Tag 5: Alt Garge – Hitzacker

Der Tag beginnt um zwei Uhr morgens. Genau genommen: um 2.17. Da fällt mein erster Blick auf die Uhr. Mit dem Schlafen ist es in diesem Moment vorbei. Ein Gewitter, stundenlang, direkt über unserem Zelt, so hört es sich an. Unheimlich, so nah. Ich bedenke schnell, wo die großen Bäume stehen und wie viele Häuser mit Blitzableiter in der Nähe sind – das schmälert meine Angst – aber das macht den Peng-Bumms-Knall-Krach nicht kleiner.
Bei jedem lauten Böller wirft sich die Tochter an mich, zwischendurch steckt sie ihre Finger in die Ohren (so dass diese am Morgen schmerzen, die Finger), schläft aber den Schlaf der Seligen weiter. Im Gegensatz zu mir …

Morgens bin ich müder als müd, es regnet aber ohnehin, darum bleiben wir – bis auf lästige Toilettengänge – lange lange liegen.
Wohin auch mit dem nassen Zelt, wir lassen es ausgewittern und ausregnen, dann ist es nach 10 Uhr. Ein Gemütlich-Tag bahnt sich an, da wir hier eh nicht vor Mittag wegkommen werden. Weil zudem für die Tochter Papa-Abholtag ist, überlegen wir ein wenig hin und her, kommen aber bald zu dem Schluss, dass so spätes Losfahren mit einer Abholverabredung nicht sinnvoll zu vereinbaren ist. Der Tag hat eben nur 24 Stunden, und 11 davon liegen wir jetzt schon im Zelt.

Also – ein kleiner saurer Apfel für das Kind, aber sie schluckt es schnell – wird ihre Tour hier enden. Wir telefonieren den Papa auf den Campingplatz, und dann überlege ich, was ich gern möchte. Am liebsten: nochmals mit allen Essen gehen, den Nachmittag gemeinsam verbringen, sich in Ruhe verabschieden. Mit einer Tagestour kombiniert sich das schlecht, also buche ich mir ein Jugendherbergszimmer in Hitzacker – 20 km entfernt – und beschließe, mit den anderen im Auto mitzufahren.
Nun werde ich meine Grenzwegradtour also um 20 km unterbrechen. Aber der gemeinsame Tag ist das wert, und ich verspreche: Bis zum Ende der Tour werde ich mich so oft verfahren haben, dass ich die fehlenden 20 km locker wieder reingefahren haben werde.

Nun denn: Am frühen Nachmittag sitzen wir im Auto, die Räder auf dem Dach, die Packtaschen in den Kofferraum geworfen, und überführen uns, insbesondere mich, nach Hitzacker. (Dort bloß nicht vergessen, mein Rad wieder vom Dach zu nehmen!)

Hitzacker ist ein Ort, den man in Reiseführern vermutlich lieblich nennt, so stelle ich mir ¨lieblich¨ jedenfalls vor. Wir machen es uns trotzdem schön, zunächst in einem Eiscafé, dann in einer Biergartenkneipe. Wespenumwoben verbringen wir unsere letzten gemeinsamen Stunden, bevor ich von nun an allein unterwegs sein werde, während die Kinder mit dem Papa nach Hause und von dort nach Italien reisen.

Es zieht und schmerzt schon ein wenig in mir, als ich allein mein Zimmer beziehe (übrigens: eine fantastische Herberge hier!), als wir uns verabschieden, als ich die Tochter ein letztes Mal drücke und mir vergegenwärtige, was mir fehlen wird. Darum auch ist es besser, heute nicht auf einem Zeltplatz zu sein: Ich werde das gemeinsame Kruschteln im Zelt vermissen, ihr Heizstrahlerdasein im Schlafsack neben mir, das gemeinsame Kochen und Packen (und vorher: das Suchen, das Suchen!). Und das gemeinsame Fahren, bei dem sie sonnenstrahlengleich, mit schlechte-Laune-Unterbrechungen nie länger als 1,5 Minuten lang, neben mir herfuhr  – so einen Begleiter bräuchte jeder Radwanderer!

Es ist seltsam. Ich habe mir das Alleinfahren selbst gewählt. Habe es in den Pfingstferien und früher schon sehr genossen. Bin mir sicher, dass ich in diesem Alleinsein am tiefsten in einen meditativen Zustand hineinfinde. Besitze genug vom Autismus-Gen, wie Herr Irgendlink es nennt (in dessen Blog http://www.irgendlink.de un-un-unbedingt hineinzuschauen lohnt: befindet er sich doch auf dem Weg zum Nordkap, ist schon in höchsten Breitengraden angelangt und schildert das in seinem Blog auf mitreißende, mitreisend machende Weise!)
Und dennoch vermisse ich sie. Ihre Strahlelaune. Ihre Geduld mit sich und der Welt. Ihr Chaos (das sie mit beharrlichem Suchen und triumphierendem Finden kompensiert). Ihre Ausdauer. Ihre Fragen. Ihr Nachdenken. Überhaupt: sie.

Die Jugendherberge fängt mich auf. Viele Radfahrerfamilien sind hier. Man unterhält sich über vergangene und kommende Etappen. Und Jugendgruppen. Aus den Zimmern hört man das Werwolf-Spiel. Durchbrochen von ¨Psst, nicht so laut.¨-Rufen. Woanders wird Ball gespielt. Und Brettspiele. Das Zimmer mir gegenüber trägt die Aufschrift ¨Lehrerstübchen¨, ich fühle mich willkommen:) Spät abends reisen französische Jugendliche mit Geigenkästen an.  Stimmt, da stand was mit Musikfreizeiten an der Infowand. Und allüberall sprüht die besondere Gruppe, sogenannte ¨Behinderte¨, ihren zugewandten, öffnenden Charme in das Hausleben.
Hier ist es warm, hier ist es gut, hier ist der richtige Startpunkt fürs Alleinsein.

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