Tag 6: Hitzacker – Arendsee

Um heute mal mit dem Schluss zu beginnen: es ist der furchtbarste Zeltplatz meiner Campingkarriere. Jedenfalls der, auf dem ich mich am unwohlsten fühle. Ich sitze hier an einem Imbiss mit lauter Dudelmusik (alte DDR-Kampflieder inklusive – soll das witzig sein?). Die hohen Kiefern schaffen eine düstere Atmosphäre, mein Zelt steht an ungemütlichster Stelle mitten auf einem von allen Seiten einsichtbaren Platz, so dass ich mich dorthin nicht zurückziehen mag. Die hier dauerhaft anwesenden Großfamilien kleben an den Randplätzen, und wo immer ich mich dazwischen stellen wollte, hieß es, da in der Mitte sei doch noch massig Platz. Alle Plätze mit einem Minimum an Intimsphäre sind belegt, so wie Strandliegen mit Handtüchern. Hier also bin ich gelandet.

Und nun sitze ich und versuche wieder zu mir zu finden. Natürlich wusste ich längst, dass ich eher der Stille- und Idylletyp bin, daher brauche ich eine solche Selbsterfahrung nicht, um etwas über mich zu lernen. Ich grübele also über zwei Dinge nach: Wieso konnte ich hier landen? Und: Wieso zieht es mich so herunter, dass mir schier der ganze Tag kaputtgehen will?

Ja, wieso bin ich hier? Es war ein voller Tag. Auch an Kilometern. Nun hätte ich in Schnackenburg gut sagen können, dass es genug sei, kurz dahinter gab es eine ruhige Möglichkeit, sein Zelt aufzuschlagen. Aber ich, was trieb mich? Ich fand die 70 auf dem Tacho noch ein wenig zu wenig. Ich fühlte mich frisch und nach dem rettenden Imbiss am Elbufer auch endlich satt. So überging ich meinen Instinkt – Stadtzeltplatz, direkt an touristisch überlaufenem See – und trieb mich weiter voran. Einmal hier, gab es kein Zurück. Campingplätze sind nicht so dicht gesäht, dass ich jetzt noch eine Wahl gehabt hätte.

Und wieso zieht es mich in so düstere Stimmung? Doch, ich sehe hier Menschen, die mich anlächeln, ich sehe Kinder spielen, ich finde auch hier Berührung durch Lächeln und Freundlichkeit. Und trotzdem fühle ich mich beengt. Die lärmige Welt rückt mir hier sehr auf die Pelle. Und gleichzeitig Blicke, Rücksichtslosigkeit, Abgrenzung.

Nun, ich nehme es als Übung im Bei-mir-bleiben. Versuche, nicht das Kind mit dem Bade auszuschütten und diesen Tag in seiner Ganzheit doch noch als warm zu empfinden.

Fing er doch so wunderbar an, mit einem Morgenblick auf die Kiefern vor meinem Fenster, mit so ruhigen Stunden bis zum Aufbruch.

Und war doch der Weg heute ein guter. Das Wetter SEHR angenehm mit nur 20-25 Grad und bedecktem Himmel, beim einzigen ernsthaften Regen eine Bushaltestelle, die ich ganz für mich allein hatte. Die Elbauen in nebliger, unspektakulärer und darum friedenstiftender Stille. Die Erinnerungen an meine Pfingsttour (bzw. das Nicht-mehr-Erinnern, bis auf den Baum, unter dem ich damals das Hagelschauspiel beobachtet habe). Die drei Elbfähren (die vierte Flussüberquerung war eine Brücke – nur um bei den geographisch bewanderten oder mitdenkenden Menschen keine Fragen aufkommen zu lassen, ich befinde mich ja auf derselben Elbseite wie heute morgen). Die Verlassenheit des Weges – heute morgen bei den Packtaschenansammlungen in der Jugendherberge hatte ich schlimmste Überfüllung befürchtet. Mein Spiel und Gegenspiel mit dem Wind – welches immer vor allem Fragen an mich selbst stellt: Wie gehe ich mit der Gegenkraft um, wie füge ich mich ein, wie finde ich mich als Partner des Widerstands? Die Natur ringsum – wäre ich kein biologischer Analphabet, gäbe es sicher in der Flora, Fauna und Vogelwelt sooo viel zu sehen; dass aber eine außerordentliche Atmosphäre herrscht, entgeht selbst mir nicht. Die kurzen Begegnungen am Wegesrand – Menschen, die ein bisschen von sich erzählen, und ich von mir und meinem Weg. Die Abendstille, das veränderte Licht, welches ich nur bemerke, wenn ich gegen Abend noch fahre …

Da war so vieles. Von all dem ¨Gesehenen¨ zu erzählen, von der Dorfrepublik Rüterberg, von den Grenzzäunen, der Kaserne, von all diesen Geschichten, fehlt mir jetzt die Wachheit (und nicht zuletzt die Lust zum Zelt zu gehen und das Buch zu holen, in dem ich vieles gelesen habe).

Es war ein guter Tag. Eigentlich. Und das eigentlich streiche ich gleich wieder. Es war ein guter Tag. Ich werde ihn mir von diesem Ort hier nicht kaput machen lassen.

Frage mich nur: Wo werde ich morgen landen? Die Gegend, in der ich sein werde, ist touristisch höchst unerschlossen (zu Recht?), keine Zeltplätze, keine Pensionen. Wer weiß, welche Optionen sich überhaupt bieten. Worauf werde ich mein Augenmerk legen? Wiederum auf die Kilometer, oder auf das idyllische Element (welches es dort eh nicht gibt – Vorsicht: Vorurteil!), oder auf den Zufall? Ich werde sehen …

Und nun hat der Tag, während ich schreibe, doch noch einen sehr erstaunlichen Abschluss gefunden. Ich wurde angesprochen, vom Vater einer pubertierenden Tochter. Aufhänger: meine funktionierende Netzverbindung, welches Netz ich denn hätte. Dann aber über so manches: ihre Reise, komplikationenbehaftet, meine Reise, sie staunenmachend. So kamen wir über unsere Leben ins Gespräch, die wohl gegensätzlicher nicht sein könnten. Ihres zudem in höchsten Komplikationen verstrickt. Gemeinsam aber: die Suche nach dem Gleichen. Nach Wesentlichkeit, nach Innerlichkeit, nach dem Sich-auf-den-Weg-machen. Welches nur in verschiedenen Lebenskonzepten unterschiedliche Ausprägungen haben kann. Dass aber in allen Menschen die gleichen Dinge nagen – ob das wohl so ist? (Ich jedenfalls hätte nie gedacht, mit einem tätowierten gepiercten qualmenden Typen in ein solches Gespräch zu kommen. Da stehen sie mir im Weg, meine Vorurteile, meine Urteile …)
Zum Abschluss dann: sie wären froh, mich angesprochen zu haben. Ich hätte so zufrieden, so lächelnd ausgesehen, als ich da schreibend saß, darum hätten sie sich getraut. — Ja, das ist jetzt ein wahrlich fast unglaublicher Spiegel für mich. Habe ich in mir Lächeln und Zufriedenheit selbst an solchen Abenden???

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Ein Kommentar

  1. Klasse, klasse, klasse!
    Erinnert mich an den Kurkliniksdirektor, der mich staundend fragte, warum ich denn nicht unter Meinesgleichen ginge (womit er ein Kurvolk von Akademikern meinte)- ne, genau das wollte ich nicht.
    Hier wieder diese Sicht, die man auch haben kann, wenn man nur will. Ich sehe dich neben dem „Typen“ stehen, es ist ein gar köstliches Bild!
    Gruß von Sonja

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