Tag 7: Arendsee – Brome

Schnell stehe ich auf, hier an diesem unwirtlichen Platz. Ich möchte nur weg und beginne zu packen, bevor der Campingplatz erwacht. Ein bisschen holt mich der Platz mit dem Aufwachen ein, aber pünktlich zu seiner Öffnung um 7.30 stehe ich vor dem Konsum (sprich: Konn-summ, Betonung auf erster Silbe) und hole mir Brötchen und Kaffee. Beobachte beim Frühstück noch eine Weile die Menschen, die Familien hier. Man müsste ihre Leben vor sich ausgebreitet sehen, man weiß so wenig, man sieht immer nur das Fremde, das Andersartige. So wie mit dem Mann gestern ins Gespräch kommen, sich wirklich begegnen – doch dafür ist in diesem Fahrleben oft keine Zeit (wenn man nicht unbegenzt nach hinten welche hat).

Früh also verlasse ich den Platz, zunächst am See und seinem Schilf entlang, frisches Morgengrün tanken, bevor die Wärme kommt.
Ein heißer Tag wird es, und ein unspektakulärer. Und ein guter. Ja, ein meditativer Tag, ohne besondere Wegmarken. Eine über Stunden gleiche Landschaft, zunächst noch so eben wie am Deich, später hügliger, ringsum Felder in variierenden Farben, in der Ferne Bäume, selten mal Schatten, stille Dörfer, dessen Leben sich nicht zeigt und nach dem sich mir so manche Frage stellt … so geht das über viele Stunden. Ich bin zufrieden.

Viele Gedanken tanzen im Kopf, keine aufreibenden, keine unguten, einfach nur ruhiges Dahinwehen. Ich begegne mir selbst – ausgelöst durch Fahrtdinge. Warum schiebe ich meine Reparaturen und das Kettenschmieren immer auf, und die Pipiplatzwahl übrigens auch – was ist da in mir, was mich immer weiter treibt? Warum empfinde ich die Hügel heute mental als schwierig, während sie mir mit den Kindern zusammen leicht vorkamen? Und warum werden die Anstiege – und der Wind übrigens auch – sofort leichter, wenn ich über sie nachdenke? Unbewusster Unzufriedenheitsdrang, ausschaltbar durch Gedanken?

Im Außen passiert nicht viel. X-mal überfahre ich die Grenze, oft unbemerkt. Ich zähle nicht mit. Sollte ich? Mache ich nach der Tour, zu Hause mit der Karte.
Viele Wegabschnitte führen heute auf Straßen entlang, auch auf belebteren. Die Autos sind im Großen und Ganzen sehr rücksichtsvoll. Angst macht mir das laute Vorbeidonnern trotzdem. Einer hupt mal. Will der mich erziehen? Wozu? So wie auch der Mann, der mich auf den Radtunnel hinweist, während ich eben und glatt auf leerer Straße radle. Ich bin in solchen Momenten leider nicht schlagfertig genug.

Da sind ein paar Orte. Was sich mir einprägen wird, sind vor allem ihre Namen: Schrampe. Schmarsau. Ritze. Salzwedel. Schadewohl. Nettgau. Brome. Und der Fluss Dumme.
In Salzwedel und in Arendsee war ich 1980 zur Klassenfahrt. Natürlich erinnere ich mich an nichts. Nur das: Jenny Marx ist hier geboren. Vermutlich sollten wir das als Wichtigstes mitnehmen. Ob die Stadt damals ein graueres Straßenbild hatte? Sicherlich. Heute ist sie fachwerk- und backsteinhäusig angenehm. Ich finde einen Scheunenhof zum Mittagessen, rede mit Leuten aus Neu-Darchau am Elbdeich und erfahre unter anderem, dass die Fähren seit heute wegen Niedrigwassers nicht mehr fahren. Da haben wir Glück gehabt.

Am Abend bin ich in einer campingplatzlosen Gegend gelandet. Keine Möglichkeit, sein Zelt aufzubauen. Doch, ich frage am Schwimmbad, es gäbe eine Pension, bei der ginge das im Garten. Nur feierten die heute ein großes Fest – ich solle mal schauen.
Der Pensionswirt ließe mich tatsächlich campieren. Nur wäre ringsum Feiertrubel, Tische, tausend Menschen. Und Toilette/Dusche hätte ich heute auch nicht für mich allein, weil all diese Gäste dort sind … hm … mir machte das nichts. Aber letztlich fühlt es sich an wie Übers-Knie-brechen, zumal ich zu einem lächerlichen Preis hier ein Zimmer haben könnte. Na gut. — Ein Zimmer mit Morgensonne, in der ich bei weit geöffnetem Fenster gerade schreibe, das ist fast wie draußensitzen.

Der Abend vergeht mit einem Spaziergang durch den Ort. Wirklich verlassen, hochgeklappte Bürgersteige, eintönige Häuserzeilen, keine Menschen zu sehen und zu ahnen – wieder einmal die Frage, wie man in einem solchen Ort lebt. Fast auch hätte ich kein Gasthaus gefunden. Doch, eines. Sonst hätte ich mich beim Rewe im Spätkauf sättigen müssen …

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