Tag 4: Büchen – Alt Garge

Mit Blick auf den See bloggen, Seestille und Morgenerwachen vor Augen, gar nicht hier wegwollen. Wenn sich dieses Gefühl einstellt, war der Platz richtig gewählt.
Irgendwann wird die Tochter von der Sonnenwärme aus dem Schlafsack getrieben, schon beim Frühstück flüchten wir in den Schatten, Wärme und unsere Flucht davor wird zum Leitmotiv des Tages werden. (Im Unterschied zu den im Süden Stöhnenden ist das aber unser erster heißer Tag.)

Der Weg ist eben, zunächst, führt entlang des Lübeck-Elbe-Kanals. So erwarten wir das. Darauf stellt sich unser Kopf ein. Und hier wird sichtbar, wie sehr eigentlich der Kopf fährt. Mehr fast als die Beine. Kondition ist immer auch eine Einstellung, eine Erwartung, ein Sicheinlassen.
Erste Bewusstwerdung: als der Weg nach Lauenburg hinauf führt, da streikt es in uns. Wir kehren um, bleiben am Ufer, imbissen dort (man hat uns dort extra eine Bude hingestellt:)) und lassen den hochgelegenen Ort links liegen.

Der Imbiss übrigens überschüttet uns mit Pommes, was möglicherweise ein Versehen, eher aber wohl Geldverdienmasche ist. Wir tragen´s mit Fassung, rufen laut in die Runde der imbissenden Menschen, ob jemand Pommes geschenkt möchte, was nicht der Fall ist, und lassen sie uns – sparsam und nichtsahnend wie wir sind – einpacken. Nichtsahnend deswegen: Habt ihr schonmal probiert, wiiieee bääähhh eingepackte, kalte, lätschige Pommes schmecken? Tut es nicht. Lasst sie euch nie einpacken. Wir sind für den Rest unseres Lebens geheilt.

Zweite Bewusstwerdung dieser Flachstreckenerwartung dann die Elbberge. Die heißen nicht nur so, die sind auch welche. Bei mittlerweile 36 Grad eine Durststrecke im Wortsinne. Oben ist uns die Lust auf das Elbbergmuseum und den Aussichtsturm vergangen, wir hecheln uns nur noch zu einer Bank im Schatten. Befinden uns dort im Ort mit dem sprechenden Namen Vier (vier wovon? haben wir nicht herausgefunden; und der Sohn so: wart ihr auch in Fünf?) und in bester Gesellschaft von minütlich auf die Bank plumpsenden Radfahrern, ebenso erledigt wie wir. (Um jeglichen Fantasien vorzubeugen: es handelte sich um eine große Bankgruppe, niemand plumpste da auf irgendjemand anderen).

Wer sich stundenlang hinaufgekämpft hat, darf dann auch hinabrollen – etwa eine Minute lang. In Boizenburg gibt es außer Eis nicht viel, und dieses teilen wir auch noch mit tausend Wespen, Samariter wir. Ein Wunder, dass wir ungestochen davonkommen, und unüberfahren (Flucht vor Wespen versetzt uns zuweilen in hektisches Quer-über-den-Platz-laufen).

Boizenburg liegt an der Elbe (und ist nicht unser Klassentreffensort, wie die Tochter seit Tagen dachte), also geht es ab jetzt brettleben. So wie gewünscht. Der Elbdeich ist einfach der flachste Radweg der Welt. Was wir nicht dazu gewünscht hatten: die Baum- und Buschlosigkeit. Das heißt nicht nur pralle Sonne, so weit das Auge blicket, sondern auch Weitsicht ohne jedes Ende. Schlecht, wenn man mal muss. So wie die Tochter. Sie versucht es – am Wachturm, am Aussichtsturm – doch jedes Mal kommen schaulustige und verweilende Menschen. Sie verzweifelt fast, und so biegen wir ab vom Deich, in einen Seitenweg, bis dort rettende Büsche ihrem Ansinnen Sichtschutz gewähren.

Die Landschaft übrigens, die ist mir noch sehr nahe. Bin ich doch erst zu Pfingsten hindurchgefahren. Nur war es damals halb so warm, höchstens, also fuhr es sich doppelt so leicht. Der Wachturm ist der erste, der uns auf der Strecke begegnet. Alle anderen bisher waren abgerissen. Wieder so ein Schockmoment. Mit welchem Ziel sie damals auf diesem Turm saßen – das kann man wissen und wissen und wissen, das wird einfach niemals normal. — Heute beobachtet man von hier aus Vögel.

Je näher wir dem Ziel kommen, umso leichter fährt es sich. Die Fähre Bleckede liegt eine Handbreit vor uns (nur gefühlt), und wir beginnen zu fliegen. So lange, bis wir aus der Ferne eine Autoschlange auf ein Schiffchen sich wälzen sehen, was eine schlachtrufgleiche Reaktion bewirkt: ¨Schaffen wir die?¨ – ¨Klar.¨ Und schon sind wir drauf. Sind wir über eine Wasserlücke gesprungen? Wohl kaum. Die Fährfrau schaut trotzdem erschrocken, wo wir plötzlich herkommen.
Fühlt sich gut an, dieses Übers-Wasser-gleiten.

Am anderen Ufer wartet ein Eiscafé. Die Tochter ist bass erstaunt, dass ich ihr zum vierten (?) Male an diesem Tag mehrere Kugeln spendiere. Was aber soll man bei diesem Wetter auch machen?

Ein Anruf beim Campingplatz – seit neulich sind wir skeptisch -, ein Supermarkteinkauf, ein paar Kilometer noch, die wir schwätzend über Fragen der großen Welt verbringen (die Tochter ist so unglaublich wach derzeit, sie reift minütlich vor meinen Augen:)), und dann das Dorf, in dem wir bleiben wollen. Abgeschnitten von jeder Zivilisation, so verlassen, dass es mir schon unheimlich vorkommt, eine Landschaft mit hohen Kiefern und Anhöhen. Schon wieder Anhöhen, und der Zeltplatz natürlich ganz oben. Schwitz.

Zur Belohnung Alleinsamkeit auf der großen Zeltwiese, ein Kiosk mit Bier (Bier!), und wir. Kochen, spielen, reden.
Schlafen, sehr früh.
Ein guter Tag.

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Ein Kommentar

  1. Es schwingt ein feiner Stolz auf die Tochter mit! Das gefällt mir. Auch der Hinweis auf Jürgens Blog. Auch einfach Alles- außer das Wespengetier, überall schwirrend und rennende Leute erzeugend :-)
    Gute, vor allem meditative Weiterreise!

    Gefällt mir

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