr anders? Aber ganze Wochenenden? Für die Kleinen? Hast du rausgefunden, was dahinter steckt? Eintritt in den Ernst des Lebens?

    War das ein Ex-DDR-Dorf? (Ich darf das fragen, ich bin ortsunkundig) Vielleicht hat man sich in dieser „langweiligen“ Gegend einfach was ausdenken müssen, um das Leben ein bisschen bunter zu machen?

    Ich hoffe, du kannst den heutigen Weg und das heutige Stück zurück an die „Grenze“ auch wieder so entspannt wie gestern genießen.

    Gute Fahrt!

    (Hilfe, irgend ein OpenID-Fehler, also, nochmals versuchen. Man muss ja immer diese doofen Photos anklicken, die so schlecht erkennbar Sandwiches und anderes Futter zeigen … echt, dieses Kommentieren grenzt an einen IQ-Test, darum mach ich es nicht so oft …)

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  2. Ach, wo man nicht mehr weg will…Die aus der Kirche dringende Orgelmusik hat es nicht geschafft?
    Das Weiterfahren und Zelten allein, wie ich das bewundere…
    Alles an dieser Tour – außer der Wespenstecherei in ein so überaus empfindliches Körperteil…allergisch bist du aber nicht!?
    „Achttausender“ – witzig!
    Gruß von Sonja

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  3. Jetzt habe ich endlich Zeit für einen Antwortkommentar:)
    (Zunächst: ich weiß, dass Blogspot doof ist zu Kommentierern. Sollte vielleicht mein Blog mal umziehen zur Konkurrenz. Aber Tipp: Schreib den Kommentar in Word oder so, füg ihn mit Copy&Paste ein, und dann kann er dir 10000mal abstürzen, du hast den Text ja immer noch.)
    Ja, die Einschulungsfeiern. Ich weiß, dass das in der Schweiz nicht groß begangen wird, keine Zuckertüten und so. Woher diese unterschiedlichen Traditionen kommen?
    In Dland wird es wohl überall an nem Wochenende gemacht, damit berufstätige Eltern dabei sein können: Feierstunde in der Schule, meist noch Gottesdienst vorher, dann erste Unterrichtsstunde mit der neuen Klasse (zum Kennenlernen), dann Wochenende mit Familienfeier, Zuckertüte auspacken. Und am Montag dann richtiger Beginn.
    Aber es ist in den westlichen Bundesländern nach meiner Erfahrung eher kleiner gehalten, die Kernfamilie, Großeltern, man geht vielleicht essen, das wars. In der DDR wurde es mehr gefeiert, mit größerer Familie – warum auch immer. Und im Süden (also Sachsen und Thüringen) nochmal stärker. Ich weiß nicht warum, und ob das seit der Wende noch doller geworden ist. Jedenfalls ist es nicht Sache des kleinen Dorfes, sondern wohl in ganz Thüringen/Sachsen so ähnlich. Höre ich so.
    Tieferer Sinn? Weiß nicht. Aber ich weiß, dass auch bei uns (in Bawü) schon im KiGa ein riesiges Bohej um diesen ¨ Ernst des Lebens¨ gemacht wird. Im Grunde ängstigt man die Kinder doch mit dieser Aufregung, oder nicht? Eigentlich doch gut, wenn es einfach ganz normal ist, eines Tages in die Schule zu gehen …

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